« Praxedis deutete schalkhaft mit dem Zeigefinger nach der Stirn - » Mitten im Land Asia « , hat er meistens erwidert , » liegt ein schwarzer Marmelstein ; wer den aufhebt , der weiß alles und braucht nicht mehr zu fragen ... Er war aus Bayerland , der Herr Vincentius , den Bibelspruch hat er wohl zu seinem Trost hingeschrieben . « » Pflegt die Herzogin so viel zu fragen ? « sprach Ekkehard zerstreut . » Ihr werdet ' s wahrnehmen « , sagte Praxedis . Ekkehard musterte die zurückgebliebenen Bücher . » Es tut mir leid um die Tauben , die werden abziehen müssen . « » Warum ? « » Sie haben das ganze erste Buch des , Gallischen Kriegs ' verdorben , und der Brief an die Korinther ist mit untilgbaren Flecken belastet ... « » Ist das ein großer Schaden ? « frug Praxedis . » Ein sehr großer ! « » O ihr arme böse Tauben « , scherzte die Griechin , » kommt her zu mir , eh ' der fromme Mann euch hinausjagt unter die Häher und Falken . « Und sie lockte den Vögeln , die unbefangen in der Büchernische verblieben waren , und wie sie nicht kamen , warf sie einen weißen Wollknäuel auf den Tisch , da flog der Tauber herüber , vermeinend , es sei eine neue Taube angekommen , und ging dem Knäuel mit gemessenen Schritten entgegen , zwei vor und einen zurück , und verbeugte sich und grüßte mit langgezogenem Gurren . Praxedis aber nahm den Knäuel an sich , da flog ihr der Vogel auf den Kopf . Da hub sie leise an , eine griechische Singweise zu summen ; es war das Lied des alten , ewig jungen Sängers von TejosA1 : » Ei sieh , du holdes Täubchen , Wo kommst du hergeflogen ? Woher die Salbendüfte , Die du , die Luft durchwandelnd , Aushauchst und niederträufelst ? Wer bist du ? was beliebt dir ? « Ekkehard horchte hoch auf und warf einen schier erschrockenen Blick von dem Kodex , den er durchblätterte , herüber ; wäre sein Aug ' für natürliche Anmut geübter gewesen , so hätt ' es wohl länger auf der Griechin haften dürfen . Der Tauber war ihr auf die Hand gehüpft , sie hielt ihn mit gebogenem Arm in die Höhe - Anakreons alter Landsmann , der dereinst den parischen Marmorblock zur Venus von Knidos umschuf , hätte das Bild dauernd seinem Gedächtnis eingeprägt . » Was singt Ihr ? « fragte Ekkehard . » Das klingt ja wie fremde Sprache . « » Warum soll ' s nicht so klingen ? « » Griechisch ? ! « » Warum soll ich nicht Griechisch singen ? « gab ihm Praxedis schnippisch zurück . » Bei der Leier des Homerus « , sprach Ekkehard verwundert , » wo in aller Welt habt Ihr das erlernet , unserer Gelehrsamkeit höchstes Ziel ? « » Zu Hause ! ... « sagte Praxedis gelassen und ließ die Taube zurückfliegen . Da schaute Ekkehard noch einmal in scheuer Hochachtung herüber . Bei Aristoteles und Plato war ' s ihm seither kaum eingefallen , daß auch zur Zeit noch lebende Menschen griechischer Zunge auf der Welt seien . Wie eine Ahnung zog ' s durch seinen Sinn , daß hier etwas verkörpert vor ihm stehe , das ihm trotz aller geistlichen und weltlichen Weisheit fremd , unerreichbar ... » Ich glaubte als Lehrer gen Twiel zu kommen « , sprach er wehmütig , » und finde meine Meister . Wollt Ihr von Eurer Muttersprache mir nicht auch dann und wann ein Körnlein zuwenden ? « » Wenn Ihr die Tauben nicht aus der Stube verjagt « , sprach Praxedis . » Ihr könnt ja ein Drahtgitterlein vor die Nische ziehen , wenn sie Euch ums Haupt fliegen wollen . « » Am eines reinen Griechisch willen ... « wollte Ekkehard erwidern , aber die Türe der engen Klause war aufgegangen . - » Was wird hier von Tauben und reinem Griechisch verhandelt ? « klang Frau Hadwigs scharfe Stimme . » Braucht man so viel Zeit , um diese vier Wände anzuschauen ? Nun , Herr Ekkehard , taugt Euch die Höhle ? « Er nickte bejahend . » Dann soll sie gesäubert und in Stand gesetzt werden « , fuhr Frau Hadwig fort . » Auf , Praxedis , die Hände gerührt und vor allem das Taubenvolk verjagt ! « Ekkehard wollte es wagen , ein Wort für die Tauben einzulegen . » Ei so « , sprach Frau Hadwig , » Ihr wünschet allein zu sein und Tauben zu hegen . Soll man Euch nicht auch eine Laute an die Wand hängen und Rosenblätter in Wein streuen ? Gut , wir wollen sie nicht verjagen ; aber heute abend sollen sie gebraten unsern Tisch zieren . « Praxedis tat , als habe sie nichts gehört . » Wie war ' s mit dem reinen Griechisch ? « frug nun die Herzogin . Unbefangen erzählte ihr Ekkehard , um was er die Griechin angegangen , da zogen die Stirnfalten wieder bei Frau Hadwig auf : » Wenn Ihr so wißbegierig seid , so mögt Ihr mich fragen « , sagte sie , » auch mir ist die Sprache geläufig . « Ekkehard sprach nichts dagegen . In ihrer Rede lag meistens eine Schärfe , die das Wort der Erwiderung im Munde abschnitt . - Die Herzogin war streng und genau in allem . Schon in den ersten Tagen nach Ekkehards Ankunft entwarf sie , einen Plan , in welcher Art sie zur Erlernung der lateinischen Sprache vorschreiten wolle . Da fanden sie es am besten , eine Stunde des Tages der löblichen Grammatik zu bestimmen , eine zweite der Lesung des Virgilius . Auf letztere freute sich Ekkehard sehr , er gedachte sich zusammenzufassen und mit Aufbietung von Wissen , Schärfe und Feinheit der Herzogin die Pfade des Verständnisses zu