da sie halb abgewendet von Lydia hinausschaute ; auch war sie gewohnt , Lydia so sehr mit sich selber beschäftigt zu wissen , daß sie sich in ihrer Gegenwart weniger , als sonst ihre Gewohnheit war , Zwang auferlegte . Nicht als wenn Alice vor Andern , selbst vor Männern , ihre Seufzer stets unterdrückt hätte - aber sie that es dann gewiß nicht unwillkürlich , am wenigsten ohne Bewußtsein . Sie setzte ihren Stolz darein , stets Herrin ihrer selbst zu sein ; denn sie wußte , daß die Herrschaft über sich selbst zugleich die erste Bedingung und die sicherste Garantie für die Herrschaft über andere war . - Noch eine dritte Person , die wir fast vergessen hätten , befand sich im Zimmer : Salvador . Er hatte sich in dem entferntesten Winkel niedergekauert und klimperte auf einer alten Mandoline eine spanische Romanze . Sein dunkler Blick war starr auf Lydia gerichtet , die ihn entweder nicht bemerkte oder - vielleicht aus dem Gefühl , daß sie dem seinigen begegnen würde - ihr Auge absichtlich nicht nach dem Winkel richtete . Alice fuhr plötzlich vom Fenster zurück , so daß Lydia erschreckt nach der Ursache fragte . - Sieh ' dort das junge Mädchen , mit dem braunen Tuch um den Kopf geschlungen - was mag sie von mir wollen ? Sie starrt fortwährend zu uns herauf , als suche sie Jemanden . - Wie bleich sie ist ! - bemerkte Lydia - Mich dünkt , es liegt ein Zug von verzweifelter Resignation auf ihrem Gesichte . - Sollte es Anna sein ? - sagte halblaut Alice , als stelle sie diese Frage an ihre eigene Erinnerung . - Beim Himmel , sie ist ' s - aber wie verändert ; es muß ein Unglück geschehen sein . - Alice winkte auf die Straße hinab . Lydia verließ das Zimmer . Salvador hörte auf zu summen und zu klimpern . Bald darauf klopfte es leise aber hastig an der Thüre , und ein zitterndes junges Mädchen stand auf der Schwelle . - Komm zu mir , Anna - sagte Alice mit jenem Zauber , welchen das Mitleid in der weiblichen Brust erzeugt . - Kennst Du mich nicht mehr , Kind ? Anna hatte gleich bei dem ersten Ton von Alicens Stimme den Kopf erhoben ; eine tiefe Röthe überfluthete ihre bleichen abgehärmten Züge . - Einen Schrei , halb von der Angst , halb von Freude ausgepreßt , ausstoßend , stürzte sie auf die schöne Frau zu und warf sich stumm zu ihren Füßen , die sie mit ihren Armen umklammerte . - - Was ist Dir , gute Anna ? - - Mein Bruder - mein Vater - im Gefängniß ! - - - brachte sie endlich mit Mühe hervor . Alice erbleichte . - Ralph im Gefängniß ? - Warum ? Sprich , unglückliches Kind , wann geschah es ? - Heute Nacht - erzählte Anna , ihre noch immer reichlich fließenden Thränen trocknend - kamen vier Gensdarmen und nahmen den Vater und Ralph mit sich . - Der arme alte Vater ! Was wird aus ihm werden in dem kalten , dunkeln Gefängniß ! O , gnädige Frau , retten Sie ihn , retten Sie den guten Ralph , wenn Sie können . Alice hatte sich erhoben und ging mit hastigen Schritten im Zimmer auf und ab . - Und weißt Du den Grund der Verhaftung ? - Ach ja - sagte Anna und erzählte den gestrigen Vorfall mit dem von Möller empfangenen Goldstück . - Herr Klingemann , unser Wirth , begleitete die Gensdarmen . Gewiß hat er die Anzeige gemacht . - Abscheulich - murmelte Alice , die durch den Grund der Verhaftung indeß ziemlich beruhigt wurde ; obschon es nicht unmöglich war , daß man einen andern Verdacht gegen Ralph geschöpft hatte und ihn durch dieses Mittel unschädlich machen wollte . - Sie schickte Salvador zu Gilbert mit der Aufforderung , sogleich zu ihr zu kommen . - Beruhige Dich - tröstete sie Anna - wenn nur jenes Goldstück an ihrer Verhaftung schuld ist , so ist die Sache leicht aufgeklärt . - Wohnt nicht Herr Möller hier in dem Hause ? fragte Anna schüchtern . - Wer ist Herr Möller ? - Der Herr , welcher mir gestern das Goldstück gegeben und mir befahl , heute früh hieher zu kommen . - Der Herr hieß Möller , und nicht Gilbert ? - fragte Alice , die von der neuen Namensveränderung Gilberts nicht wußte . Anna sah Alicen verlegen an . Sie wußte von ihrem Bruder , daß Möller und Gilbert ein und dieselbe Person seien , zweifelte aber zugleich daran , ob sie dies , Alicen gegenüber , eingestehen sollte . Alice , welche die Wahrheit ahnte , half ihr aus der Verlegenheit . Liebes Kind , der Herr hat auf meine Bitte Dich gestern Abend aufgesucht , um Dich zu mir zu bestellen . Nicht in seinen , sondern in meinen Dienst sollst Du eintreten - wenn es Dir so recht ist . Ob dieser Herr sich Möller oder Gilbert genannt hat , kann uns Beiden gleichgültig sein . Ohnehin wird er gleich hier sein , Du wirst Dich dann überzeugen können , ob es derselbe ist , der Dich gestern hieher geladen hat . Anna , erfreut über diese unerwartete Wendung der Dinge , küßte dankbar die Hand Alicens , als draußen Schritte hörbar wurden und bald darauf Gilbert , gefolgt von Salvador , eintrat . Ersterer sah erhitzt und angegriffen aus . Er warf sich nach einem flüchtigen » Guten Morgen « erschöpft auf einen Stuhl . Was konnte diesen kalten Menschen so aufgeregt haben ? Diese Frage lag in Alicens halb spöttischen , halb besorgten Blicken . - Nun ? unterbrach sie endlich das peinliche Schweigen . - Die Wahnsinnigen ! - murmelte er , nur Alicen verständlich . - Sie werden uns Alle zu Grunde richten . - Wo ? reden Sie doch ! Was