aber jetzt weder Leontinens Thränen , noch ihr späteres Schweigen über deren Ursache einen so tiefen Eindruck auf sie , als dies bei jeder Andern der Fall gewesen sein müßte . Sie schrieb Leontinens Aufwallung einer augenblicklichen Erregung zu und mochte sie nicht mit lästigen Fragen verletzen , als dieselbe vorüber schien . Gotthard beschäftigte sich mit immer regerem Eifer mit den beiden Knaben . Ihre Entwicklung grenzte ans Staunenswerthe , doch quälte er sie wenig oder gar nicht mit Lectionen , er entfaltete die reichen Anlagen der Kinder , wie ein geschickter Gärtner eine frische Pflanze zur gesunden Blüte bringt . Halbe Tage streifte er mit ihnen umher über die minder hohen Berge , durch Thäler und Schluchten hin , er gab ihnen Unterricht in den einzelnen Zweigen der Naturkunde , er führte sie in Städte und Dörfer zu Handwerkern und Bauern , bildete ihr Auge und zeigte ihnen alles , was er sie lehrte ; sie mußten es mit Händen greifen , dann begriffen sie es auch geistig . Zum eigentlichen positiven Lernen hatte er den nächsten Winter bestimmt . Sie machen meine Kinder zu Amerikanern , sagte lachend Anna , wenn die Knaben ein unbegreiflich klares Auffassen äußerer Eindrücke zeigten . Geht das so fort , so werden die Buben mit funfzehn Jahren heirathen wollen und ich mit dreißig eine alte Frau sein müssen . Er blickte ihr mit einem fast jubelnden Ausdruck in das reizende Gesicht . Im Gegentheil , gnädige Gräfin , ich sichere Ihnen eine nie unterbrochene Jugend und immer frische Sinne zu . Sie sah ihn dankbar an . Sie fühlte zwar dunkel , daß er die Kinder um ihretwegen liebe , aber sie gestand es sich nicht . Von Otto war nicht wieder unter ihnen die Rede gewesen ; Anna dachte nicht mehr ihrer Pläne , Gotthard sich fern zu halten . Es ist etwas Furchtbares um die Gewalt des sich alltäglich Wiederholenden , wie es leise die Seele umspinnt ! Kronberg war immer noch in Berlin . Sie schrieb ihm lange Berichte über der Knaben Fortschritte , die er in wenigen Zeilen mit der Versicherung erwiderte : es freue ihn , durch die Erfahrung ihr beweisen zu können , daß er sich in Herrn Gotthard nicht geirrt . Uebrigens ließ er sich in keine Details ein ; der Aufenthalt in den ehemals heimischen Kreisen , der rasche Diplomatenwechsel , der zu Verona eröffnete Congreß , an welchem der Minister so bedeutenden Antheil nahm , hatten seine ganze Seele mit so mannigfaltigen Eindrücken überfüllt , daß er Gott dankte , alle Familiensorgen seiner Gemahlin überlassen zu können . So freundlich Kronbergs Schreiben war , lag dennoch unendlich viel Schmerzliches für sie in dem Briefe ; das leise Gefühl , dem Gemahl lästig zu werden , überschlich sie mehr und mehr mit kältender Qual . Daß er als Diplomat dem Reactionssysteme unbedingt anhangen , die monarchischen und conservativen Grundsätze zur Norm all seiner Urtheile machen und dabei mit wachsendem Egoismus eine immer rücksichtsloser ausgedehnte persönliche Unabhängigkeit behaupten könne , war ihr unbegreiflich . Diese Art Freiheitsliebe , die nur ihn selbst von jeder individuellen Pflicht lösen sollte , kam ihr unedel vor . Die Oberflächlichkeit , mit welcher er die griechische Freiheitssache behandelte , die ihr frisches Herz mit dem glühendsten Enthusiasmus erfüllte , that ihr wehe . Das Hinwegschlüpfen über Josephinens Stimmung gegen Leontine , vor allem aber die Gleichgültigkeit gegen die Fortschritte der Kinder , die nur im Triumph über die getroffene Wahl eines Hofmeisters eine Spur der Theilnahme zeigte - alles dies verletzte sie unaussprechlich . Ueber die Bestimmung eines Winteraufenthalts für sie enthielt der Brief keine Zeile und doch ging der October bereits zu Ende . Kronberg mußte es ganz und gar vergessen haben . Otto war noch nicht von Basel herübergekommen . Gotthard lebte nur den Kindern und seinen Studien . Seit ein paar Tagen hatte er sich fast ganz zurückgezogen ; wenn die Kleinen ihn nicht beschäftigten , kam er gar nicht aus seinem Zimmer . Seine Lampe brannte immer noch , wenn Anna , an großstädtische Stunden gewöhnt , lange nach Mitternacht von Leontinen sich trennte ; der bleiche Strahl erhellte die Hautelissetapete ihres Schlafzimmers , auf der die Schlacht bei Sempach dargestellt war ; erwachte sie gegen Morgen , so lag der matte Schein immer noch auf irgend einem Theile des graulichen Bildes . Der junge Mann arbeitet sich todt ! sagte sie leise zu sich selbst . Am Morgen erzählte sie es Leontinen . Welch ein entsetzlicher Ernst in dieses Menschen Willen ! Er will Minister sein , und glaube mir , er wird es . Minister ? fragte Anna . Ja , erwiderte Leontine , er will eine unerhörte Carrière machen , und wenn er sein Ziel erreicht hat , irgend etwas Großes , Ungewöhnliches durchsetzen . Vielleicht ist er verliebt und hofft auf diese Art die Hand seiner höher gestellten Geliebten zu erhalten . Was für romantisch-thörichte Ideen du von allen Leuten dir machst ! sagte Anna etwas gereizt . Nun soll der junge Mann verliebt sein , weil er des Nachts schreibt ! Ja so , meinte lachend die Gescholtene , ich vergaß , in unsern raisonnirenden und revolutionairen Zeiten muß man ein Weib oder ein sechszehnjähriger Jüngling sein , um zu lieben ! O dolce amore , ragion cui non s ' intende , e se ragion intende subito amore non è ! Mit fünfundzwanzig Jahren ist man viel zu alt zum Lieben , nicht wahr ? Sollte Gotthard lieben ? Aber wen ? Lange sann Anna schweigend nach , nicht die leiseste Aeußerung hatte jemals Leontinens Vermuthung bestätigt . Aber warum arbeitete er denn so rastlos ? Ihr fielen die Volksbewegungen der letzten Jahre in Spanien , Portugal und Brasilien ein ; was konnte er mit ihnen allen zu schaffen haben ? In Deutschland war ja alles ruhig . Und dennoch , sollte er irgend einer geheimen politischen Verbindung angehören - unmöglich , das glich ihm nicht . Zum