nicht begriffen , und lag es ihr doch so vor den Füßen ! Und diese Schuld hätte sie beinahe mit sich ins andere Leben genommen , mit sich genommen die Seufzer ihrer Kinder , denen sie ihr Leben vergiftet und vielleicht auch ihre Herzen . Jetzt erkannte sie , wie man den Splitter sieht in des Nächsten Auge , den Balken im eigenen Auge aber nicht . Ach , wenn sie Gott mit dem Gerichte gerichtet hätte , mit welchem sie oft ihren Mann gerichtet ! Eine unendliche Demut kam über sie , sie sah , wie tief unten sie war , keine Strafe schien ihr groß genug , und sie bat die Strafe nicht ab , sondern sie fühlte einen innigen Wunsch , gestraft zu werden , eine Freudigkeit , jede Strafe zu ertragen ; es dünkte ihr , erst dann würde es ihr wieder wohlen , wenn Gott sie so recht züchtigte , dann erst wüßte sie , daß Gottes Augen , von denen sie so lange nichts gemerkt , wieder auf ihr ruhten , seine Hand wieder offen wäre über ihr . Sie fühlte aber auch , daß sie gut machen müsse , was sie gefehlt , bekennen müsse ihre Schuld , es ward ihr so recht von ganzer Seele klar , daß nur dem , der seine Sünden von Herzen bekenne , könne vergeben werden , und nicht nur so obenhin einmal und in Bausch und Bogen bekennen , in der Hoffnung plötzlicher Vergebung und Auswischens , sondern sie bekennen in der Liebe , die sich nicht verbittern läßt , die alle Tage die Schuld bekennet , ohne Versöhnung zu erhalten , die im Bekenntnisse verharret , auch wenn der Bruder das Bekenntnis mißbraucht , sein eigen Unrecht nicht erkennt , sondern alle Tage häuft . Sie wußte , daß an ihr nun alles lag , daß sie der Angel war , um den des Hauses Schicksal sich drehte , daß sie die Hand ans Werk legen müsse sonder Zagen und Zaudern , denn kömmt nicht der Herr wie ein Dieb in der Nacht und fordert von seinem Knechte Rechnung über seinen Haushalt ? Sie wußte , sie mußte vor allem aus das zerrissene Band wieder anknüpfen ; das war ihr großes , ihr heiliges Werk . Man liest so oft von Helden , die Übermenschliches vollbrachten , von Märtyrern , welche Übermenschliches ertrugen ; die Schwächern beben , die Kühnern glühen , wünschen die Tage wieder herauf , wo solchen Ruhm die Kraft erwarb , verwünschen unsere Tage , die so geschliffen einherrollen , einer dem andern gleich , dem Menschen nichts zu bieten scheinen als den Kampf mit der Langenweile in diesen geschliffenen Zeiten und bei den durch sie geschliffenen Menschen . Es ist eine Eigenheit des Menschen , daß er die Größe und das Mächtige nur nach Pfunden , Zahlen , Längen und Breiten zu messen weiß , daß er fürs Geistige keinen andern Maßstab hat als der Zeitungsschreiber für seine Schlachten , deren Größe er nach der Zahl der Toten berechnet und nach der Menge der getanen Kanonenschüsse . Nun aber gibt es Helden und Martyrer immerfort , und die Gelegenheiten dazu kommen jeden Tag . Wo göttliche Kraft im Menschen ist , da sprudelt sie hervor , und wo ist auf Erden die Quelle , welche nicht ihr Bett gefunden ? Die ächte Kraft weiß im Kleinen groß zu sein , der öde Hochmut nur harret immer auf die Gelegenheit , groß zu werden , und harret immer umsonst , und wenn eine Gelegenheit zu Großem käme , so würde er nicht groß werden , sondern gar jämmerlich klein , so wie ein eitler Mensch , der in allen Ängsten nach einem Titel ringt , sei es ein geistlicher oder ein weltlicher , erst recht erbärmlich wird , wenn er denselben erhaschet hat . Ächte Heldenherrlichkeit , großen Märtyrersinn findet und sieht man heute wie immer , man muß ihn nur zu erkennen wissen im Leben und nicht bloß , wenn er geschrieben angepriesen wird , man muß ihn nur zu suchen wissen in jedem Lebensverhältnis und nicht meinen , er blühe nur auf Schlachtfeldern oder Blutgerüsten . Diese Demut aber , die aus der Liebe stammet , Die alles erträgt , alles erduldet , sich nicht verbittern läßt , die da , wo Gott sie stellet , ausharret bis ans Ende , sei es zum Leben , sei es zum Tode , ausharret in dem Bewußtsein , daß über dem Menschen des Herrn Wille walte und dieser Wille ertragen werden müsse zur eigenen Sühnung und Anderer Heil , im Größten wie im Kleinsten : diese Demut ist der Sinn , der die Helden zeugte , aus dem die Martyrer hervortraten , der noch jetzt Helden und Martyrer zeuget . Diese Demut kam über Änneli und dazu eine rechte Freudigkeit , alles auszustehen , was Gott nur für gut finde , und nicht nachzulassen , bis alles wieder sei wie ehedem , wo die Mutter noch lebte . Und jetzt erst war es ihr , als durfte sie so recht wieder an die Mutter denken , und es fiel ihr auf , wie sie sie von Tag zu Tag mehr vergessen und in der letzten Zeit gar nicht an sie gedacht habe . Jetzt hob sie ihre Augen zu ihr auf , und ein Friede kam ihr ins Gemüte und eine fröhliche Zuversicht , wie sie sie lange nicht gefühlt . Das kömmt von der Mutter , dachte sie , sie freut sich auch deiner und will dich aussteuern zu deinem heiligen Werke , wie sie dich während ihres Lebens auch so manchmal aussteuerte mit gutem Rat und lebendiger Vermahnung . Als Änneli so auf dem Berge gerungen und gesieget hatte und sie die Augen aufhob , da schien ihr alles noch viel schöner als sonst , und der Himmel schien ihr nicht nur Die Erde zu umranden , sondern sich auf dieselbe gesenket , mit ihr verwoben zu haben ,