» das thut Keiner ihm nach , « flüsterten dann die Meister unter einander ; und auch seine eigne Frau gab dieses zu , obgleich sie vor den Leuten ihn lächelnd einen alten Dudelsack schalt . Auch Richard wurde in diesem gastlichen Hause zum erstenmale in das bürgerliche Leben des gebildeten , wohlhabenden Mittelstandes eingeführt . Bis dahin hatte er in der fürstlichen Familie , in welcher er auferzogen wurde , nur das vornehme , prunkvolle , von Genüssen aller Art übersatte Leben der Großen gekannt ; und später , als Gegenstück zu demselben , das völlig zwang- und regellose , mitunter ziemlich wüste Treiben von Iwans Freunden , lauter jungen Männern , die weder durch Familienbande noch Rücksichten in ihrer Freiheit gehemmt , nach eigner Wahl diese benutzten . Eugen und dessen Bruder Alex , hatten auf ihr dringendes Verlangen , unter Richards Schutz , ebenfalls in diesem Hause Zutritt erhalten , das in musikalischer Hinsicht ihnen Genüsse bot , die sie in glänzenderen Zirkeln vergebens suchen mußten , und für welche beide Brüder viel Sinn hatten . Die Gegenwart der jungen Fürsten brachte in Frau Karolinens häuslicher Einrichtung zwar nicht die mindeste Abänderung oder Störung hervor , denn sie war auch an Gäste dieses Ranges zu gewöhnt , um sich durch sie irren zu lassen ; aber sie benahm bei der Einladung derselben sich doch immer sehr vorsichtig , und es gehörte ein Fürsprecher wie Richard war dazu , um die Zurückhaltung , die in dieser Hinsicht Grundsatz bei ihr geworden war , zu überwinden . Gott behüte in Gnaden unsre kleinen Abendgesellschaften vor dem Unglück , Mode zu werden ! sprach sie ; dann wäre es bald damit aus und vorbei ! Vor all ' den Ordensbändern , Sternen und Federhüten würden wir selbst kaum Platz im Hause behalten , denn in Petersburg ist es nicht anders , als in andern großen Städten , wo viele vornehme , reiche und müßige Leute bei einander wohnen , die nicht immer wissen , wo sie mit ihrem Überflusse an Zeit hin sollen . Eines Abends hatte die Gesellschaft zahlreicher als gewöhnlich sich versammelt ; in der heitersten glücklichsten Stimmung waren die berühmtesten der damals in Petersburg anwesenden Tonkünstler alle zugegen , um den Geburtstag ihres Freundes Lange recht festlich zu begehen . Mancherlei musikalische , größtentheils humoristische Excesse , wurden bei dieser Gelegenheit getrieben , bis endlich , ganz unverabredet , eine Art Wettkampf daraus entstand , bei welchem jeder von ihnen alles aufbot , um die wenigen , nicht thätig dabei beschäftigten Zuhörer , in einen Rausch von Entzücken zu versetzen . Eugen und Richard hatten sich in die entfernteste Ecke des Zimmers zurück gezogen . Schweigend , mit gesenkten Augen , gab der junge Fürst der Gewalt der Töne sich hin . Erst als der letzte verhallte , richtete er sich auf , um seinen bewundernden Beifall laut werden zu lassen ; sein Blick fiel zuerst auf Richard ; tief gebückt , unbeweglich , beide Hände vor dem Gesicht , saß dieser neben ihm , augenscheinlich in düstre Trauer versunken . Heimweh ohne Zweck und Ziel , Heimweh eines Heimathslosen ! war , von einem tiefen Seufzer begleitet , die kaum hörbar geflüsterte Antwort , welche Eugen auf sein besorgtes Fragen von ihm erhielt . Eugen blickte staunend ihn an . Ach , hätte ich Rußland nie gesehen ! setzte er , gleich einem Träumenden unwillkürlich in sich hinein redend , nach kurzem Schweigen noch hinzu . Jetzt begann Eugen in der That , ein seinem Freunde widerfahrnes Unglück zu fürchten , und hörte nicht auf mit bittenden Fragen in ihn zu dringen . Richard blickte mit jenem trüben Lächeln zu ihm auf , das weit schmerzlichere Klagen ausspricht , als Thränen es könnten . Du frägst so mitleidig , was mir geschehen ? sprach er sehr leise : ach ! nichts und alles , und nicht erst heute oder gestern . Sieh um Dich , so recht mit Deinem innern Auge . Sieh das prunklose , einfache , genußreiche Leben um uns her , betrachte es genau . Sieh und fühle , wie durch des Tages Arbeit und Mühen die Freude des Abends erst zur Freude erhoben wird . Dies ist das Leben , das Glück des Mittelstandes ; zu diesem wurde ich geboren , und wurde früh dafür verdorben , das ist mein Schmerz ! Was hier Reichthum ist , würde in Deiner Sphäre Armuth heißen , und welche Genüsse bietet diese glückliche Armuth ! Hierher gehöre ich ; warum mußte ich aus meinem tiefen Thale auf Eure sonnige Felsenhöhe verpflanzt werden , wo ich nie festwurzeln werde , wo ich , im nutzlosen Streben danach , am Ende doch verkümmern muß ? Und Helena ? erwiederte mit einem Händedruck Eugen . Ach , stünde sie in der Welt nicht höher als jene Julie ! seufzte Richard . Und könnte sie dann noch Helena sein ? fragte Eugen . Ich weiß , ich fühle , es ist wie es ist , und keine Gewalt im Himmel und auf Erden kann die verworrene Zerrissenheit meines unseligen Daseins zu einem Ganzen umbilden , klagte Richard . Aber verarge es mir wer da kann , ich bin müde dieses Harrens auf eine unbestimmte Zukunft , dieses Hoffens ins weite Blaue hinein müde , müde bis zum Tode . Die Luftschlösser , die ich mit Hülfe Deiner sorgenden Liebe mir erbaute , was ist aus ihnen geworden ? sie lösen in Nebel sich auf . Langsam kriecht der Schneckengang meines Lebens von einem Tage zum andern mit mir fort . Was hilft mir Deines Vaters Wohlwollen ? der mächtige Schutz Deines Hauses ? was hilft es mir sogar , daß , wie Du sagst , der Kaiser , seit jenem seltsamen Zusammentreffen mit ihm , meinen Namen kennt , und gnädig meiner erwähnte ? Mein Ziel rückt immer weiter hinaus , ein Wunder nur könnte mich retten , und Wunder geschehen nicht mehr ! Mit bewundernswürdiger Geduld hatte Eugen