darauf , und legte sie auf den Sessel unter der Büste . Er hatte sich inzwischen gesammelt und schon ganz wieder die Haltung des schlichten Geschäftsmanns gefunden . » Ich kann keine Worte vorbringen , welche Ihrer , und der Geister , die uns umschweben , wert wären « , sagte er . » Ich versichre nur , daß es mich sehr freut , auf Ihr Schloß gekommen zu sein , und daß ich hier etwas für meinen Beruf gelernt habe . « Man wechselte noch einige freundliche Reden . Sie empfand ein stilles Zutrauen zu dem Manne , der vor ihrem geliebten Sänger das Knie gebogen hatte , und nun so fest und doch so anspruchslos vor ihr stand . Sie reichte ihm die Hand zum Kusse . Hocherrötend empfing er dieses Zeichen des Wohlwollens . So schied der verwandelte Feind . Fünftes Kapitel Der Herzog hatte nach der Entlassung des Advokaten in seinen Zimmern ein Standrecht abgehalten . Im Schlosse wankte eine alte Gestalt umher , wie man dergleichen wohl als Erbstück in den Häusern großer Familien antrifft . Ein sechzigjähriger Bedienter , der bei dem Großvater und Vater gedient hatte , und nun noch so mitschlenderte ; derselbe , von welchem der Fremde Wilhelmin so zornig angemeldet worden war . Eigensinnig und unverträglich , war er eine Plage der übrigen Dienerschaft , er glaubte mehr Recht zu haben , als sie , weil er seine Kamaraden alle hatte eintreten sehn . Oft hatte man , seiner Unbehülflichkeit wegen , ihn von der Aufwartung bei Tafel entfernen wollen , er setzte sich aber hartnäckig zur Wehre , wenn man sein verjährtes Amt ihm zu nehmen gedachte , und einmal , da man ihn mit Gewalt aus dem Saale trieb , fand man ihn kurz nachher auf dem Söller in unheimlichen Zurüstungen mit Strick und Nagel begriffen . Damals hatte der Herzog befohlen , man solle ihn dulden , und in seinem Wesen gewähren lassen . Diesem Menschen erteilte er jetzt einen ernsthaften Verweis . Er hatte bemerkt , daß jener , statt den Fremden zu bedienen , immer mit der Schüssel an ihm vorübergegangen war , so daß der Gast oft von mehreren Gerichten nichts bekommen hatte . Streng fragte er ihn , was für ein Benehmen das sei ? und verbat sich für die Zukunft dergleichen grobe Nachlässigkeiten . Der alte Erich zitterte vor Ärger . » Es war keine Nachlässigkeit , Ew . Durchlaucht « , rief er . » Ich bin noch so akkurat , wie einer von den Jüngsten . Aber dem sollte ich etwas zu essen geben ? dem ? der uns von Haus und Hof treiben will ? Nimmermehr ! So einer muß hier verhungern und verdursten . « » Was meinst du damit ? « fragte der Herzog betroffen . » Hast du gehorcht ? « » Ich mußte ja das Licht immer zu den Konferenzen bringen . Höre ich nicht , wenn gesprochen wird ? Sehe ich nicht , was zu sehen ist ? « Wirklich hatte der Herzog , gleich vielen seiner Standesgenossen , sich gewöhnt , die Diener nicht für Personen , wenigstens nicht für augen- und ohrenbegabte , zu halten . Manches war schon hin und wieder in Gegenwart der Aufwartenden verhandelt worden , was diese dann zum Nachteil der Herrschaft umhertrugen . Er sagte dem Alten , daß er vernünftig sein , und die Sache bei sich behalten solle . Die Narren haben ihr Herz im Maul , aber die Weisen haben ihren Mund im Herzen ; Jesus Sirach am Einundzwanzigsten « , versetzte Erich , der gern in biblischen Sprüchen redete . » Sie denken , ihren Stuhl herzusetzen , aber es wird ihnen nicht gelingen . « Er klopfte auf seine linke Brust . Der Herzog wußte nicht , was der Alte damit sagen wollte , und bedeutete ihn mit finstrer Miene , sich zusammenzunehmen , denn aller Geduld sei ihr Ziel gesetzt . Draußen zog der zornige Greis ein langes Messer , welches er immer unter dem Rocke bei sich trug , aus dem Futteral , und murmelte , mit der scharfen Waffe durch die Luft fechtend : Wer den Stein in die Höhe wirft , dem fällt er auf den Kopf . Wer einem andern Schlingen stellt , der fängt sich selber . Wer seinem Bruder Schaden tun will , dem kommt es über den eignen Hals , daß er nicht weiß , woher ? Sirach am Achtundzwanzigsten . « Sechstes Kapitel Die Herzogin an Johanna » Es ist mit dem Briefschreiben eine schlimme Sache . Alles , was man spricht , kann man durch Blick und Ton verdolmetschen , aber die schwarzen Buchstaben stellen sich zwischen unsre Meinung und den Dritten , und wer sagt uns , ob sie unsern Sinn getreu überliefern ? Ich schreibe diese Zeilen mit dem innigen Wunsche , Ihnen und uns etwas Heilsames zu erzeigen ; muß ich aber nicht befürchten , daß Sie statt der Gesinnung nur Worte darin finden werden ? Darf ich von demselben irgendeine günstige Wendung des Ereignisses , welches uns betrübt , erwarten ? Ich lasse meines Herzens Meinung fliegen , wie die Taube aus der Arche ; ob ich ein Ölblatt zurückbekomme , oder nicht ? ist mir unbekannt , aber ich lasse die Taube fliegen . Wir dachten immer über einen Punkt sehr verschieden . Sie hassen die Selbstbetrachtung , Sie glauben , man verliere dadurch alle Freuden des Daseins . Mich dagegen führten die äußern Dinge von jeher in mein Innres zurück ; nur was ich dort eroberte , genoß ich als wohlversichertes Besitztum . Solchen Beobachtungen , selbst denen , die andern niederschlagend gewesen wären , verdanke ich die größten Freuden . Mit Entzücken erinnre ich mich noch des Tages , wo mir zum ersten Male recht tief im Busen die durchdringende Überzeugung von meiner schwachen , hülflosen Weiblichkeit wurde . Es war am Morgen nach einem Ballabende , wo man mich mit den schönsten Artigkeiten überhäuft