Augenblicken hinweg , und der väterlich milde Ton der Stimme des Grafen rührte sein Herz , die Güte , womit dieser sich selbst Unrecht gab , beschämte den jungen Mann , und er erröthete über seine eigene Undankbarkeit . Ich hätte Sie daran erinnern sollen , fuhr der Graf fort , daß in diesen traurigen Zeiten des Krieges man oft selbst Schwierigkeiten findet , einander kleine Dienste zu leisten ; ich hätte Sie nach den erlassenen Verordnungen eigentlich als Kriegsgefangenen nach einer Stadt senden müssen , in der sich eine bedeutende Besatzung befindet ; Ihr Zustand erlaubte keine Reise , und ich erhielt die Erlaubniß für Ihre Genesung zu sorgen nur dadurch , daß ich mich verflichtete , Sie , so bald es gefordert würde und Ihre Kräfte es erlauben , vor die Behörde zu stellen , die ein Recht haben würde , es zu verlangen . Seitdem hat sich die Lage der Dinge geändert , damit hätte ich Sie bekannt machen müssen ; das Land ist in den Händen der Franzosen ; ich muß erwarten , daß ich eben so wenig von ihrem Besuch verschont bleiben werde , als Andere , und es ist natürlich , daß Ihre Freunde und Kameraden Sie auffordern werden , ihren Fahnen zu folgen ; ich habe keine Macht es zu hindern , wenn Ihre Ehre Sie hier nicht fesselt , und könnte also in dem Fall , wenn Sie mit den Franzosen zögen , mein Wort nicht lösen . Wie nachtheilig dieß in der Folge für mich sein würde , werden Sie einsehen , wenn ich Ihnen sage , daß schon jetzt unsinnige Gespräche entstehen , als ob ich mit den Feinden des Landes in Verbindung stände , und daß Sie als der Unterhändler bezeichnet werden . Meine Ehre fordert also , daß Sie mich für jezt nicht verlassen , und darum verzeihen Sie mir , daß ich Ihnen in dem Augenblicke so unfreundlich diese Verbindlichkeit auflegte , wo ich mich selbst durch manche trübe Nachrichten verstimmt fühlte . St. Julien sah erst jezt den ganzen Umfang der Verbindlichkeiten ein , die er gegen den Grafen hatte ; tief beschämt durch sein eigenes Unrecht und doch auch zugleich erleichtert im Herzen , blickte er erröthend zum Grafen auf und sagte : Ich habe mich betragen wie ein unverständiger Knabe , ich fühle erst jetzt Ihre großmüthige Schonung , mit der Sie mich über alles Harte meiner Lage hinweg gehoben haben , und ich Thor gebe aus gekränkter Eitelkeit der übeln Laune Raum , wenn so ernsthafte Sorgen Ihr Herz bewegen . Sie sind gegen sich selbst viel zu hart , sagte der Graf lächelnd . Ich weiß nicht , rief St. Julien , welch ein Gefühl Ihre Schonung und Milde würdig erwiedern könnte . Vertrauen , sagte der Graf , wahres freundschaftliches Vertrauen ist der schönste Beweis , daß unsere Freundschaft erkannt wird ; darum beziehen Sie es nicht auf Sich , wenn Sie meine Stirn zuweilen finster sehen , und lassen Sie nicht solche Briefe schreiben , setzte er lächelnd hinzu , indem er ihm den Brief reichte , den St. Julien erröthend zurücknahm , die nichts weiter beweisen , als daß Sie mich mißverstanden haben . Ich sehe ein , fuhr er ernsthaft fort , daß Sie herzlich wünschen müssen , Ihrer Mutter Nachrichten von sich zu geben , aber Sie werden nun auch einsehen , daß ich es nicht unternehmen kann , in diesem Augenblicke Briefe nach Frankreich zu befördern . Ich fürchte aber , Sie werden bald Gelegenheit durch Ihre Landsleute finden . Vergeben Sie mir mein thörichtes Betragen , sagte St. Julien , und ich will mich gern in alles Uebrige finden . Beweisen Sie mir , daß Sie es aufrichtig bereuen , sagte der Graf gütig lächelnd , und lassen Sie mich wie einen Vater für Sie sorgen , ohne daß Sie sich meinen Einrichtungen wiedersetzen . Welch ein Glück wäre es für mich , sagte St. Julien mit Thränen , wenn ich einen solchen Vater hätte , der meine Jugend leitete . Und welch ein Glück wäre es , einen Sohn zu haben , wie Dich , sagte der Graf , indem die Empfindung ihn überwältigte und eine Thräne in seinem Auge schimmerte . Lassen Sie uns nun Beide vernünftig sein , setzte er nach einigen Augenblicken hinzu , und zeigen Sie mir , daß Ihre Empfindung für mich Ihnen Ernst ist . Sie haben von Ihrer Mutter eine Summe Geldes verlangt , es ist aber unmöglich , daß Sie jetzt Ihren Wunsch erfahren oder befriedigen kann , nehmen Sie also indessen von mir , was Sie mir ja später ersetzen können . Der Graf legte mit diesen Worten eine Rolle Gold auf den Tisch , und St. Julien fühlte , daß es ein roher Eigensinn sein würde , wenn er sich weigern wolle , es zu empfangen . Er dankte also einfach , aber herzlich , und nahm es als ein Darlehn an . Fühlen Sie sich stark genug das Zimmer zu verlassen , sagte der Graf , so begleiten Sie mich zu unsern Damen ; das wird Ihnen auf jeden Fall besser sein , als hier einsam zu träumen , was der Arzt auch sagen mag . Freudig nahm St. Julien die Einladung an , der Graf bot ihm selbst den Arm und beide sezten sich nach dem Theezimmer in Bewegung zu Dübois frohem Erstaunen . Die Gräfin heftete einen wehmüthigen Blick auf Beide , als St. Julien , auf den Grafen gestüzt , eintrat , und Emilie bewillkommnete sie mit unschuldiger Freude . Die Unterhaltung wurde lebhaft , man vergaß die gegenwärtige Zeit , und der Graf und St. Julien schienen sich mit jeder Minute einander mehr zu nähern , je mehr sich die Uebereinstimmung ihrer Denkungs- und Empfindungsweise offenbarte . Kunst , Poesie und Natur waren die über alle Parteiinteressen erhabenen Gegenstände des Gesprächs . Emilie mischte sich lebhaft in die Unterhaltung und entfaltete einen Reichthum des Geistes , einen Schatz von