, und schluchzte , und sagte , daß sie mich noch einmal als große Dame wiedersehen würde . Sie starb einige Jahre darauf . Indem ich in den Wagen gesetzt wurde , nahm ich mir in meinen geheimen Gedanken vor , den ganzen Schatz meiner Liebe , den ich bisher an das Rothkehlchen verschleudert , nun auf die hellblinkende Zukunft , der ich entgegenging , zu übertragen . Ein rieselnder Schauer durchlief mich , indem ich mich in die unbestimmte Ferne hineinzuträumen suchte , und die Haare sträubten sich mir ordentlich vor geheimnißvoller Erwartung empor . Noch heut ist mir dieses seltsame Gefühl in aller seiner Lebhaftigkeit gegenwärtig . Da fing der Wagen an fortzurollen , ich sah die Eltern noch einmal am Fenster stehen , und jetzt überfiel mich plötzlich eine früher nie gekannte , starke Empfindung für ihre Gestalten . Ich streckte die Hände nach ihnen aus , ich begann zu weinen , ich rief Vater und Mutter , und der liebe Klang dieser Namen fiel zum ersten Mal mit einer süßen Beklemmung auf mein Herz . Aber der Wagen rollte immer weiter , ich war allein in die Welt hinausgeschickt . Nur eine alte Frau saß neben mir , in einer großen , schwarzen Enveloppe , die von der Tante abgesandt worden war , um mich zu geleiten . Nachdem wir einen halben Tag gefahren waren , wurde es wunderschönes Wetter , und ich wußte mich nun vor Lustigkeit gar nicht zu lassen . Der Sonnenschein lachte mich an , die grünen Thäler breiteten sich meinen Träumen wie ein hoffnungsfarbener Teppich unter , die Häupter der Berge waren plötzlich freundlicher und mannigfaltiger geworden , als in unserm Böhmen , und ein schöner , heller Strom begegnete uns oft , den wir bald durchschneiden , bald zur Seite liegen lassen mußten . Dann ging es eine steile Anhöhe hinauf , die man den Nollendorfer Berg nannte . Hier wurde einen Augenblick Halt gemacht , und ich mußte von hier aus die Augen noch einmal zurückwenden auf Böhmen , das wie ein gesegnetes Wunderland , mit unzähligen in das Himmelblau verfließenden Bergspitzen , vor unsern Blicken ausgebreitet lag . Es verfloß Alles vor meinen Augen , so rührte mich diese Aussicht , die ich mit meiner noch unentwickelten Vorstellungskraft natürlich nur wie ein unklares Mährchen mit Herzensschauern aufnehmen konnte . Endlich schlief ich , von aller der Aufregung ermüdet , ein , und erwachte nicht eher , als bis ich gegen Abend den Wagen über das Straßenpflaster rasseln hörte . Da hieß es , daß wir in Dresden angelangt wären , und ich war Kind genug , mir vor Freuden in die Hände zu klatschen . Die Tante saß auf dem Sopha , eine kleine , sehr starkbeleibte Frau , mit freundlichen , blitzenden Augen . Sie wußte mich gleich durch ihren überaus zärtlichen Empfang für sich einzunehmen , obwohl ich mir eigentlich gestehen mußte , daß ich mich vor ihren freundlichen Augen fürchtete . Es fiel mir unsere Katze dabei ein , wenn sie mir liebkoste , und ich dann nachher mit einer blutigen Hand fortschlich . Aber ich verfolgte diesen Gedanken nicht weiter . Es wurden mir gleich am andern Morgen schönere Kleider angezogen , als ich bisher weder getragen , noch überhaupt gesehen , und ich schlug die Hände über den Kopf zusammen , als ich ans Fenster trat und auf die Straße hinunterschaute . Wir wohnten in einem schönen großen Hause in der Schloßgasse , und konnten noch den schräg gegenüberliegenden Altmarkt mit seinem bunten , heitern Treiben aus unsern Fenstern übersehen . Diesen ganzen Tag war ich fast gar nicht vom Fenster fortzubringen , und wollte auch nichts essen . Ich sah mir nur immer die hübschen , geputzten Leute an , die stattlichen Herren und die zierlichen Damen , die Equipagen und Reiter , die Soldaten mit schallenden Trommeln und Pfeifen , die Ausrufer , die Karrenschieber , die Käufer und Verkäufer , die da unten alle , wie es schien , bloß zu ihrem Vergnügen vorüberspazierten . Und wir selbst wohnten in herrlichen , mit Tapeten , Seide und Purpurstoffen ausgeschmückten Zimmern . So hatte ich mir auf meinem böhmischen Dorfe das Leben nicht gedacht . Es war Alles reicher , wie ich es mir vorgestellt , und doch wieder auch um Vieles ärmer ; aber Das , was fehlte , wußte ich noch gar nicht zu nennen , es war wie in mir selbst verhüllt und eingewickelt . Ich lief zur Tante hin , und hätte ihr gern gesagt , wie mir Alles gefiele , und doch etwas fehle . Aber sie saß in einer Ecke des Kanapees , und las in einem schön eingebundenen Buche , das einen goldenen Schnitt hatte . Ich getraute mir nicht , sie zu fragen , doch fiel mir in meiner Thorheit ein , ob vielleicht in dem schönen Buch stehen möchte , was mir da draußen fehle . Es waren lauter Gedichte gewesen , in denen sie gelesen hatte , wie ich nachher bei Tische auf mein naseweises Andringen von ihr erfuhr . Bei Tische fiel mir sonst noch auf , daß nicht gebetet wurde , und ich von selbst wollte nicht anfangen . Auch schlug die Tante nie ein Kreuz , und als ich ihr mein Amulet zeigte , lachte sie mich dermaßen aus , daß ich es vor Unwillen unter die alten , von Hause mitgebrachten Kleider warf , die ich hier hatte ablegen müssen . Seit dieser Zeit aber hatte ich eine große Sehnsucht nach schönen Büchern , und ich folgte mit Lust und Liebe , als ich nun fleißig zum Lernen angehalten wurde . Ich führte jetzt ein beneidenswerthes Leben , und war über die Maßen glücklich . Meine Lehrer kamen und gingen , ich erfuhr viel Neues , wurde in allen Dingen unterrichtet , und erfreute mich besonders an meinen ersten Versuchen in der Musik , die mir zur Zufriedenheit Aller gelangen . So gingen die Tage wie stiller