erst , daß meine schöne Nachbarin noch immer auf den Knien niedergesunken lag . Ich faßte mir ein Herz . Signora , sprach ich , die Tore werden geschlossen , wir sind die letzten in der Kapelle . Keine Antwort . Ich faßte ihre Rechte , die auf der Seite niederhing , sie war kalt und ohne Leben . Sie lag in Ohnmacht . Ich befand mich in sonderbarer Lage . Die Nacht war schon weit vorgerückt ; nur noch einige Flambeaux zogen durch die Kirche , ich mußte alle Augenblicke befürchten , vergessen zu werden . Ich besann mich nicht lange , rief einen der Fackelträger herbei , um mit seiner Hülfe die Dame aufzurichten . Wie ward mir , als ich den Schleier aufschlug . Der düstere Schein der halbverlöschten Fackel fiel auf ein Gesicht , wie ich es auch auf den herrlichsten Kartons von Raffael nie gesehen ! glänzendbraune Locken hatten sich aufgelöst und fielen herab bis in den verhüllten Busen und umzogen das liebliche Oval ihres Angesichtes , auf dem sich eine durchsichtige Blässe gelagert hatte . Die schönen Bogen der Brauen versprachen ein ernstes , vielleicht etwas schelmisches Auge , und den halbgeöffneten Mund , umkleidet mit den weißesten Perlen , konnte Gram , konnte Scherz so gezogen haben . Als wir sie aufrichten wollten , schlug sie das herrliche , blaue Auge auf , dessen eigener , schwärmerischer Glanz mich so überraschte , daß ich einige Zeit mich zu sammeln nötig hatte . Sie richtete sich plötzlich auf , stand nun in ihrer ganzen Schöne mir gegenüber . Welch zarte Formen bei so vielem Anstand , bei so ungewöhnlicher Höhe des Wuchses . Sie schaute verwundert in der Kirche umher , ließ dann ihre Blicke auf mich herübergleiten : Und Sie hier , Otto ? sprach sie , nicht italienisch , nein , in reinem , wohlklingendem Deutsch . Wie war mir doch so wunderbar ! sie sprach so bekannt zu mir , ja sogar meinen Namen hatte sie genannt ; woher konnte sie ihn wissen ? - Sie schien verwundert über mein Schweigen . Nicht bei Laune , Freund ? und doch haben Sie mich so freundlich unterstützt ? Doch ! lassen Sie uns gehen , es wird spät . Sie hatte recht . Die Fackel drohte zu verlöschen . Ich gab ihr den Arm . Sie drückte zärtlich meine Hand . Was sollte ich denken , was sollte ich machen ? Betrug von ihr war nicht möglich - das Mädchen konnte keine Dirne sein . Verwechslung war offenbar . Aber sie wußte mich bei meinem Namen zu nennen , sie war so ohne Arg . - Ich wagte es - ich übernahm die Rolle eines verstimmten Verehrers , und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen . Am Portal geht mein Jammer von neuem an . Welche Straße sollt ich wählen , um nicht sogleich meine wahre Unbekanntschaft zu verraten ? Ich nahm allen meinen Mut zusammen , und schritt auf die mittlere Straße zu . Mein Gott , rief sie aus , und zog meinen Arm sanft seitwärts , Otto , wo sind Sie nur heute , hier wären wir ja an die Tiber gekommen . Oh ! wie hörte ich so gerne diese Stimme ! Wie lieblich klingt unsere Sprache in einem schönen Munde . Schon oft hatte ich die Römerinnen beneidet , um den Wohllaut ihrer Töne ; hier war weit mehr , als ich je in Rom gehört ; es mußte offenbar ein deutsches Mädchen sein , ich sah es aus allem , und doch so reine , runde Klänge ihrer Sprache ! Als ich noch immer schwieg , brach sie in ein leises Weinen aus . Ihr tränendes Auge sah mich wehmütig an , ihre Lippen wölbten sich , wie wenn sie einen Kuß erwarteten . Bist du mir nicht mehr gut , mein Otto ? Ach könntest du mir zürnen , daß ich die Lamentationen hörte ? Oh ! zürne mir nicht . Doch du hast recht , wäre ich lieber nicht hingegangen . Ich glaubte Trost zu finden , und fand keinen Trost , keine Hoffnung . Alle meine Lieben schienen dem Grab entstiegen , schienen über die Alpen zu wehen , und mit Tönen der Klage mich zu sich zu rufen . Wie bin ich so allein auf der Erde , weinte sie , indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels tauchte , wie bin ich so allein - und wenn ich dich nicht hätte , mein Otto . - Meine Lage grenzte an Verzweiflung , das schönste , lieblichste Kind im Arme , und doch nicht sagen können , wie ich sie liebte ! Als ihre Tränen noch nicht aufhören wollten , flüsterte ich endlich leise : Wie könnte ich dir zürnen ? Sie schaute freudig dankbar auf - Du bist wieder gut ? und oh ! wie siehst du heute doch gar nicht so finster aus , auch deine Stimme klingt heute so weich ! Sei auch morgen so , und laß nicht wieder einen ganzen langen Tag auf dich warten . Sie näherte sich einem Haus und blieb davor stehen , indem sie die Glocke zog . Und nun gute Nacht , mein Herz , sagte sie , wie gerne säß ich noch zu dir auf die Bank , aber die Signora wartet wohl schon zu lange . Ich wußte nicht wie mir geschah , ich fühlte einen heißen Kuß auf meinen Lippen und weg war sie . Ich merkte mir die Nummer des Hauses , aber die Straße konnte ich nicht erkennen . Nur einen Brunnen , und gegenüber von ihrem Haus eine Madonna in Stein gehauen , konnte ich als Zeichen für die Zukunft anmerken . Ich wand mich mit unsäglicher Mühe durch das Gewirre der Straßen und war doch nicht froh , als ich endlich mein Haus erreichte . Bis an den lichten Morgen kein Schlaf . Zuerst ließ mich der Mond nicht schlafen ,