unsrer gemeinschaftlich bemächtigte . Nachdem wir lange miteinander geweint und geklagt hatten , kündigte mir Deine Mutter an , daß sie mich am folgenden Morgen abholen würde und daß ich in ihrem Hotel wohnen sollte . Ich versprach , bereit zu sein , ob ich gleich eine dunkle Abneigung dagegen in mir spürte . Meine guten Hausgenossen hörten mit Betrübnis von dieser Veränderung . Der Glanz Eurer Erscheinung und der Titel Gräfin , unter welchem Deine Mutter von mir zu ihnen sprach , hatte die armen Leute ganz schüchtern gemacht . Es kostete mir viele Mühe , sie zu überzeugen , daß ich die alte Virginia sei und bleiben wolle . Sie weinten alle recht herzlich , als ich am andern Tage mit Deiner Mutter davonfuhr . Im Hotel angelangt , führte mich Deine Mutter in ihr Kabinett , und nachdem sie mich zärtlich umarmt und mir ihre mütterliche Liebe zugesichert hatte , machte sie mir bekannt , daß sie mich ihrem Gemahl , dem Herzoge , vorstellen werde , mit welchem sie schon meinetwegen gesprochen und ihn zu meinem Vorteil gestimmt habe . Ich kann es Dir unmöglich beschreiben , welchen widrigen Eindruck diese fremde , vornehme Wendung auf mich machte . Wie wurde mir aber erst , als sie fortfuhr : » Der Herzog weiß bloß im allgemeinen , daß dein Vater tot ist , ich muß dich aber bitten , es ihm und jedermann zu verhehlen , daß er , mit den Waffen in der Hand die Sache unsers Königs bekämpfend , gestorben . Es könnte uns nachteilig sein in der Gunst des Hofes und würde dem Herzog äußerst mißfallen . « Ich erstarrte . » O mein Vater ! « brach ich endlich schluchzend aus , » kann man von deiner Tochter verlangen , deine Vaterlandsliebe und deine heldenmütige Aufopferung zu verleugnen ? « - » Sei vernünftig , Virginia « , sagte Deine Mutter , » die Dinge haben sich sehr verändert , du wirst dich darein finden lernen und die eingesogenen Vorurteile ablegen . Mein guter Bruder war , durch Umstände , in eine schlechte Sache verflochten worden , Friede sei mit seiner Seele ! Gern will ich im stillen mit dir über seinen Verlust weinen ; aber ich untersage dir , mit mütterlichem Ansehn , mich nicht öffentlich in Verlegenheit zu setzen . « - » Ich werde schweigen , wenn man mich nicht ausdrücklich fragt « , sagte ich entrüstet , und die mit Rührung begonnene Unterredung endete ziemlich lau . Sobald gemeldet wurde , daß der Herzog sichtbar sei , wurde ich , von Deiner Mutter begleitet , zu ihm in den Saal geführt . Er empfing mich recht artig , stellte sich mir als das Haupt der Familie durch das Testament des Großoheims vor und versicherte mich seines väterlichen Schutzes . Er umging jede frühere Beziehung und sagte mir vieles Schmeichelhafte über sein Vergnügen , mich in die große Welt einzuführen , wo ich gewiß mit Erfolg auftreten würde . Dann fügte er , sich gegen Deine Mutter wendend , mit Bedeutung hinzu : » Sie werden Sorge tragen , daß unsre Nichte mit all dem Glanze auftritt , welcher ihren Annehmlichkeiten und unserm Range gebührt . Ich liebe die traurigen Farben nicht « , fuhr er , mit einem Blick auf mich , fort , » sie rauben den schönen Wangen alles Feuer . « Dann entließ er uns mit einer höflichen Wendung . Ganz betäubt von diesen befremdenden Szenen kam ich auf mein Zimmer , wo Du mir in die Arme flogst . Du warst die alte , meine herzige Adele . Deine Liebkosungen , Deine heiteren Scherze beruhigten mein empörtes Gemüt . Dein Bruder Louis ließ sich melden , um die Bekanntschaft seiner schönen Cousine so schnell als möglich zu machen . Du warst Zeuge , wie sein Benehmen und seine Manieren mir auffielen , und lachtest mehrmals laut auf über meine verlegene Befremdung . Ja , man wirft im Auslande unsern Landsleuten Frivolität und Leichtsinn vor , und wohl leider nicht mit Unrecht , wie ich seit meinem Aufenthalt in Paris mit Unwillen wahrgenommen habe ; hier aber überbot ein Ausländer alle Muster , welche ich bisher in dieser Art gesehen . Wie froh war ich , als ihn seine Vergnügungen von uns rissen , ganz gegen seine Neigung , wie er tausendmal schwur . Jetzt fing ich an , aufzuatmen und mich ein wenig in dieser neuen fremden Welt zu finden . Tausend Stimmen in meinem Innern riefen , daß sie nimmer , nimmer die meinige werden könne ; doch war ich entschlossen , sie näher ins Auge zu fassen und reiflich zu erwägen , was mir zu tun vonnöten sei . Wir verlebten nun unsre Tage ganz angenehm , unter uns , indem wir uns durch Musik und Lesen aufheiterten . Deine Mutter war meistens so gütig und liebreich wie in jenen schönen Tagen in meiner Provence . Mein Herz neigte sich wieder kindlich zu ihr ; als Du aber in Deiner schaulustigen Art vorschlugst , einen nahen Spaziergang zu besuchen oder ins Theater zu fahren , und sie sich weigerte , weil ich in Trauer sei , welches ich anfangs dankbar für zarte Schonung hielt , jedoch sie mir bald darauf , mit einer kleinen Verlegenheit , den Vorschlag machte , ob ich mich nicht wenigstens weiß kleiden wolle , indem die Tracht Aufsehn errege und ich ihr durch deren Ablegung einen Gefallen erzeigen würde , da konnte ich mich nicht enthalten , in größter Leidenschaft mit Hamlet auszurufen : » O Himmel , ein vernunftloses Tier würde länger getrauert haben ! « Deine Mutter schwieg beschämt . Das Vertrauen war wieder vernichtet , obschon es mir am andern Tage vor Augen lag , daß sie gegen ihr Gefühl , nur nach der Vorschrift Deines Vaters , handle . Der Herzog , vergib mir , Adele , daß es mir nicht möglich ist , Deinen Vater anders zu nennen , er war mir