Tugend aufwiege , alles dies bei der selbst erprobten Gabe , sich so täuschend zu verstellen , daß sie ihn einst für einen sehr guten Menschen gehalten hatte , flößte ihr neben dem unüberwindlichsten Mistrauen auch den entschiedensten Widerwillen gegen ihn ein . So gelang es ihm auch nicht , sich mit Linovsky zu befreunden , woran ihm freilich im Ganzen weit weniger lag , da der tiefe Ernst desselben , seine oft schwermüthigen Ansichten und seine Zurückgezogenheit von allen rauschenden Freuden des Lebens ihn eher zurückstießen , als anzogen . Aber da er nicht bezweifeln konnte , daß Auguste ihm eine üble Meinung von ihm beigebracht , so hätte er sich gern den Triumph gewährt , sie durch eine genauere Bekanntschaft zu entkräften und in Wohlwollen umzuwandeln . Als jedoch mehrere Versuche , den Sonderling gegen sich umzustimmen , vergebens blieben , gab er die Idee , sich ihm nähern zu wollen , auf , und begegnete ihm mit derselben wortkargen Gleichgültigkeit , die von Linovsky ' s Seite das einzige Resultat seiner freundlichen Zuvorkommenheit gewesen war . Die Bemerkung , daß Erna gerade dann am herzlichsten gegen ihn war , wenn Auguste oder Linovsky , schroff und unzugänglich wie der Felsen im Meer , seine gefällige Annäherung aufnahmen , war ihm ein tröstlicher Beweis , daß sie das ungünstige Vorurtheil gegen ihn nicht mit ihnen theile , ja es misbillige , daß sie es nicht einmal der näheren Untersuchung werth zu halten schienen , um davon zurückzukommen . Oft ruhte ihr holder ausdrucksvoller Blick bittend auf Augusten , als wolle er sie anflehen , das Zurückstoßende ihres Benehmens gegen ihn zu mildern - oft suchte sie durch ein freundliches Wort , das sie an ihn richtete , den Unmuth in ihm wieder zu verlöschen , den die stets abgezirkelte , fast geringschätzige Förmlichkeit ihrer Freundin nothwendig in ihm erregen mußte . Er fühlte sich reichlich durch dieses leise , aber wohlthuende Bestreben ihrer alles Bittere so gern lindernden Güte entschädigt , und wagte sie für mehr als dies , für das Zeichen eines individuellen , innigeren Antheils zu halten , den er sich immer mehr zu erlangen und zu verdienen bemühte . Um die ihm Abgeneigten bekümmerte er sich bald eben so wenig , als sie sich um ihn . XXII So waren zwei Monate vergangen , die glücklichsten und bedeutungsvollsten seines Lebens - durch Hoffnung gewürzt , wenn gleich oft durch Sehnsucht vergiftet , die sich noch so fern von ihrem Ziele fühlte . Sein Inneres glich einem tiefen Meere , in dessen Schooße - wenn auch die Oberfläche oft glatt und still das Bild des Himmels auf den geebneten Wellen trägt - doch eine ewige Bewegung gährt , die jeder leise Hauch von außen schäumend und tosend aufwühlen kann . Er befand sich in einer steten Reizbarkeit , alle seine Gedanken nur auf einen Punkt concentrirt - alle seine Wünsche nur einen Gegenstand umschlingend . Bisher war Freiheit das Element seines Daseyns gewesen , und alles Bedingende ihm verhaßt wie Kettengerassel , und jetzt - o wie schmachtete er nach den heiligen Banden , die ihn zu Erna ' s ewigem Eigenthum weihen , die ihn an die selige Beschränkung eines stillen häuslichen Lebens knüpfen sollten ! Gleichwohl , so deutlich er fühlte , daß es ihm nicht möglich sei , den Zustand dieser Ungewißheit ferner zu ertragen , so würde er doch vielleicht noch lange mit seiner Erklärung gezögert haben , wenn ihn nicht einst ganz unvermuthet die Gräfin bei Seite genommen , ihm zu vertrauen , daß morgen Erna ' s Geburtstag sei , den sie mit einem Ball zu feiern gedenke , der ihr aber lediglich als Impromptü erscheinen solle . Ihm war , als riefe jetzt die Stimme seines Schicksals mit unwiderstehlicher Allmacht ihm zu : Laß diesen Tag , der sie einst der Erde gab , entscheiden , ob sie für dich geboren wurde ! In welchem Aufruhr seines ganzen Wesens brachte er die Nacht zu , die diesem Tage vorausging ! Schlaflos warf er sich auf seinem Lager umher , an den bald Furcht , als gräßlich drohende Erscheinung , bald Hoffnung , als milder Genius seiner dunklen Zukunft , ihm vorüber schwebte . Der erste Schein der Frühe rief ihn auf und hinaus ins Freie . Es war ein kalter Märzmorgen . Blinkender Reif ruhte wie ein weißes Leichentuch auf der Erde , und die blätterlosen Bäume streckten , gleich starren Gerippen , ihre nackten Zweige in die nebelhauchende Luft . Alexander empfand wenig von dem frostigen Einfluß der Atmosphäre . In ihm loderte eine Glut , die sich an dem Altar der heiligsten Sehnsucht entzündete , und die ihn wärmte , als wandele er unter den brennenden Strahlen der Juliussonne einher . Sonderbar erschüttert war sein Gemüth , und ein gar anderer Geist als sonst schien durch die Natur zu wehen , und ihn so innig mit allen winterlichen Erscheinungen zu befreunden , als sei es Fülle des Lenzes , die mit Blüthenhauch ihn umschmeichele . Jetzt regte der Morgenwind seine Fittige , flammend erhellte sich der Osten , und ein herrliches Morgenroth wandelte der Sonne voran , die die Nebel zerstreute . Ihm war so wunderbar zu Muth - mit Wehmuth kämpfend athmete seine beklommene Brust gleichwohl mit vollen Zügen ein frisches , freudiges Gefühl des Daseyns ein . Die glanzumsäumten Wolken zogen wie goldene Träume über ihn hin , und das ferne Jenseits , dessen Schwelle das Grab ist , erschien ihm hinter der purpurnen Pforte des Morgens , alle Schauer der Unsterblichkeit in seiner ernsten Gedankenfülle erweckend . Ein seit seinen Knabenjahren durch Leichtsinn und frivole Zerstreuungen gebannter Geist , der Geist des Gebets , zog heiligend in seine Seele , und belebte ihre öde Tiefe mit frommen Vorsätzen und würdigen Entschlüssen . Thränen stiegen in sein Auge , und sich selbst das Gelübde ablegend , gut und immer besser zu werden , ging er wieder zu Haus , die Empfindungen , die sich in