- Nun ! Du wolltest ja , Geheimer Rat , ich sollte von meiner Jugend sprechen , und schnitt der Meister dazu Schattenbilder , die zu Momenten aus jener Zeit paßten , so konntest du mit der schönen , mit Kupferstichen verzierten Ausgabe meiner biographischen Skizzen zufrieden sein . Als du aber den Artikel aus dem Koch lasest , fiel mir sein lexikalischer Kollege Gerber ein , und ich erblickte mich , ein Leichnam , ausgestreckt auf der Tafel liegend , bereit zur biographischen Sektion . - Der Prosektor könnte sagen : Es ist gar nicht zu verwundern , daß in dem Innern dieses jungen Mannes durch tausend Adern und Äderchen lauter musikalisches Blut läuft , denn das war der Fall bei vielen seiner Blutsverwandten , deren Blutsverwandter er eben deshalb ist . - Ich will nämlich sagen , daß die mehrsten von meinen Tanten und Onkels , deren es , wie der Meister weiß und du eben erst erfahren hast , eine nicht geringe Anzahl gab , Musik trieben und noch dazu meistenteils Instrumente spielten , die schon damals sehr selten waren , jetzt aber zum Teil verschwunden sind , so daß ich nur noch im Traum die ganz wunderbar klingenden Konzerte vernehme , die ich ungefähr bis zu meinem zehnten , eilften Jahr hörte . - Mag es sein , daß deshalb mein musikalisches Talent schon im ersten Aufkeimen die Richtung genommen hat , die in meiner Art zu instrumentieren sich kundtun soll , und die man als zu phantastisch verwirft . - Kannst du dich , Geheimer Rat , der Tränen enthalten , wenn du recht schön auf dem uralten Instrument , auf der Viola d ' Amore , spielen hörst , so danke dem Schöpfer für deine robuste Konstitution ; ich für mein Teil flennte beträchtlich , als der Ritter Eßer sich darauf hören ließ , früher aber noch mehr , wenn ein großer ansehnlicher Mann , dem die geistliche Kleidung ungemein gut stand , und der nun wieder mein Onkel war , mir darauf vorspielte . So war auch eines andern Verwandten Spiel auf der Viola di Gamba gar angenehm und verlockend , wiewohl derjenige Onkel , der mich erzog oder vielmehr nicht erzog , und der das Spinett mit barbarischer Virtuosität zu hantieren wußte , ihm mit Recht Mangel an Takt vorwarf . Der Arme geriet auch bei der ganzen Familie in nicht geringe Verachtung , als man erfahren , daß er in aller Fröhlichkeit nach der Musik einer Sarabande eine Menuett à la Pompadour getanzt . Ich könnte Euch überhaupt viel erzählen von den musikalischen Belustigungen meiner Familie , die oft einzig in ihrer Art sein mochten , aber es würde manches Groteske mit unterlaufen , worüber Ihr lachen müßtet , und meine werten Verwandten Eurem Gelächter preiszugeben , das verbietet der Respectus Parentelae . « » Johannes , « begann der Geheime Rat , » Johannes ! Du wirst es mir in deiner Gemütlichkeit nicht verargen , wenn ich eine Saite in deinem Innern anschlage , deren Berührung dich vielleicht schmerzt . - Immer sprichst du von Onkeln , von Tanten , nicht gedenkst du deines Vaters , deiner Mutter ! « - » O mein Freund , « erwiderte Kreisler mit dem Ausdruck der tiefsten Bewegung , » o mein Freund , eben heute gedachte ich , - doch nein , nichts mehr von Erinnerungen , von Träumen , nichts von dem Augenblick , der heute alles nur gefühlte , nicht verstandene Weh meiner frühen Knabenzeit weckte , aber eine Ruhe kam dann in mein Gemüt , die der ahnungsvollen Stille des Waldes gleicht , wenn der Gewittersturm vorüber ! - Ja , Meister , Ihr habt recht , ich stand unter dem Apfelbaum und horchte auf die weissagende Stimme des hinsterbenden Donners ! - Du kannst dir deutlicher die dumpfe Betäubung denken , in der ich wohl ein paar Jahre fortleben mochte , als ich Tante Füßchen verloren , wenn ich dir sage , daß der Tod meiner Mutter , der in diese Zeit fällt , keinen sonderlichen Eindruck auf mich machte . Weshalb aber mein Vater mich ganz dem Bruder meiner Mutter überließ oder überlassen mußte , darf ich dir nicht sagen , da du Ähnliches in manchem verbrauchten Familienroman oder in irgendeiner Ifflandschen Hauskreuzkomödie nachlesen kannst . Es genügt , dir zu sagen , daß , wenn ich meine Knaben- , ja einen guten Teil meiner Jünglingsjahre im trostlosen Einerlei verlebte , dies wohl eben dem Umstande zuzuschreiben , daß ich elternlos war . Der schlechte Vater ist noch immer viel besser als jeder gute Erzieher , mein ' ich , und mir schauert die Haut , wenn Eltern in lieblosem Unverstande ihre Kinder von sich lassen und verweisen in diese , jene Erziehungsanstalt , wo die Armen ohne Rücksicht auf ihre Individualität , die ja niemanden anders als eben den Eltern recht klar aufgehen kann , nach bestimmter Norm zugeschnitten und appretiert werden . - Was nun eben die Erziehung betrifft , so darf sich kein Mensch auf Erden darüber verwundern , daß ich ungezogen bin , denn der Oheim zog oder erzog mich ganz und gar nicht , sondern überließ mich der Willkür der Lehrer , die ins Haus kamen , da ich keine Schule besuchen und auch durch irgendeine Bekanntschaft mit einem Knaben meines Alters die Einsamkeit des Hauses , das der unverheiratete Oheim mit einem alten trübsinnigen Bedienten allein bewohnte , nicht stören durfte . - Ich besinne mich nur auf drei verschiedene Fälle , in denen der beinahe bis zum Stumpfsinn gleichgültige , ruhige Oheim einen kurzen Akt der Erziehung vornahm , indem er mir eine Ohrfeige zuteilte , so daß ich wirklich während meiner Knabenzeit drei Ohrfeigen empfangen . Ich könnte dir , mein Geheimer Rat , da ich eben zum Schwatzen so aufgelegt , die Geschichte von den drei Ohrfeigen als ein romantisches Kleeblatt auftischen , doch hebe ich nur die mittelste heraus , da ich weiß , daß du auf