. Sie verkündet sich dem Einen heut , und scheint sich dem Andern Morgen zu widersprechen . Sie wirft uns große Phänomene wie Räthsel in den Weg . Der Mensch soll sich daran wagen , aber ich wiederhole es , mit Ehrfurcht und Bescheidenheit , was zu dreist , zu plötzlich , an das Licht gerissen wird , dem ergeht es wie solchen alterthümlichen Schätzen , welche lange Zeit der Erde Schooß verbarg , sie zerbröckeln an der jähen Luftberührung . Und sicher , wir graben auch nur versunkene Schätze aus . Durch ähnliche Wechselbeziehung , sagte die Baronin , welche lange in tiefen Gedanken da saß , würden die oft bestrittenen Wirkungen der Sympathie und Antipathie plötzlich berichtigt sein , und wie diesem , das Knarren einer Thür , das Schneiden in Kork , das Reiben zweier Metalle aneinander , jenem aber , der Duft einer Blume , die Ausdünstung eines Thieres , Uebelkeiten und physische Schmerzen geben , so dürften Blick , Ton , Mienen und Geberdensprache , ja die bloße Atmosphäre eines Menschen , anziehende oder abstoßende Gewalt über einen Dritten ausüben können , und Neigung oder Abneigung würde ein Gemüth beherrschen , ehe es sich selbst davon Rechenschaft zu geben wüßte . Sehr traurig , - fuhr sie fort , bleibt es , wenn solche Zufälligkeiten über ein Leben entscheiden sollen . Zufälligkeiten , erwiederte der Arzt , dürfen wir wohl nichts nennen , was durch innere Nothwendigkeit begründet ist . Alles , was die Individualität eines Menschen so , oder so bestimmt , geht aus dem Zusammenhang des Ganzen hervor , und selbst dasjenige , was von außen hereinwirkend , als zufällig betrachtet wird , bekommt erst durch die innere Gegenkraft seine bleibende Richtung . Man kann nicht immer sagen , wie das Störende entstanden sei , allein wir empfinden dessen trüben Grund in dem Eindruck , welchen es auf uns macht . Das Fürchterliche hierbei ist , fiel der Chevalier ein , daß man den Außendingen eine unumschränkte Gewalt über sich einräumt , und es den Umständen überlassen bleibt , ob zwei Wesen in Conflikt gerathen sollen , welche ohne äußere Vermittelung wohl nie von einander gewußt hätten . Er seufzte bei diesen Worten unwillkührlich , und schien sich seinem bedrohlichen Geschick hinzugeben . Vergessen wir nicht , erwiederte der Arzt , daß die Natur ein Wechselgespräch mit uns führt , und daß die Vernunft auch eine Stimme hat ! Die Vernunft ! rief der Chevalier , ist sie in oder außerhalb dem Zusammenhange des Ganzen begriffen ? Im ersten Fall , wird sie nicht von der ganzen Folge nothwendiger Fortentwickelungen mit bestimmt werden ? Oder , wo wollen sie ihr sonst ihren Platz anweisen ? Gewiß , nahm die Baronin hier rasch das Wort , ist die Vernunft in jedem Lebenskreise eingeschlossen , aber wie ein Auge , das alle Verhältnisse zusammenfaßt , und zu dem innern Spiegel zurückführt , ruht es mitten darinne ; jeder Mensch ist wie ein kleiner Weltherrscher anzusehen , und da keiner dieser Lebenskreise für sich allein ist , sondern alle , wie ein Nürnberger Ei , in einander gefügt sind , so lernt das Auge erst einen , als den Familienkreis , überschauen , dann geht es weiter und weiter , und umfaßt die Welt . Wie leicht wird uns bei einem erweiterten Horizont , und wie sehnen sich alle danach ! Sie werden mir aber doch nicht streiten , unterbrach sie der Chevalier , daß diese Erweiterung sowohl durch Raum- als Zeitverhältnisse hedingt ist , und daß individuelle , wie allgemein geschichtliche , Entwickelungen hier das ihre thun . Wie oft , rief er , durch das Gewicht eigener Erfahrung unterstützt , wird dies innere Auge , um Ihr Gleichniß beizubehalten , von undurchdringlichen Nebeln umschleiert , die so nothwendig , wie unwillkührlich , aus dem Kampf des Lebens erwuchsen . Wo , ich bitte sie , bleibt da die Freiheit der Vernunft ? In sich selbst , entgegnete der Arzt , in dem Vermögen , sich nach Innen zu dem höchsten Wesen zu flüchten , an ihm zu stärken , von ihm zu erfahren , was wir wollen und müßen ! Der Chevalier schüttelte ungläubig den Kopf , als Antonie bleich und schwach , auf Marien gestützt , in das Zimmer trat . Man begegnete ihr sehr liebreich , ohne sie gleichwohl durch zudringliche Fragen oder ein unruhig beeiferndes Entgegenkommen zu quälen . Es gewann sogar das Ansehen , als lasse man der Unterhaltung den einmal begonnenen Lauf . Antonie schien wenig auf die Uebrigen zu merken , sie setzte sich neben Marien ins Fenster , und arbeitete ruhig an einem Haargeflecht , das sie mit großer Sauberkeit zu ordnen verstand . Zuweilen blickte sie auf , und hauchte einen flüchtigen Kuß auf Mariens Stirn ; Viktorine ging mit der Präsidentin das Zimmer auf und ab , der Herzog stand düster auf Antonien sehend , dieser gegenüber , die Andren redeten eifrig , vorzüglich faßte der Chevalier den Faden immer wieder auf , sobald die Unterhaltung einen Augenblick stockte , und da diese von dem Besondern auf das Allgemeine hinauslief , so schien man den Gegenstand ein für allemal erschöpfen zu wollen . Adalbert war auch hinzugetreten . Man kam , wie gewöhnlich , von Einem in das Andere ; und das gemeinsame Gebiet der Ahndungen , Träume und Vorgefühle , ward nach allen Richtungen durchzogen . Einige , welche das Allgemeine bestritten , stellten gleichwohl , unwillkührlich fortgezogen , einzelne Thatsachen in einem Gemisch von Unglauben und innerer Scheu als sonderbare Zufälligkeiten auf . Man sprach hin und her , über die Möglichkeit wechselseitiger Einwirkung aus der Ferne . Mehrere bezweifelten sie , andere , unter ihnen der Arzt , meinten , der Punkt lasse sich schwerlich angeben , wo noch Mittheilung möglich sei , insbesondere , da man die Agenten keinesweges kenne , welche vermittelnd wirken , und die verschiedenen Naturen solche auf eigenthümliche Weise fordern und finden müssen . Der Marquis entschied