versagte . Der Gedanke an Demetrius Gegenwart , an die Möglichkeit , daß er uns gesehen haben könnte , fiel schreckend auf mich . Ich sah mich um , er stand zum Glücke abgewendet , aber Agathokles verstand meine Bewegung . Er zog seinen Arm schnell zurück , sein Blick sank nieder , er hielt mir still die wunden Finger hin , und ich endigte mein Geschäft . Schmerzt es dich noch sehr ? fragte ich ihn , als ich fertig war , und hielt seine Hand in meinen Beiden . Jetzt nicht , antwortete er , und sein Blick erklärte mir den Sinn dieser Worte . Er drückte meine Hand noch einmal , und ging schnell aus dem Zimmer . Auch ich raffte mein Geräthe zusammen , und eilte durch die andere Thüre fort in mein Gemach , wo heiße Thränen dem schmerzlichen und seligen Andenken dieser Scene floßen . Und solche Auftritte stehen mir noch unzählige bevor ! Ich sehe keine Rettung ; denn Demetrius , der sehr strenge Begriffe von den Pflichten einer Gattin hat , und an tausend kleine häusliche Bequemlichkeiten gewohnt ist , fordert durchaus , daß ich ihn begleite , so lange als es mit meiner persönlichen Sicherheit bestehen kann . Ich habe von Weitem versucht , ihn von diesem Vorsatze abzubringen ; aber die Heftigkeit , mit der er sich äußerte , zeigte , wie sehr ein offenbarer Widerspruch ihn aufbringen würde . Das darf ich denn nicht wagen ; denn ich kenne aus Erfahrung die Wirkungen seines Zornes , und auch , dies abgerechnet , ist es meine Pflicht , ihn zu begleiten , so lange er es fordert ; denn ich habe es ihm vor Gott geschworen . Indessen fallen öfters auch schreckende Ereignisse vor . Schon zweimal wurde ich - und zwar das eine Mal mitten in der Nacht von einem gräßlichen Lärmen geweckt . Ein Offizier trat unangemeldet in mein Zimmer , und kündigte mir auf Demetrius Befehl an , daß ich mich fertig machen sollte , in einer Stunde mit allen meinen Leuten aufzubrechen ; denn der Feind nähere sich , Demetrius sey ihm schon mit den Truppen entgegengegangen , da man aber den Ausschlag des Gefechtes nicht wissen könne , so fordere es meine Sicherheit , mich zu entfernen . Ich war so erschrocken , daß ich mich kaum fähig fühlte , die nöthigen Befehle zu geben . Ach , waren nicht Demetrius und Agathokles in Todesgefahr ? Und konnte nicht jeder Augenblick mir einen von ihnen entreißen ? Nachdem aber Alles in Bereitschaft war , und ich nur auf den letzten Befehl harrte , verkündigte mir ein fröhlicher Tumult , und der Schall unserer Tuben2 , die Rückkehr der Sieger . So ging diesmal die drohende Gefahr an mir vorüber . Aber wird es immer so seyn ? O Junia ! Es ist kein kleiner Zusatz zu meinem Leiden , beständig für das zittern zu müssen , was mir das Liebste auf der Welt ist . Fußnoten 1 Die Alten saßen nicht , sondern lagen auf Ruhebetten um ihre Tische herum , und meistens drei und drei auf einem Lager , so , daß drei Seiten des Tisches besetzt , die vierte für den Vorschneider offen blieb . 2 Tuba war eine Art von Blasinstrument , wie unsere Posaunen oder Trompeten , deren sich die Römer im Felde bedienten . 21. Agathokles an Phocion . Lager vor Nisibis , im Aug . 301 . Es ist eine lange Zeit verflossen , seit mein letzter Brief dich von der wunderbaren und traurigen Wendung meines Schicksals unterrichtet hat . Seitdem sind viele schmerzhafte Stunden vergangen , und in durchwachten Nächten ist mancher fruchtlose Versuch zur Bekämpfung einer Leidenschaft gemacht worden , die mit jedem Tage neu genährt , und allzu reizend unterhalten , endlich jedes ohnmächtigen Widerstandes spottet . Feindselig hat das Geschick sich wider mich verschworen ; von allen Seiten umstellt es mich mit unausweichbaren Netzen , in denen ich mich verwirren , in denen ich fallen muß . Habe ich denn irgend eine verborgene Schuld meines eigenen Herzens , oder eine alte meines Geschlechtes abzubüßen , daß , wie in den Dichtungen der Tragiker , die Eumeniden mich rächend verfolgen , und das Fatum sein Opfer zürnend fordert ? Nur zwei Auswege sehe ich offen , wie mein verworrenes Schicksal sich lösen kann - nur zwei - und Einer ist finsterer , als der Andere . Aber , wenn hier das Bewußtseyn verlorner Unschuld , zertretener Pflicht den Gefallenen für kurze Seligkeit endlos foltert : so öffnet dort nach wenig durchkämpften Stunden sich hinter dem finstern Vorhang eine hoffnungsreiche Aussicht in eine lohnende Welt . Schuld oder Tod ! Wie kann das denkende Wesen zweifelnd anstehen ? Von allen Seiten umgeben mich hier Menschen und Grundsätze aus einer Sekte , die ich bisher , angesteckt von den Vorurtheilen unserer Schulen , und unsers öffentlichen Lebens , als ängstlich , die Kraft des Menschen lähmend und lächerlich schwärmend verachtete . Ich lebe unter Christen , ich lerne ihr System , ihre Lehrsätze genauer kennen , und es liegen Begriffe , Ansichten , Hoffnungen darin , die nicht blos dem blinden Glauben , die selbst der vorurtheilfreien Vernunft groß , edel , und höchst Wahrscheinlich erscheinen müssen . Tief aus der Natur des Menschen geschöpft , auf seine mächtigsten Triebe gebaut , und mit seinen edelsten Kräften wirkend , steht ihr System da , und scheint , so weit ich es kenne , nichts als das deutlich ausgesprochene Resultat dessen , was unsere Weisen seit Jahrhunderten , zweifelnd und ahnend , in unzusammenhängenden Sätzen vortrugen . Wo diese in Dämmerung irrten , zeigt jene ihren Anhängern volles Licht ; lehrt jene sie mit kindlicher Zuversicht glauben , und wer auch nicht von den Ihrigen ist , fühlt sich hingerissen und versucht , den Trost zu ergreifen , den sie anbietet . Es ist eine Zukunft , eine Vergeltung nach dem Tode , und unser Schicksalsgewebe wird erst dort