, warum man es für Poesie nach gemeiner Weise hält , wenn man die Natur für einen Poeten ausgiebt . Sie ist es nicht zu allen Zeiten . Es ist in ihr , wie in dem Menschen , ein entgegengesetztes Wesen , die dumpfe Begierde und die stumpfe Gefühllosigkeit und Trägheit , die einen rastlosen Streit mit der Poesie führen . Er wäre ein schöner Stoff zu einem Gedicht , dieser gewaltige Kampf . Manche Länder und Zeiten scheinen , wie die meisten Menschen , ganz unter der Botmäßigkeit dieser Feindinn der Poesie zu stehen , dagegen in andern die Poesie einheimisch und überall sichtbar ist . Für den Geschichtschreiber sind die Zeiten dieses Kampfes äußerst merkwürdig , ihre Darstellung ein reizendes und belohnendes Geschäft . Es sind gewöhnlich die Geburtszeiten der Dichter . Der Widersacherinn ist nichts unangenehmer , als daß sie der Poesie gegenüber selbst zu einer poetischen Person wird , und nicht selten in der Hitze die Waffen mit ihr tauscht , und von ihrem eigenen heimtückischen Geschosse heftig getroffen wird , dahingegen die Wunden der Poesie , die sie von ihren eigenen Waffen erhält , leicht heilen und sie nur noch reitzender und gewaltiger machen . Der Krieg überhaupt , sagte Heinrich , scheint mir eine poetische Wirkung . Die Leute glauben sich für irgend einen armseligen Besitz schlagen zu müssen , und merken nicht , daß sie der romantische Geist aufregt , um die unnützen Schlechtigkeiten durch sich selbst zu vernichten . Sie führen die Waffen für die Sache der Poesie , und beyde Heere folgen Einer unsichtbaren Fahne . Im Kriege , versetzte Klingsohr , regt sich das Urgewässer . Neue Welttheile sollen entstehen , neue Geschlechter sollen aus der großen Auflösung anschießen . Der wahre Krieg ist der Religionskrieg ; der geht gerade zu auf Untergang , und der Wahnsinn der Menschen erscheint in seiner völligen Gestalt . Viele Kriege , besonders die vom Nationalhaß entspringen , gehören in diese Klasse mit , und sie sind ächte Dichtungen . Hier sind die wahren Helden zu Hause , die das edelste Gegenbild der Dichter , nichts anders , als unwillkührlich von Poesie durchdrungene Weltkräfte sind . Ein Dichter , der zugleich Held wäre , ist schon ein göttlicher Gesandter , aber seiner Darstellung ist unsere Poesie nicht gewachsen . Wie versteht ihr das , lieber Vater ? sagte Heinrich . Kann ein Gegenstand zu überschwänglich für die Poesie sein ? Allerdings . Nur kann man im Grunde nicht sagen , für die Poesie , sondern nur für unsere irdischen Mittel und Werkzeuge . Wenn es schon für einen einzelnen Dichter nur ein eigenthümliches Gebiet giebt , innerhalb dessen er bleiben muß , um nicht alle Haltung und den Athem zu verlieren : so giebt es auch für die ganze Summe menschlicher Kräfte eine bestimmte Grenze der Darstellbarkeit , über welche hinaus die Darstellung die nöthige Dichtigkeit und Gestaltung nicht behalten kann , und in ein leeres täuschendes Unding sich verliert . Besonders als Lehrling kann man nicht genug sich vor diesen Ausschweifungen hüten , da eine lebhafte Fantasie nur gar zu gern nach den Grenzen sich begiebt , und übermüthig das Unsinnliche , Übermäßige zu ergreifen und auszusprechen sucht . Reifere Erfahrung lehrt erst , jene Unverhältnißmäßigkeit der Gegenstände zu vermeiden , und die Aufspürung des Einfachsten und Höchsten der Weltweisheit zu überlassen . Der ältere Dichter steigt nicht höher , als er es gerade nöthig hat , um seinen mannichfaltigen Vorrath in eine leichtfaßliche Ordnung zu stellen , und hütet sich wohl , die Mannichfaltigkeit zu verlassen , die ihm Stoff genug und auch die nöthigen Vergleichspunkte darbietet . Ich möchte fast sagen , das Chaos muß in jeder Dichtung durch den regelmäßigen Flor der Ordnung schimmern . Den Reichthum der Erfindung macht nur eine leichte Zusammenstellung faßlich und anmuthig , dagegen auch das bloße Ebenmaaß die unangenehme Dürre einer Zahlenfigur hat . Die beste Poesie liegt uns ganz nahe , und ein gewöhnlicher Gegenstand ist nicht selten ihr liebster Stoff . Für den Dichter ist die Poesie an beschränkte Werkzeuge gebunden , und eben dadurch wird sie zur Kunst . Die Sprache überhaupt hat ihren bestimmten Kreis . Noch enger ist der Umfang einer besondern Volkssprache . Durch Übung und Nachdenken lernt der Dichter seine Sprache kennen . Er weiß , was er mit ihr leisten kann , genau , und wird keinen thörichten Versuch machen , sie über ihre Kräfte anzuspannen . Nur selten wird er alle ihre Kräfte in Einen Punkt zusammen drängen , denn sonst wird er ermüdend , und vernichtet selbst die kostbare Wirkung einer gutangebrachten Kraftäußerung . Auf seltsame Sprünge richtet sie nur ein Gaukler , kein Dichter ab . Überhaupt können die Dichter nicht genug von den Musikern und Mahlern lernen . In diesen Künsten wird es recht auffallend , wie nöthig es ist , wirthschaftlich mit den Hülfsmitteln der Kunst umzugehn , und wie viel auf geschickte Verhältnisse ankommt . Dagegen könnten freylich jene Künstler auch von uns die poetische Unabhängigkeit und den innern Geist jeder Dichtung und Erfindung , jedes ächten Kunstwerks überhaupt , dankbar annehmen . Sie sollten poetischer und wir musikalischer und mahlerischer seyn - beydes nach der Art und Weise unserer Kunst . Der Stoff ist nicht der Zweck der Kunst , aber die Ausführung ist es . Du wirst selbst sehen , welche Gesänge dir am besten gerathen , gewiß die , deren Gegenstände dir am geläufigsten und gegenwärtigsten sind . Daher kann man sagen , daß die Poesie ganz auf Erfahrung beruht . Ich weiß selbst , daß mir in jungen Jahren ein Gegenstand nicht leicht zu entfernt und zu unbekannt seyn konnte , den ich nicht am liebsten besungen hätte . Was wurde es ? ein leeres , armseliges Wortgeräusch , ohne einen Funken wahrer Poesie . Daher ist auch ein Mährchen eine sehr schwierige Aufgabe , und selten wird ein junger Dichter sie gut lösen . Ich möchte gern eins von dir hören , sagte Heinrich .