( weil sie doch Hetäre heißen soll ) sich das Recht Ausnahmen zu machen vorbehält . Sie sagte dieß mit einem so reizenden Ausdruck von Selbstbewußtseyn und Muthwillen , daß es mir beinahe unmöglich war , nicht auf der Stelle die Probe zu machen , ob ich vielleicht unter diese Ausnahmen gehören könnte : aber die Furcht , durch ein zu rasches Wagestück mein Spiel auf immer zu verderben , zog mich noch stark genug zurück , daß ich Meister von mir selber blieb . Solltest du , sagte ich , indem ich eine ihrer Lilienhände , die in diesem Augenblick auf ihrem Schooße lag , etwas wärmer als der bloßen Freundschaft zukommt , mit der meinigen drückte , solltest du wirklich hartherzig genug seyn , ein so grausames Spiel mit uns Armen zu treiben , als du dir jetzt einzubilden Belieben trägst ? - Hartherzig ? versetzte sie mit spottendem Lächeln , ihre Hand schnell unter der meinigen wegziehend , indem sie sich eben so schnell von der Bank , wo wir saßen , aufschwang und wie eine Göttin vor mir stand ; zum Beweise , daß ich es wenigstens nicht für dich bin , lass ' dir ein für allemal rathen , Freund Aristipp , keine Kunstgriffe bei mir zu versuchen . Unser Verhältniß ist von einer sehr zarten Art ; ich erlaube dir den Augenblick zu belauschen , aber hüte dich , ihm zuvorzukommen ! Beinahe sollt ' ich denken , schöne Lais ( erwiederte ich ) , du seyst bei dem weisen Sokrates in die Schule gegangen - » Wie so ? « - Weil die Lehre oder Warnung , die du mir so eben gibst , die nämliche ist , die ich ihn einst einer jungen Hetäre zu Athen geben hörte . - » Du scherzest , Aristipp ; wie käm ' ein Mann wie Sokrates dazu , sich mit dem Unterricht einer Hetäre abzugeben ? « - Du kennest ihn noch wenig , schöne Lais , wie ich sehe . Kein Sterblicher ist freier von Vorurtheilen als er , und das Geschäft seines Lebens ist , allen Arten von Personen , unbegehrt und ohne auf ihren Dank zu rechnen , Unterricht und guten Rath zu geben . Er lehrt einen Gerber besseres Leder machen , einen Tänzer gefälliger tanzen , einen Maler geistreicher malen , einen Hipparchen seine Reiter und Pferde besser abrichten : warum sollte er nicht auch eine unerfahrne aber schöne und lehrbegierige junge Hetäre zur Virtuosin in ihrer Kunst zu machen suchen ? - » Du erregst meine Neugier ; wolltest du mir wohl das Vergnügen machen , mir alles zu erzählen , was du von dieser sonderbaren Begebenheit noch im Gedächtniß hast ? « - Sehr gern ; ich erinnere mich noch eines jeden Wortes , wiewohl es schon über Jahr und Tag ist , daß sie sich zugetragen hat . Einer von den Unsrigen , Kleombrotos von Ambracien , ein junger Schwärmer , wenn je einer war , erzählte uns , er habe so eben durch einen glücklichen Zufall Gelegenheit gehabt , das schönste Mädchen in Athen zu sehen , und zwar , wie nicht jedermann sie zu sehen bekomme ; denn sie sitze eben einem Maler als Modell . Da er nicht aufhören konnte , von der Schönheit dieser jungen Person als einer unaussprechlichen Sache zu reden , sagte Sokrates endlich lächelnd : wenn das ist , so könntest du uns den ganzen Tag davon sprechen , ohne daß wir ein Wort mehr wüßten als zuvor ; denn von einer unaussprechlichen Sache einen Begriff durchs Ohr zu bekommen , ist unmöglich . Da wäre also , sagte dein naseweiser Freund Aristipp , kein andres Mittel uns zu überzeugen , daß Kleombrotos nicht zu viel gesagt habe , wiewohl er eigentlich nichts gesagt hat , als daß wir selbst hingingen und mit eignen Augen sähen . So gehen wir denn , sagte Sokrates . Kleombrotos führte uns also alle , so viel unser gerade um den Meister waren , nach der Wohnung der schönen Theodota , mit welcher er durch seinen Freund , den Maler , schon bekannt war ; wir wurden gefällig empfangen , stellten uns in bescheidener Entfernung um den Künstler her , und sahen - was zu sehen war . - War das Mädchen wirklich so schön ? unterbrach mich Lais im Ton der vollkommensten Gleichgültigkeit - In der That , antwortete ich in eben dem Ton , schön genug , daß sie mit allen Ehren die Stelle einer von deinen drei Grazien einnehmen könnte . Schmeichler ! sagte sie , indem sie mir einen leichten Schlag auf die Schulter gab ; ich unterbreche dich nicht wieder . Als der Maler aufgehört , und die schöne Theodota sich in ein Nebengemach begeben hatte , um ihren Anzug wieder in die gewöhnliche Ordnung bringen zu lassen , warf Sokrates , in einem ihm ganz eigenen unnachahmlichen Mittelton zwischen Scherz und Ernst , die Frage auf : ob wir , die Zuschauer , der schönen Theodota für die Erlaubniß ihre Schönheiten in einen so genauen Augenschein zu nehmen , oder Theodota nicht vielmehr uns für die Beschauung , Dank schuldig sey ? und entschied sie , nach Maßgabe des ihr oder ihnen wahrscheinlich daraus zuwachsenden Vortheils oder Nachtheils , zu Gunsten der Zuschauer . Immittelst hatte er , seiner Gewohnheit nach , mit seinen weit hervorragenden scharf blickenden Augen das Innere des ganzen Hauswesens ausgekundschaftet ; und als Theodota wieder sichtbar ward , machte er ihr sein Compliment über den reichen und glänzenden Fuß , auf welchem alles bei ihr eingerichtet sey . Das alles setzte er hinzu , muß dich viel Geld kosten , und ein so großer Aufwand setzt ein großes Vermögen voraus . Du hast ohne Zweifel ein schönes Landgut ? - Keine Erdscholle , antwortete Theodota etwas schnippisch . - » Also vermuthlich ein Haus , das dir ansehnliche Renten abwirft ? « - Auch das nicht , erwiederte sie , indem sie ein