einer Religion unterrichtet worden sei und ob er ein kirchliches Glaubensbekenntniß abgelegt habe oder nicht . Mit der Neugier der Jugend war er , wenn man ihm in Amerika am Sonntage seine Stunden für den Kirchenbesuch frei gegeben hatte , bald in diese , bald in jene Kirche gegangen , hatte dem Gottesdienste der verschiedensten Culte zugesehen , bis er , dieses Anschauens müde , den Kirchenbesuch , zu dem er im Weißenbach ' schen Hause ohnehin nicht angehalten worden war , und den er Seba niemals üben sehen , endlich ganz und gar aufgegeben hatte . Er war nicht confirmirt worden , er hatte nie das Abendmahl genossen , er hätte nicht zu sagen vermocht , welchem Bekenntnisse er angehöre , hätte sein Taufschein es nicht ausgewiesen , daß er in die christlich evangelische Kirchengemeinschaft aufgenommen sei ; und mit Davide war es ziemlich derselbe Fall . Denn wie die religiösen Verhältnisse sich in unsern Zeiten ausgebildet haben , wählt der Mensch seine Religion nur in den seltensten Fällen frei und selbstständig : er wird in ihr geboren und nimmt sie als Familien-Ueberlieferung in sein eigenes Leben mit hinüber . Davide hatte mit dem Judenthume nicht mehr Zusammenhang , als ihr Verlobter mit dem Christenthume ; aber ihre Begriffe von Recht und Unrecht , ihr Streben nach dem Guten , ihre Verehrung vor dem Großen und Erhabenen , ja , alle ihre moralischen Anschauungen und sittlichen Ueberzeugungen waren ihnen Beiden frühzeitig von derselben Hand und aus derselben lautern Quelle zugekommen , und das öftere und längere Zusammenleben in den Jahren , welche dem Kriege vorausgegangen waren , hatten dazu gedient , den Einklang zwischen Seba und ihren beiden Pflegekindern , wie sie Paul und Davide zu nennen liebte , vollständig herauszubilden . Sie waren durch und mit einander unablässig in ihrer Entwicklung vorgeschritten . Die weitreichenden socialen Ansichten , welche Paul erworben , hatten Seba vielfach aufgeklärt , ihre inneren Erfahrungen waren ihm , so weit ein Mensch dem anderen mit seinen Erfahrungen nützen kann , zu Gute gekommen , und zwischen ihnen Beiden war Davide in einer Atmosphäre der Wahrheit und der Verständigkeit so unangefochten aufgewachsen , daß sie die Möglichkeit besessen hatte , sich zu dem Gleichmaß und zu der ruhigen Seelenschönheit zu entfalten , welche Seba einst an der Baronin Angelika bewundert und für sich selbst in jenen Tagen so unnachahmlich gefunden hatte . Weil Seba noch um ihren Vater trauerte , verzichtete das junge Paar darauf , seine Verlobung den Freunden bekannt zu machen , und man benutzte diese Zeit , Davidens Uebertritt zur christlichen Kirche , ohne welchen ihre Ehe mit Paul eine Unmöglichkeit gewesen sein würde , einzuleiten . Die Zeit war aufgeklärt , denn die Freiheitskriege , in denen Männer und Jünglinge aller Bekenntnisse einmüthig in Reih und Glied gestanden hatten , um das Joch der Fremdherrschaft von dem Vaterlande abzuwerfen , hatte selbst den Beschränkten und Kurzsichtigen , wenigstens für den Augenblick , die Erkenntniß gegeben , daß man die gleiche Vaterlandsliebe hegen , die gleiche Ansicht über die Ziele der Menschen haben könne , ohne den Glauben an die kirchlichen Lehrsätze mit einander zu theilen , und es hatte also in der Stadt , in welcher ein Fichte seine Reden an das deutsche Volk und Schleiermacher seine moralphilosophischen Predigten gehalten hatte , keine Schwierigkeit , einen Geistlichen zu finden , der sich willig zeigte , der jungen , in den Grundsätzen einer reinen Moral und einer liebevollen Hingebung an das Ideale auferzogenen Jüdin die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft zu bewilligen , wenngleich sie Manches , das die protestantischevangelische Kirche zum Glaubenssatz erhoben hat , nur als geschichtlichen Mythus anzusehen vermochte . Weder Davide , noch einer der beiden ihr verbundenen Menschen hatten dabei Kämpfe in sich zu bestehen oder große äußere Hindernisse zu überwinden ; denn wo die Grundanlage in der Natur eines Menschen gesund ist , wo die Verhältnisse , in denen er sich bewegt , auf Wahrheit gegründet sind , und wo sein Thun und Streben sich im richtigen Zusammenhange mit der Zeit befinden , der er angehört , da vollziehen alle Wandlungen sich sehr einfach und unmerklich , da geschehen seine eigene Entwicklung und das Wachsen seiner äußeren Glücksumstände meist so allmählich und so still wie die Entfaltung eines Keimes zu seiner Blüthe und zu seiner Frucht . Nicht das täglich Werdende , nur das Gewordene stellt in solchen gesunden und natur- und zeitgemäßen Verhältnissen sich dem beobachtenden Blicke dar , und es hat immer seine Bedenklichkeiten , wenn das Leben eines Menschen oder einer Familie viel von sich sprechen macht , oder die Aufmerksamkeit der Außenwelt durch ungewöhnliche Vorgänge auf sich zieht . Es war nicht zum Verwundern , daß Seba sich in diesem Jahre so einsam hielt , nicht zum Verwundern , daß Paul früher als die Anderen alle aus dem Feldzuge heim kam und zu seinen Geschäften wiederkehrte . Man hatte immer erwartet , daß Davide Christin , daß sie die Gattin Tremann ' s werden würde . Daß dieser , an einen größeren , weiteren Handelsverkehr gewöhnt , die Geschäfte des Hauses ausdehnen und in neue Bahnen leiten würde , das hatte man mit derselben Sicherheit vorausgesehen . Wie schwer er aber arbeitete , mit welchen Sorgen er zu kämpfen hatte , darüber sich zu äußern oder gar sich zu beklagen , das war nicht seine Sache . Man sah ihn immer gleichmäßig ruhig in selbstgewisser Zusammengefaßtheit , und das gemessene Vertrauen , das er in sich selber setzte , gab auch Anderen das Zutrauen zu ihm und seinen Unternehmungen , ohne welches diese letzteren eine Unmöglichkeit geworden wären . Viertes Capitel Paul Tremann war schon lange seinen Geschäften wiedergegeben und der Friede war längst geschlossen , als der Justitiarius des freiherrlich von Arten ' schen Hauses noch immer vergebens die Rückkehr des jungen Freiherrn forderte , für den es unter den obwaltenden Umständen nicht schwer gewesen sein würde , sich einen Urlaub zu verschaffen oder , da er bei einem der