anderen Gegenden mancherlei Unternehmungen unterlassen oder eingestellt , für deren Fortführung später das Geld wieder nach seinen Ausgangspunkten zurückgeleitet werden mußte . Darauf hatte Paul sein Auge gerichtet und seine Plane angelegt , und darauf hin hatte er schon seinen Freund Steinert verwiesen , als dieser ihn über die Zukunft seines Sohnes zu Rathe gezogen hatte . Niemals hatte Paul von seinem Berufe größer gedacht , als jetzt , und niemals hatte er die schweren Sorgen und Aufregungen desselben lebhafter zu empfinden gehabt , als in dem nächsten Winter , in dem er Seba ' s Vermögen aus dem Geschäfte herauszuziehen und nach dem Willen ihres Vaters , der Paul mit dieser Aufgabe betraut hatte , festzustellen hatte , während er seinen Credit bis auf das Aeußerste anspannen mußte , um die Unternehmungen möglich zu machen , die er nach den verschiedensten Seiten hin in Angriff nahm . Die Tage vergingen ihm in Arbeit , die Nächte oft in Sinnen und in Sorgen . Er bemerkte es nicht , daß seine Stirne ihre Heiterkeit , daß seine Augen ihren hellen Glanz verloren , er hatte nicht Zeit , an sich zu denken und auf sich zu achten ; nur Seba sah es und Davide sah es , und ihr ängstlich liebevoller Blick war der Lohn seiner Arbeit , sein Trost und seine Freude , wenn er nach des Tages Last und Plage sich am späten Abende ein Ausruhen bei den Seinen gönnte . Als der Herbst und der Winter herangekommen waren , bewegte sich in der Hauptstadt überall , wo man nicht um Gefallene zu trauern hatte , eine glänzende Geselligkeit . Man schien sich des für Europa wiedergekehrten Friedens erfreuen , der ausgestandenen Leidensjahre in Zerstreuungen vergessen zu wollen , aber in dem Flies ' schen Hause gingen die Tage ihren stillen , regelmäßigen Gang . Seba , die mit ihren vierzig Jahren noch immer schön zu nennen war , weil ihre Schönheit nicht nur in dem Reize der Jugend und der Farben , sondern in dem Adel der Formen und dem durchgeisteten Ausdrucke ihres Antlitzes bestanden hatte , war um ihres Vaters willen immer nur wenig in Gesellschaften gegangen , und während des Krieges hatte auch Daviden nicht danach verlangt , da sie mit ihrer stillen Liebe und mit den Sorgen um den entfernten Geliebten beschäftigt gewesen war . Jetzt vollends trugen beide Frauen nach zerstreuendem Menschenverkehre noch weit weniger Verlangen . Es kam aber dadurch in dem häuslichen Beisammensein bald ein Friede über die drei eng verbundenen Mensachen , daß es ihnen war , als hätten sie von Anbeginn so mit einander gelebt , ja , daß selbst die gewaltigen Ereignisse , die an ihnen vorübergegangen waren und in denen sie , so viel an Jedem von ihnen gewesen , mitgewirkt hatten , davor weit in die Ferne zurücktraten . Sie erfuhren , was man nach großen Eindrücken immer an sich wahrnimmt , daß unser Verhältniß zu den Außendingen und Ereignissen , man möchte sagen , unser perspectivisches Verhältniß zu ihnen , ein wunderbar wechselndes ist . Die ersten Tage nach einem großen Erlebnisse , nach einem großen Verluste dehnen sich für uns in unbegreiflicher Weise aus ; die Wochen und Monate , welche diesen ersten Tagen folgen , verschwinden uns in eben so unbegreiflicher Weise . Erst vierzehn Tage ist es her ? hatten die Zurückgebliebenen nach des Vaters Tode sich gefragt . - Schon acht Monate ist es her , seit wir in Paris einzogen ? Schon vier Monate , seit der Vater todt ist und ich wieder zu Euch heimgekommen bin ? rief Paul oft mit Verwunderung aus , als der Herbst mit seinen Regentagen angebrochen war und die ersten Schneestürme von dem Garten her um die Fenster des Zimmers sausten , in welchem sie die letzten Abendstunden bei einander zu sitzen pflegten . Davide hatte sich Paul bald nach seiner Rückkehr anverlobt , aber auch dieses Erlebniß war ohne besondere Scenen , ohne besondere Aufregungen an den Dreien vorübergegangen . Seba hatte , seit Paul wieder in Europa lebte , immer den heimlichen Wunsch gehegt , diese beiden ihr theuren Menschen verbunden zu sehen , und ihre Herzen hatten sich denn auch in ruhiger Liebe , in sicherstem Vertrauen zu einander gefunden . Selbst daß Davide noch Jüdin war , kam nicht störend in Betracht . Von der Abneigung , von dem angestammten oder vielmehr anerzogenen Widerwillen , welche die meisten anderen Völker gegen die Juden hegen , konnte bei Paul gar nicht die Rede sein , denn er war frei von dem Ballast angeerbter Vorurtheile . Wahre Güte und Liebe waren ihm in seiner Kindheit von Niemandem als von einer Judenfamilie zu Theil geworden . Ihr dankte er seine erste Erziehung , ihr jene Aufklärung seiner Gedanken , die bei jedem Menschen in der ersten Jugend vorgenommen werden muß , um nachhaltig wirksam zu sein . Das Haus dieser Judenfamilie hatte der Heimathlose durch sein ganzes Leben als den Hafen vor Augen gehabt , zu dem er wünschend und hoffend seine Blicke hingewendet hatte . Sein langer Aufenthalt in Amerika war dann zu einer Schule der Duldsamkeit für jede Art von religiöser Ueberzeugung für ihn geworden , und er hatte um so weniger ein religiöses Bedenken irgend einer Art in seinem Innern zu bekämpfen , da er ohne jedes kirchliche Bekenntniß aufgewachsen war . Was er vor seiner Flucht aus Europa in der Schule von der biblischen Geschichte erlernt , was er damals von den Dogmen des Christenthums und von den Erzählungen der Evangelisten gewußt hatte , war für ihn nicht weniger mythisch , wenn auch weniger lebendig gewesen , als die Erinnerungen an die alte Götterwelt der Griechen und der Römer . Da er zur Zeit , in welcher er aus Europa entfloh , über seine Jahre groß und kräftig gewesen war , hatte man ihn für älter gehalten , als er war , und Niemand hatte sich jemals die Mühe genommen , daran zu denken , ob er in irgend