Neigung zu einem fremden Herrn habe sie aus Rand und Band gebracht . Sie hätte sich zuerst selbst vergiften wollen , weil er ihre Leidenschaft nicht erwidert , ihre Blicke nicht verstanden . Dann aber hätten sie sich verständigt , und der fremde Herr merken lassen , daß , wenn sie frei wäre , und nicht Manches sonst im Wege stände , er sie gern heirathen würde . Darauf hätte sie eine Pflegetochter und die Kinder ihres Schwagers vergeben . Bei der ersten sei es noch zur rechten Zeit gemerkt worden und man hätte sie aus dem Hause geschafft ; die Kinder wären daraufgegangen . Der fremde Herr hätte darauf gesagt : so sei es gar nicht gemeint gewesen , und er habe auf immer von ihr Abschied genommen . Da aber hätte sie grade schon auch ihren Mann vergeben gehabt , und wäre von der Alteration außer sich gerathen . Alles wäre ja umsonst gethan . » Ich weiß nicht , Herr Geheimsekretär , « sagte der andere Geheimsekretär , » ich weiß nicht , ob ich nicht den andern vornehmen Herrn auch bei den Ohren fasste . « - » Wird auch geschehen , « rief der Angeredete dem klugen Manne ins Ohr . » Gestern im Kasino hörte ich so etwas , unter uns gesagt , daß der Herr Regierungsrath von Fuchsius auf ihn vigilire . Es ist da was , - man weiß nur nicht , was - indeß man wird ja davon hören . « - Bald darauf klingelte es heftig in der Wohnung des Rath Fuchsius , auch noch in früher Morgenstunde , denn der Rath saß im Schlafrock und Pantoffeln beim Kaffee und Pfeife . Ein fremder Herr wünschte in einer dringenden Angelegenheit ihn zu sprechen , und ehe noch der Bescheid hinausging , war der Legationsrath eingetreten . Zwei fein gebildete Männer sind um den Anfang eines Gesprächs nicht verlegen , ohne das Wetter zu Hülfe zu rufen . Aber Wandel unterbrach den schönsten Fluß der Introduktion , bei der Fuchsius ihn nicht einmal gefragt , was ihm die Ehre des Besuches verschafft , indem er den Hut auf die Erde fallen ließ und , mit beiden Ellenbogen auf den Tisch sich stützend , die Hände gegen die Stirn drückte : » Mein Gott wozu das Alles ! - Sie wissen , warum ich hier bin . - Die Arme , Unglückselige ! - Sie sehen mich in unaussprechlicher Angst und Verwirrung - ich kann kaum meine Worte fassen - Verzeihen Sie , wenn ich Ungehöriges rede - Sie wissen aus eigner Anschauung , in wie naher Verbindung ich mit ihr stand - « » Um so schmerzlicher , kann ich mir denken , « entgegnete Fuchsius , » muß die Beschuldigung , welche die Dame trifft , einen edelgesinnten Freund berühren . « - » Ich danke Ihnen für diese schonende Sprache . Eine Bitte voraus - wenn sie schuldig ist , ich meine nach Ihrer Ansicht , gleichviel , ob es nur Ihre moralische Ueberzeugung ist , oder eine die sich auf Beweise gründet , erlauben Sie mir wenigstens , ihrem ältesten Freunde , sie in unserm Gespräch als eine arme , unglückselige Dulderin zu bezeichnen . « » Da der Jurist die Regel gelten lässt : Quilibet bonus praesumitur , donec contrarium probetur , versteht sich dieses Recht für einen so intimen Freund von selbst . « » Und nun , « sagte Wandel mit fester Stimme , - » ohne Umschweife , wie es sich unter Männern ziemt : was haben Sie über mich disponirt ? « - » Sie vergessen , daß ich mit der Diplomatie nichts mehr zu thun habe . « - » Mein Gott , wozu die Komödie ! bin ich ein fugae suspectus ? Haben Sie mich nicht in Ihrem Hause ? Mit einem Worte : werden Sie mich verhaften lassen ? « - » Ich - Sie ? - Das ist eine sonderbare Frage . Sind Sie denn angeklagt ? « - » Qui s ' accuse , wollen Sie damit sagen . Wohlan , ich betrachte mich als ein Angeklagter , und frage Sie offen heraus : habe ich mich als ein Surveillirter zu betrachten , oder habe ich die Captur zu gewärtigen ? Um Anordnungen wegen meiner Güter zu erlassen , liegt mir viel daran , es zu wissen , und ich würde Ihnen sehr dankbar sein , wenn Sie mir gradeaus Ihre Absicht mittheilten . « » Die Criminaljustiz schreitet bei uns nur im Fall dringender Verdachtsgründe zur Captur . « » Nun , sind das für Ihre Justiz nicht dringende Gründe , daß eines intimen Umganges mit der Geheimräthin das Gerücht mich bezüchtigt , und ich räume ein , es war mehr als Gerücht . Ich war fast täglich in ihrem Hause , ich führte ihre Geldgeschäfte , ich wusste um Dinge , die Niemand sonst weiß . Sie war eine nervös-hysterische Kranke , eines jener zartgestimmten Instrumente , die eine ganz besondere Behandlung erfordern , um nicht immer Disharmonien zu hören und von sich zu geben . Sie hatte einen Widerwillen gegen die Aerzte , welche sie nicht so zu behandeln verstanden , oder es nicht wollten . Ich musste ihr kleine sympathetische Mittel verschreiben ; es war oft Betrug dabei , das gestehe ich ganz offen , denn solche Kranke , die sich stets selbst täuschen , verlangen , auch von ihren Aerzten getäuscht zu werden . Im Verlauf der Zeit war sie auch damit nicht zufrieden , sie wollte selbst operiren . Wie ich auch dagegen mich sträubte , sie bestellte sich bei Herrn Flittner eine kleine Hausapotheke , und ich musste den Vermittler spielen . Herr Regierungsrath , alles das sind schon Verdachtsgründe , auf die ein gewöhnlicher Richter mit beiden Fäusten zugreifen würde . Aber - ich empfand eine Achtung für die seltene Frau , die mit jedem Tage wuchs , die , weil ich sie erwidert glaubte , zu einer Seelenharmonie ward