zu der Abhängigkeit des militärischen Dienstes , hoch erhoben und Steinert es zugesagt , daß er dessen Sohn in die Bahn des bürgerlichen Lebens zurückführen werde , und jetzt überfiel ihn selber eine Angst vor der Ruhe und Stille , eine Scheu vor der Gleichmäßigkeit der täglich sich wiederholenden bürgerlichen Arbeit . Vorhin , als Davide sich ihm an das Herz gelegt , hatte ihn die Ahnung ergriffen , wie das Weib sich selber in der Liebe verloren gehe , nun schreckte sein dem Menschen eingeborenes Verlangen , sich in seiner Eigenheit und Freiheit zu erhalten , vor der Aussicht und vor der Nothwendigkeit zurück , sich künftig nicht mehr als nur für sich selber bestehend betrachten zu dürfen , künftig leisten und thun zu müssen , was er im Grunde bisher nur freiwillig gethan hatte , künftig keine Freiheit des Wollens und des Dürfens mehr vor sich zu haben , wenn er einmal aus einem allein stehenden Manne sich zum Gatten einer Frau , zum Begründer und Beschützer einer Familie gemacht haben werde . Als hätte ein Zauber sie heraufbeschworen , so deutlich traten urplötzlich alle die anmuthigen Begegnungen , alle die hübschen , kleinen Abenteuer und artigen Erlebnisse ihm vor die Seele , welche er als Junggeselle auf seinen vielen Reisen und während seiner Feldzüge gehabt hatte , und er konnte sich eines Seufzers nicht erwehren , wenn er dachte , daß dies nun für ihn zu Ende sein , daß für ihn zum Unrecht werden solle , was ihm bisher eine so reizende Unterhaltung gewesen war . Freilich , er liebte Davide , aber es war keine jener heftigen , unwiderstehlichen Leidenschaften , die er für sie fühlte . Er hegte für sie die zuversichtliche Neigung , die sich nur durch ein langes Beisammensein und durch die Erkenntniß bildet , daß man in allen Fällen auf einander zählen könne . Jung , wie er Davide verlassen , hatte er doch schon ihre Selbstbeherrschung , ihre Festigkeit und ihre Güte bei den verschiedensten Anlässen erprobt , und die Wahrhaftigkeit ihres Herzens , die Unschuld , mit der sie ihm ihre Liebe kund gab , ohne daß er ihr jemals von der seinigen gesprochen hatte , machten sie ihm eben so theuer , als ihre Schönheit sie ihm begehrenswerth erscheinen ließ . Seit Jahren hatte er sich gesagt , daß Davide einst seine Gattin werden müsse , er hatte sich darauf gefreut wie auf den Preis am Ende des errungenen Zieles , wie auf eine letzte Lebenserfüllung . Nun er sich derselben nahe glauben durfte , bangte ihm vor der schwersten aller Aufgaben , vor dem Ausharrenmüssen ; und er konnte des beklemmenden Gefühles nicht gleich Meister werden , das ein Jeglicher empfindet , wenn er nach einem viel bewegten , wechselvollen Dasein plötzlich in alte , fest begründete Lebensverhältnisse einzugehen und zurückzutreten hat . Die Tage der Jugend und der Ungebundenheit sind nun vorüber ! rief er , und es war , als ob das unwillkürlich ausgesprochene Wort ihn auch von der augenblicklichen Verwirrung befreie , die ihn befangen hielt . Denn er richtete sich in seiner schönen Kräftigkeit empor und fügte mit plötzlich erheiterter Stirn und gewandeltem Sinne hinzu : So lange hat man für sich selbst gelebt ; es ist Zeit , nun für die Andern zu leben ! Laß uns sehen , was man für sie werth ist und vermag ! Er hatte inzwischen seine bürgerliche Kleidung angelegt und trat an das Fenster . Heißer Sonnenschein , warmer Blumenduft strömten ihm entgegen . Er blieb einen Augenblick am Fenster stehen und sah in den Garten hinaus . In der Ferne gingen die beiden Frauen vorüber . Sie tragen den Kranz nach dem Monumente , dachte Paul , und er , der sich so eben noch vor dem Gleichmaße der Tage und vor allem , was sich mit unausgesetzter Regelmäßigkeit zu wiederholen hatte , gescheut , fühlte sich von der beharrlichen Treue gerührt , mit welcher Seba die freiwillig übernommene Liebespflicht erfüllte . Es ist eine geringfügige Handlung , sagte er sich , einmal einen Blumenstrauß auf einen Denkstein niederzulegen ; aber durch ein halbes Menschenleben dem Andenken der Hingegangenen die gleiche Erinnerung zu weihen , während man den Pflichten gegen die Lebenden eben so treulich genügt , an jedem Tage den gleichen Weg zu gehen , immer dieselbe kleine Sorge zu tragen , das macht die an sich geringfügige That zu einem das Herz befriedigenden Cultus . Und es sollte nicht dasselbe mit aller unserer Arbeit sein , wenn wir sie , von ihrer Nothwendigkeit wie von ihrem Nutzen überzeugt , mit Liebe und für geliebte Menschen thun ? Er schaute den beiden schönen Gestalten mit Vergnügen nach , wie sie langsam durch die Wege gingen . Es freute ihn , daß er sie wieder sehen konnte , daß er sie heute , morgen , immer wieder sehen würde . Selbst als die Gebüsche unter den Tannen die Frauen seinem Auge entzogen hatten , verweilte er noch an dem Fenster . Die Stille , die über dem Garten ausgebreitet lag , war ihm etwas Neues geworden und erquickte ihn . Er hatte auf so vielen Schlachtfeldern gestanden und sie tönten noch unvergessen in sein Ohr : der Donner des Geschützes , der Weheruf der Verwundeten , das Röcheln all der Sterbenden , die in fremder Erde unter ungeschmückten Gräbern ruhten . Friede , Friede ! rief er und schlug die Hände unwillkürlich , wie beim Gebet in seinen Kindertagen , in einander , Friede und Beharren und Bleiben hier bei den geliebten Menschen , und leben und schaffen mit ihnen und für sie ! Freien und gehobenen Sinnes verließ er seine Zimmer , um gleich an diesem Morgen , gleich in dieser Stunde seine Arbeit zu beginnen . An der Thüre des Comptoirs wendete er sich noch einmal um und blickte durch die Seitenfenster nach dem Garten hinaus . Seba und Davide saßen vor dem Gartensaale , mit Nähterei beschäftigt , bei einander . Aber