kommst ; jetzt kannst du dich selbst mit ihnen abgeben . « Er wandte sich dann eilig seiner Schreiberei wieder zu und bemerkte deßhalb nicht sogleich das verstörte , bleiche Gesicht seiner ältern Tochter . Clara ging schwankend wie im Schlafe ; sie hatte die Augen auf den Boden geheftet , und erst , als sie in das Zimmer getreten war , erhob sie sie wieder und blickte die alten bekannten Gegenstände ringsum an , dann zuckte ein trübes Lächeln um ihren blassen Mund , sie schaute alsdann lange gen Himmel , und da sie zu gleicher Zeit die Hände faltete , so konnte sie ihren Thränen nicht verwehren , langsam über ihre Wangen hinab zu rollen . » Clara , meine gute Clara ! « rief das Bübchen , wobei es auf sie zusprang und ihre Kniee umfaßte ; » ich habe auch soeben geweint und um dich arg , arg geweint - so arg . Aber ich bin nicht unartig gewesen , gewiß nicht . « Clara zuckte zusammen , als sei sie aus einem tiefen Traume erwacht , und beugte sich auf das Kind nieder , hob sein liebes , unschuldvolles Gesichtchen zu sich empor und küßte es heftig und wiederholt . » Ja , er hat geweint , « sagte der alte Mann , wobei er aber fortfuhr zu schreiben ; » doch war sein Kummer wie gewöhnlich nicht weit her ; auch vermagst du ihn gleich zu lindern , meine gute Clara , wie du denn überhaupt nicht blos die Segenbringende der Familie , sondern auch unser Aller Trösterin - ein kostbarer Schatz bist , den wir gewiß Alle ungern verlieren werden . Aber , wie Gott will ! « » Amen ! « entgegnete die Tänzerin in einem Tone des tiefsten Wehes , und darauf blickte sie abermals gen Himmel . - » Und ich koche , liebe Schwester Clara , « sprach das kleine Mädchen wichtig thuend , » Papa hat die Suppe verschleimen lassen und der kleine Bub ' hat gar nichts gesagt . « » O ja , ich habe geschrieen , « erwiderte dieser trotzig . » Das kann ich bezeugen , « meinte Herr Staiger lächelnd . » Er hat geschrieen und ist dabei in vollem Eifer über sein Pferd gepurzelt . - Aber warum bleibst du an der Thüre stehen , liebe Clara , und legst deinen Hut nicht ab ? « » Ja - ja - so ! « versetzte die Tänzerin tief athmend . » Du bist bekümmert , mein Kind , « sagte der Vater , der seine Brille fester an die Augen drückte und nun seine Tochter erst recht betrachtete . » Du siehst blaß aus und hast geweint . - Nun ja , ich begreife das ; du kommst von einer armen , gestorbenen Freundin , und der Anblick hat dein gutes Herz so aufgeregt . Nun was macht denn die Madame - die Frau Tante ? - Gott verzeihe mir , aber das ist ein schlimmes Weib . Die arme Marie , da die Sache nun einmal geschehen , ist wahrhaftig besser daran , als hier auf der Welt . Aber beruhige dich , mein Kind . Komm ' , setz dich zu mir her . So alterirt warst du ja nie . Hast du vielleicht bis jetzt noch keinen Todten gesehen ? - Doch ! doch ! was red ' ich für Unsinn , und denke nicht mehr an unsere eigene arme , kleine Leiche ! Siehst du , so leicht ist man vergessen . « » Ja , man ist leicht vergessen , « erwiderte Clara mit leiser Stimme . Und als sie sich dem Tische näherte , an dem ihr Vater saß , legte sie Hut und Tuch ab , welches ihr die kleine Schwester dienstfertig abnahm und wobei das Bübchen nicht unterlassen konnte , einen Zipfel des Tuches mit der einen Hand anzufassen und tragen zu helfen , während er mit der andern sein hölzernes Pferd hinter sich drein schleifte . Clara stellte sich hinter ihren Vater , legte ihre beiden Arme auf seine Schultern und ihr Gesicht auf seinen Kopf - eine Stellung , die sie häufig annahm , wenn er mit ihr sprach und dazu Bewegungen mit den Händen machte , was er gern zu thun pflegte . Heute aber nahm sie ihren Platz absichtlich so , denn sie konnte ihre Thränen nicht zurückhalten , die jetzt , wo die allgemeine Liebe ihrer Familie ihr Herz erweichte und erwärmte , unaufhaltsam floßen . » Was sagte ich doch eben ? « fuhr Herr Staiger fort , indem er mit seinem Papiermesser hin und her fuhr . - » Richtig ! ich meinte , es sei am Ende für die arme Marie ein Glück , so unschuldig in den Himmel zu kommen . Gott verzeihe es ihrer Tante , aber durch deren schauerliches Leben hat doch der Ruf der armen Marie einen kleinen Schaden erlitten . Ach ! die Menschen sind so schlecht und bösartig ; glaube mir , Clara , ein Wort , eine Anspielung , ein seltsamer Blick , von Einem mit Beziehung gesagt oder gethan , wird von den Andern begierig aufgegriffen und vergrößert weiter erzählt . Und das unschuldigste Gemüth , einmal vom Gifte der Verleumdung angespritzt , erhält gewöhnlich Verwundungen , die ein ganzes langes Leben hindurch nicht mehr heilbar sind . « » O gewiß , o gewiß - gewiß , « sagte Clara . » Deßhalb aber auch hasse ich alle Verleumder , ärger als den Teufel , ärger als die Sünde . Und aus der Verleumdung entsteht oftmals die letztere , und eine reine Seele , die von schändlichen Klatschereien mit scheußlichem Gift und Geifer bespritzt wurde , fiel schon oftmals eben dadurch der Sünde anheim . Der Glaube an ihre Reinheit war verloren , die Liebe zu den Nebenmenschen erschüttert und die Stützen gebrochen , welche sie aufrecht erhielten , und da sank so ein unglückliches Geschöpf immer