doch erhebenden Gefühle schloß er die beiden Frauen noch einmal an sein Herz . Er war kein Heimathloser mehr , er stand nicht mehr einsam in der Welt . Sein Leben ward ihm noch wichtiger , er ward sich selbst mehr werth , weil er sich für das Glück der Menschen , die ihm die Theuersten waren , als nothwendig fühlte . Die drei Jahre waren an Seba nicht spurlos vorübergegangen . Sie hatte sich viel gesorgt , viel durchgemacht , denn es hatte der Arbeit und der Anstrengungen für sie , wie für alle die Frauen der Hauptstadt und des Landes , mehr als genug gegeben , welche die Pflege der verwundeten und kranken Krieger in den überfüllten Hospitälern über sich genommen hatten . Die Fältchen an den Augenwinkeln , die leisen Furchen auf ihrer schönen Stirn hatte Paul früher nicht an ihr bemerkt , und wie das Sonnenlicht nun von der Seite über ihren Scheitel fiel , sah er , daß hier und da ein silberweißer Faden auf ihrem schwarzen Haar erglänzte . Er konnte sich des Erschreckens nicht erwehren . Wie lange war es denn her , daß er Seba an jenem Ball-Abende , an dem des Grafen Gerhard Worte ihn zuerst wieder an seine Mutter und an seine Abstammung gemahnt hatten , in aller Schönheit ihrer Jugend vor sich gesehen hatte ? Und nun ergraute schon ihr Haar , nun kam die Reihe bald an sie ! Es that ihm in der Seele weh , denn wo der Tod in einen eng verbundenen Menschenkreis getreten ist , wird man so ängstlich . Jeder möchte in dem Antlitze des Andern lesen können , auf wie lange er ihm noch gegönnt ist , man möchte zusammenrücken , um sich selber die entstandene Lücke zu verbergen , man möchte sich fester , man möchte sich für immer an einander schließen , und man kann sich es bei allem besten Willen nicht vergessen machen , daß kein menschliches Verhältniß unzerstörbar , daß Alles dem Vergehen unterworfen , Alles nur im Augenblicke unser ist , und daß unser sicherer Besitz einzig in der Benutzung dieses Augenblickes und in dem Gedanken der durchlebten Vergangenheit beruht . Dieses Augenblickes wollte man genießen , man wollte sich gemeinsam der gehabten Ereignisse erinnern . Hatte man doch so tausendfältig oft gewünscht : O , daß er hier wäre ! daß ich sie jetzt bei mir hätte ! Und wie man nun beisammen saß , hatte man sich nichts zu sagen , weil Jeder nur das Nothwendige und Rechte gethan zu haben meinte , und das Nothwendige und Rechte sich einfach und unauffällig in das allgemeine Thun einfügt . Paul hatte die Feldzüge mitgemacht , aber das hatten Hunderttausende gethan ; er hatte sich tapfer und muthig erwiesen , Andere waren darin nicht hinter ihm zurückgeblieben . Seba hatte mit Selbstverläugnung pflegend und helfend in den Hospitälern gearbeitet , das war nur natürlich gewesen . Ihr Vater war gestorben , ihr Vermögen theilweise verloren gegangen : indeß es weinten unzählige Familien in wahrer Noth um ihre Väter und Versorger , und die kleinen Begegnungen , die wechselnden Ereignisse , deren man sich zu erinnern hatte , kamen in diesen ernsten Stunden des Wiedersehens neben den großen Erschütterungen und Erfahrungen , welche man durchgemacht hatte und in sich nachzittern fühlte , einem Jeden zu geringfügig vor , um ihrer zu gedenken und ihrer zu erwähnen . Man war stiller als jemals bei einander , bis Paul sich erhob , um sich , wie er sagte , umkleiden und im Comptoir seine Ankunft melden zu gehen . Es war ein eigenes Gefühl , mit dem er aus dem Gartensaale in die Zimmer eintrat , welche er neben demselben früher bewohnt hatte . Alles lag und stand , wie er es verlassen hatte . Damals freilich war es winterliche Nacht gewesen und das Vaterland hatte unter der Knechtschaft fremder Tyrannei geseufzt , und jetzt leuchtete die helle Sommersonne durch die im Lufthauche spielenden Blätter und Deutschland war frei und sich selber wiedergegeben worden . Aber so warm Paul ' s Herz auch schlug , wenn er Daviden ' s und der Zukunft an ihrer Seite dachte , kam er sich doch plötzlich viel älter geworden vor . Er hatte den Krieg immer als ein Unglück , als ein furchtbares , wenn auch in diesem Falle unvermeidliches Uebel betrachtet und den Frieden oft sehnlich herbeigewünscht , der ihn seinem Berufe und seinem Geschäfte wiedergeben sollte . Jetzt aber war es ihm unheimlich in den stillen , nach dem Hofe hin gelegenen Räumen des Comptoirs , es erschreckte ihn , als er den Geschäftsführer mit seiner unerschütterlichen Gleichmüthigkeit genau auf demselben Platze und in derselben gebückten Stellung wie vor drei Jahren , die eingegangenen Briefe durchsehend , vor sich erblickte , als er den alten Kassirer gerade so , wie er es vor drei Jahren und vor jenen zwanzig Jahren gethan , die Geldrollen über den Zahltisch werfend und die Banknoten musternd wiederfand . Ein Chronometer , den Seba ihm bald nach seiner Rückkunft aus Amerika geschenkt hatte , stand auf seinem Tische . Er war , wie der Datumzeiger es auswies , wenig Tage , nachdem Paul Berlin verlassen hatte , abgelaufen . Damals war er achtundzwanzig Jahre alt gewesen , jetzt stand er im einunddreißigsten . Er trat an den Spiegel und betrachtete sich . Das war sonst nicht seine Sache , obschon er wußte , daß er ein schöner Mann sei . Die Uniform dünkte ihm etwas sehr Bequemes zu sein . Er fand sie einfach , zweckmäßig und kleidsam . Sie gefiel ihm heute sehr , und er gefiel sich auch in ihr . Der treue , ehrliche Rock ! sagte er zu sich selber , während er das Eiserne Kreuz von demselben losmachte , um es zu verschließen , und den Rock ablegte , um ihn nicht wieder anzuziehen . Noch vor wenig Tagen hatte er gegen Werben die Freiheit seines kaufmännischen Standes , im Gegensatze