vom Bau des menschlichen Körpers , von den Kräften der Luft , des Wassers und Feuers mehr gewußt , als die atomistische Physik des achtzehnten Jahrhunderts ! Lucinde dachte bebend an Paula ... Die Frau aber mit den silbernen Locken , die sich von der Hitze des Zimmers lösten und lang in ihren Ueberwurf hinunterglitten , den sie jetzt öffnen mußte , erwiderte plötzlich scharf und bestimmt : Die heilige Hildegard war im Gegentheil beinahe eine Vernunftgläubige ! Alles horchte auf ... Wie so ? fragte der Außerordentliche , stutzig über den Muth der Interpellation und ein in dieser Gesellschaft gebrauchtes anstößiges Wort ... Monika erwiderte : Jede Zeit hat ihre eigene Art , den Antheil für edlere Dinge auszudrücken . Was in unserm Jahrhundert die Philosophie ist , war vor achthundert Jahren das Christenthum ... Bitte ! Erlauben Sie ! unterbrach der Professor hocherstaunend ... Aber ein Glück für den Vater , daß dieser in einem hintern Zimmer am Whisttische saß . Sonst hätte er erlebt zu hören , daß die allgemeinste Spannung über die gelehrte muthige Frau seinem Sohn , seinem Stolz , ein zischendes St ! rief - und das in einem Kaufmannssalon ... Frau von Hülleshoven fuhr bei der im Zimmer eingetretenen lautlosen Stille fort : Wenn eine Zeit voll Barbarei der Wunder bedarf , um sich dem göttlichen Weltplan zu fügen , so geschehen auch Wunder . Der Mensch macht seine eigenen Thaten dann selbst dazu und läßt immer nur Gott die Ehre . Die Eingebungen einer Hildegard kamen aus der Sphäre , ja geistigen Sprache her , die damals allein verstanden wurde und allein wirkte . Das Christenthum in der Bedeutung , wie wir es jetzt zu citiren pflegen , ist dabei ganz unwesentlich ! Das ist ja offene Ketzerei ! warf der Gegner dazwischen , lächelnd freilich und noch verbindlich ... Aber wieder mußte er erleben , daß ihm gezischt wurde . Man zischte auch über das harte Wort gegen eine Dame ... Nennen Sie es , wie Sie wollen ! fuhr mit einem eigenthümlich bittern Lächeln die jugendliche Sprecherin fort . Ich verweise Sie nur auf die vielen Bestätigungen , die Hildegard für meine Behauptung gegeben hat . Sie hat bei ihren Visionen immer nur das praktische Leben und die Besserung der Sitten im Auge gehabt . Hildegard war eine kleine schwächliche Person , immer kränklich , jedenfalls von einer somnambulen Anlage ... Gräfin Paula ist schlank wie eine Tanne ! warf Terschka hinein , artig - doch offenbar in der Absicht , Monika zur Mäßigung zu mahnen ... Diese fuhr jedoch fort : Hildegard sah Erscheinungen , Engel und sie heilte . Aber ihre Visionen waren von einer strafenden und ermahnenden Tendenz . Ihre Heilungen erfolgten nicht ohne Beistand ihrer Kräuterkunde und die Beobachtung des menschlichen Körpers . Sie ermahnte den Papst , der kranken Kirchenzucht zu helfen . Sie gerieth in Streit mit dem Erzbischof von Mainz über die Beschuldigung , einen Excommunicirten auf dem Gottesacker ihres Klosters bestattet zu haben . Sie machte sogar Reisen . Daß sie dabei nur die Klöster besuchte , lag im Charakter einer Zeit , wo es noch keine Victoria-Hotels gab und eine Frau mit einigen weiblichen Begleiterinnen nicht auf Ritterburgen übernachten konnte . Die Klöster waren für jene Zeit vortrefflich . Sie waren die Herbergen , die Gasthöfe jener Zeit . Sie besuchte Paris . Denken Sie sich eine Reise nach Paris in jener Zeit ! ... Eine Reise nach Paris für eine Frau ! Auf einer Reise nach Paris würde man jetzt allerdings nicht mehr in Klöstern absteigen ! warf eine Stimme hinter der sich mehrenden dichten Gruppe ein ... Nück ' s Stimme ! sagte sich Lucinde , als alles lachte ... Sie und die Sprecherin waren der Mittelpunkt geworden und Terschka ' s Augen ließen weder von ihr , noch von Monika ... Monika fuhr in dem Gemurmel der Freude , den volksthümlichen Nück zugegen zu wissen , fort : Wie vernünftig , wie praktisch diese Heilige war , beweist auch der Umstand , daß sie zwar bis in ihr achtzigstes Jahr Wunder verrichtet haben soll , aber im Tode gänzlich damit aufhörte ... Ein Geflüster und Lächeln ... Bitte ! unterbrach der Professor der gläubigen Naturwissenschaften . Der Erzbischof von Mainz verbot der Todten ausdrücklich , noch Wunder zu verrichten ! So viel Ghibellinen hatte Piter eingeladen , daß jetzt sogar die Welfen über diese Aeußerung mitlachen mußten ... Man muß das anders erklären ! erwiderte Monika , während der Außerordentliche sich im Kreise rundum schaute und strafende Blicke nach allen Seiten austheilte . Es wäre manchmal sehr schön , wenn man die Reize des Niederwaldes und die Aussicht vom Victoria-Hotel auf Rüdesheim auch den Engländern in Bingen verbieten könnte . Der Zudrang zum Grabe der Heiligen wurde so groß , daß man den daraus entstehenden Unordnungen steuern mußte . Deshalb verbot der Erzbischof der todten Aebtissin die Wunder . Und die Heilige erschien dann dem Erzbischof von Mainz und erklärte ihm , sie wollte ihm auch noch im Tode gehorsam sein . Das war aber lediglich eine Ironie der vortrefflichen Frau ; sie hatte ihr Lebtag so viel Aerger mit den Vorgesetzten der mainzer Erzdiöcese gehabt , daß sie ihnen auch noch im Tode gelobte , ihren Willen zu thun . Ein schallendes Gelächter brach aus ... Die Entrüstung des Außerordentlichen steigerte sich so , daß sie jetzt schon von Johannen , seiner Verlobten , heimlich beschwichtigt werden mußte ... Lucinde , die nur ruhig beobachtete , würde mehr aufgethaut sein , wenn sie nicht fast physisch gefühlt hätte , wie Nück , den sie nicht sah , sie beobachtete ... Aber , fuhr die scharfe Frau zur Mehrung ihres Triumphes fort , aber auch wahrhaft liebende und geistvolle Freunde hat die Aebtissin gehabt ! Das müssen Sie schon darum zugeben , weil sie des Lateinischen unkundig war , nur im magnetischen Zustande etwas davon wegbekam und doch soviel Schriften gerade in dieser Sprache hinterlassen hat . Ein