... Pamphlete , die in Belgien gedruckt waren , wurden erwähnt ; Vorgänge im Kapitel spannten ihre Neugier ; der Severinusverein hatte mit einem evangelischen Handwerkerverein gestern eine blutige Schlägerei gehabt ; Plakate in einem eigenthümlichen alten Drucke , » Himmelsbriefe « , waren von den Straßenecken abgenommen worden ; die Worte : Rom , Gesandtschaft , wiener Staatskanzlei fielen ... Lucinde konnte nicht verweilen , da sie der Gegenstand allgemeiner Neugier wurde und aus einer Vorstellung in die andere kam . Sie selbst suchte nur Benno . Als sie hörte , der fehle und wäre schon nach Witoborn , entsank ihr jede Kraft und Sammlung ... Denn mitten unter all diesen Huldigungen blieb , was sie auch an Männern sah , nur Grund zur Vergleichung - mit Dem , für den sie leben und sterben wollte ... Die Commerzienräthin zog sie in einen Kreis , wo sich eine lebhafte Debatte entsponnen hatte ... Eine Dame , der sie hier vorgestellt wurde , saß in einem kleinen Eckdivan , umgeben von einer Anzahl Herren und Damen , die sich ebenso an der Erscheinung wie an der Conversation dieser Frau zu erfreuen schienen . Sie trug ein hellfarbiges , mit seidenen Streifen durchwebtes einfaches Tüllkleid und darüber eine große schwarze Atlasmantille , mattblau gefüttert , fast wie einen Shawl , aber auch wieder wie eine herabhängende Toga , mit Schnüren auf der Brust und an den Aermelöffnungen . Die ebenfalls blaue Auslage des rundgezackten schwarzen Kragens verdeckte fast den Hals und gab diesem eine eigenthümliche Einfassung , wie wenn er neckisch sich in ihm versteckte . Das Merkwürdigste für alle Umstehenden war der Kopf dieser schönen Frau , der halb der Jugend , halb dem Alter angehörte . Aus einem Halbhäubchen von schwarzem Flor , besetzt mit blauen Blumen , quollen eine Anzahl grauer Locken hervor . Die Commerzienräthin sprach von » der Frau Baronin « . Daß Lucinde vor Armgart ' s Mutter stand , mußte sie sich erst selbst allmählich entnehmen . Lucindens Erscheinen fiel auch hier auf . Jemand , der der Dame am nächsten saß , sprang sogleich auf und bot ihr zuvorkommend seinen Sitz . Ein paar feurig durchbohrende Augen warf er dabei auf Lucinden , die erröthete . Der Gefällige vergaß fast , daß er es war , der das Wort führte und daß alle bisher an seinem Munde gehangen hatten . Mit einer fremdartigen Betonung , aber außerordentlich geläufig und einschmeichelnd erzählte er Vorgänge , die Lucinde sogleich als auf die Gräfin Paula sich beziehend erkannte . Das waren Wetterschläge in ihr Herz ... Die Lage des Camphausen ' schen Processes war ihr geläufig genug , um zu begreifen , daß der Sprecher jener Bevollmächtigte der wiener Erben , Herr von Terschka war , jener Terschka , der einst schon in Kiel sie gesehen und damals durch eine Debatte über ihre Nase die nächtliche Scene mit dem Kronsyndikus veranlaßt hatte ... Terschka wiederum , in dessen Ohr noch bei dem Worte : Fräulein Lucinde Schwarz ! die Bezeichnung : Eine ultramontane Emissärin ! von der Villa der Gebrüder Fuld nachklang und der sich seitdem gleichfalls auf die Tage von Kiel besonnen hatte , Terschka begleitete alles , was er sprach , mit Blicken , die sich zwischen Lucinden und Monika theilten . Monika saß in tiefem Ernst und spielte zerstreut mit ihrem Fächer . Terschka war vor wenig Stunden angekommen , um noch die Gräfin vor ihrer Weiterreise zu begrüßen . Ohnehin zu spät eingetroffen , mußte er in dieser Nacht wieder zurück ... In seinem ganzen Wesen lag die Elasticität der Aufregung , die für Monika vollkommen verständlich gleichsam ausdrückte : Auch nur eine Stunde in deiner Nähe verweilt - und ich bin überreich belohnt ! In dem Bericht über die außerordentlichen Heilungen , die man Paula verdankte , fiel bei Erwähnung der Gesichte , die Paula sähe , das Wort : Der Teppich , auf dem der Domherr von Asselyn als Archipresbyter zu Sanct-Libori nächstens die erste Messe lesen wird , stellt eine Vision der Gräfin vor . Der sogenannte Philosoph von Eschede , Doctor Laurenz Püttmeyer , hat diese Vision gezeichnet und vierundzwanzig Stiftsdamen und Freifräulein der Umgegend stickten bisher Tag und Nacht daran . Das Ganze ist jetzt vollendet und sieht sich an wie eine Offenbarung Dante ' s ... Für Lucinden lagen in jedem Worte dieses Berichts durchbohrende Nadeln und Stacheln des Neides und der Eifersucht ... So würden wir ja , nahm eine ihr wohlbekannte Stimme die Rede auf , die Erscheinung der heiligen Hildegard noch einmal haben , die bekanntlich schon ebenso viel von der Natur wußte , wie Alexander von Humboldt , und noch dazu in einem viel wahreren Geiste ... Der Sprecher war der Außerordentliche . Mit einem artigen Gruße an Lucinden hatte er sein : » Bekanntlich « gleich im Ton als » unbekannterweise « gegeben und fuhr deshalb docirend fort . Er ahnte nicht , daß zufällig eine anwesende Person im Leben jener Heiligen , deren » Physik « seit einiger Zeit durch die Bekenner der » frommen Naturwissenschaften « bekannter geworden , sehr heimisch war ... Sie kennen Bingen , meine Herrschaften ? fuhr der Professor mit hochliegender Stimme fort . Sie kennen den höchst vortrefflichen Scharlachberger der Beste Klopp und die Lokalerinnerungen an Kaiser Heinrich IV. ? In der Nähe dieser gegenwärtigen Victoria-Hotels und Bellevues lag sonst das Kloster Disibodenberg , dessen Aebtissin vor achthundert Jahren Hildegard gewesen ist , die Tochter eines adeligen Vasallen der Grafen von Sponheim . Schon im dritten Lebensjahre hatte sie Visionen . Sie gab ihr Erbe auf , schenkte es der Kirche , wurde Benedictinernonne und lebte schon hienieden im Geruch der Heiligkeit . Sie sah den Himmel offen , heilte , that Wunder , schrieb , ohne die Sprache gelernt zu haben , im entzückten Zustande Latein . Sie war eine Gotterleuchtete , die nach allen Richtungen hin Spuren ihres Geistes zurückließ . Ich nenne nur ihre Einsichten in die Naturwissenschaften . Sie hat