unter dem rauschenden Gewühl heiter und sorglos zeigen sollte ... Nachdem hatte Treudchen so viel von der großen Begebenheit des Hauses , vom Zank mit Delring zu erzählen , daß das Gespräch von diesen dunkeln Gegenständen abkam ... Lucinde mochte die » obere Gesellschaft « nicht . Hendrika hatte die Abneigung aller Frauen gegen sie , eine Abneigung , die Lucinde für einen Beweis der » Gewöhnlichkeit « erklärte . Delring war ihr der Repräsentant jener » blonden « norddeutschen Weise , die ihr soviel Schmerzen und Demüthigungen bereitet hatte . Sie stellte ihn in die Reihe der hamburger » Respectabeln « . Sie vermied seine » kalten « » wasserblauen « Augen , die ganz den Tausenden von Augen glichen , vor deren tugendhafter Kritik sie sich einst nach dem Tode Jérôme ' s von Wittekind in der Sommerwohnung des Herrn Nikolaus Carstens und seiner plattdeutschen Schwestern hatte drei Tage lang verbergen müssen . Das Rufen und Klingeln und der zunehmende Lärm im Hause unterbrach zuletzt alles weitere Gespräch mit Treudchen und mit sich allein ... Endlich brach sie alles , was sie bestürmte , ab , faßte sich Muth , zog ihre Handschuhe an , nahm ihr Bouquet und schlüpfte in das vordere Zimmer , wo im lebhaftesten Gespräche Herren standen , die sogleich Chaine machten , um die überraschende Erscheinung hindurchzulassen . Der erste , der sich der hohen Gestalt » erbarmte « - denn Erbarmen kann man wol die erste Begrüßung und Anrede eines in menschenüberfüllte Räume Neueintretenden nennen - , war der alte Pötzl , der die beiden Bologneserhündchen , die bei der Gesellschaft nicht fehlen konnten , unterm Arm hielt . Auch der Medicinalrath , ein kleiner dicker Herr , sprang hinzu und nun wäre alles zurückgewichen vor dieser königlichen und fremdartigen Gestalt , wenn nicht Frau Nück , die am feucht beschlagenen Fenster saß , sie erblickt und sogleich nur für sich in Beschlag genommen hätte , um sie hinter den Gardinen zu fragen , ob sie noch immer so echauffirt aussähe ? ... Ein Flor von Jugend und Schönheit und Pracht der Toiletten war zugegen ... Dennoch machte Lucinde einen Eindruck , der die Aufmerksamkeit aller auf sie gezogen haben würde , wenn nicht gerade jetzt der Stolz der Stadt , das berühmte Moppes ' sche Quartett , intonirt und die Stimmung des Flügels mit einem angegebenen Accord in Einklang gebracht hätte . Alles rannte , um zum Sitzen zu kommen . Die Krystalle in den Kronenleuchtern wackelten vor dem Sturm . Alles mußte still sein ... nur der Außerordentliche sprach über die Baßposaune noch seinen Satz aus . Er widersetzte sich einer natürlichen Erklärung des Wunders , daß die Mauern von Jericho durch Posaunen wären niedergeblasen worden . Denn Beamte aus dem ghibellinischen Heerlager , rationalistische Zweifler , fehlten keineswegs und der alte Herr de Jonge hatte für seinen leider abwesenden Sohn die Neckereien übernommen . Während man mit Fanatismus dem Außerordentlichen zischte und Lucinde sich still für sich selbst sagte : Vielleicht bestanden die Mauern von Jericho aus nichts , als Gärten von Rosen ! und nach dem Manne der echauffirten Frau sich umschaute , die neben ihr saß und die Ueberfüllung mit Menschen verwünschte , die nicht einmal möglich machte Pitern zu entdecken , entfaltete sich das Bouquet des Abends . Waren es auch nur immer dieselben » Gute Nacht ! « und dieselben » Schlaf wohl ! « und dieselben humoristischen » Speisezettel « , die die Sänger vortrugen , die Thatsache stand fest : Beim letzten Hauche konnte man den entsprechenden Accord des Flügels anschlagen - und nicht um eine Viertelnote waren diese jungen Kaufleute in ihrem Vortrag gesunken , worüber die alten regelmäßig in Enthusiasmus ausbrachen . Wie regierten sie aber auch mit strenger Gewalt die Musikzustände der Stadt ! Wie bestimmten sie den Erfolg jeder Oper , jeder neuen Messe ! Was sie verwarfen oder guthießen , fiel oder stand in der öffentlichen Meinung . Lucinde blieb hinter den Gardinen und beobachtete ... Sie kannte solche Gesellschaften nur aus Kiel und aus der Zeit ihres dreijährigen Wirkens im orthopädischen Institut , wo es genug vornehme Beziehungen gegeben hatte ... Die Wonne des Entzückens machte niemanden lebendiger , als die Commerzienräthin . Glich sie schon sonst in ihrem ganzen Leben einem jener kleinen Würmchen , die auf einer flachen Tafel hin- und herrennen , stutzen über nichts , links und rechts schwenken und da wieder hinlaufen , wo sie eben hergekommen sind , wie erst heute ! Trotzdem daß ihr Kopfputz , eine Art Turban mit purpurrothen Sammettroddeln und goldenen Fransen , ihr die feierliche Haltung eines Schlittenpferdes vorschrieb , drängte sie sich durch alle Bravis und Dacapos , durch alle Erfrischungen und Staats- und Kirchengespräche hindurch mit wiedererwachtem Jugendmuth . Blieb auch ihr Shawl an einigen Frackknöpfen der Herren , an einigen der aufgestellten Rhododendren oder am Kettchen eines neuen Halsbändchens ihrer Hunde hängen , sie war überall und nirgends und zuletzt auch bei Lucinden , die sie hervorzog und auf die Stirn küßte . Sie flüsterte ihr zu : Wie lieb ' ich Sie ! Aber ich muß Sie vorstellen ! Und noch ehe sie eine Antwort bekam , war sie schon wieder bei einer andern Gruppe und eigentlich suchte sie auch nur immer Pitern und sagte das auch laut . Aber obgleich die Gesellschaft schon zwei Stunden beisammen war , entbehrte doch niemand den Schöpfer dieses brillanten Abends . Die jungen Herren , seine Freunde , hatten mit den jungen Damen zu thun und der Außerordentliche machte die Honneurs des Hauses , so klein er war , mit einer Entschiedenheit , die imponirte . Wiederum hatte man in einer Extra-Arie die berühmte Schule und die Bocktriller der Sängerin bewundert ... Lucinde war endlich von dem beschlagenen Fenster erlöst , aus Umgebungen , wo sich einige Beamte und gemäßigte Commerzienräthe , die einen ghibellinischen Orden im Knopfloch trugen , durch den Gesang der Primadonna nicht hatten hindern lassen , von den Zeitläufen zu flüstern