kein Haar soll dir gekrümmt werden , nicht dein schönes Gesicht verunstaltet , kein Glied deines prächtigen Körpers beschädigt werden , obgleich du auch an mir hingst , von mir abhingst . - Aber auch ich zerreiße dies Band , auch ich lasse dich , wenn gleich im Geiste , zu meinen Füßen niederstürzen , und wenn ich mich von dir lossage , was hier feierlich vor dieser Todten geschieht « - dabei streckte er beide Hände weit von sich ab - » so wirst du vielleicht deinen Gott anflehen , er möge dir ein gleiches Schicksal zu Theil werden lassen , wie dieser da . « Clara war unter der furchtbaren Last dieser Vorwürfe und entsetzlichen Reden mit dem Kopf auf die Leiche niedergesunken , und da es ihr unmöglich war , etwas zu antworten , so hatte sie nur flehend und wie schützend die Hände über ihr Haupt erhoben , als wolle sie dadurch den Fluch abwehren , den er auf dasselbe herabschleuderte . Als sie sich endlich wieder faßte , als sie rief : » Arthur ! um Gotteswillen , Arthur ! « und aufsprang , da war er verschwunden . Sie blickte zweifelnd in dem Zimmer umher , fuhr mit der Hand über die Augen und wollte sich einreden , sie habe hier bei der todten Marie einen schrecklichen Traum gehabt , und er sei in Wahrheit gar nicht da gewesen . - Oh ! wenn dem so gewesen wäre ! Aber dem war nicht so . Madame Becker , die heftig erregt herein trat , sagte : » Hat sich die Leiche nicht bewegt , als Jener im Zimmer war ? Das sollte so sein , wenn Gerechtigkeit wäre , sie hätte drohend die Hand gegen ihn aufheben sollen . O daß ich ihn nicht früher gekannt , daß ich seinen Namen nicht gewußt ! ich erfuhr ihn erst vorhin , als er wie toll zur Thüre hinausstürzen wollte . - Clara , Clara ! « wandte sie sich an diese , » nimm dich in Acht vor der Familie ! Einer von ihnen ist schuld an dem Tode meiner Marie . « » Und der Andere - wird schuld an dem meinigen sein ! « seufzte das unglückliche Mädchen und legte ihr Gesicht auf die Hand der Todten , als suche sie hier Schutz und Trost . Einundsiebenzigstes Kapitel . Alles verloren . In dem Hause des Herrn Staiger hatte sich , seitdem Herr Blaffer das Honorar so bedeutend erhöht , allerlei auf ' s Vortheilhafteste verändert . Um das einzige Fenster prangte nun ein Vorhang von buntem Kattun , unter dem Schreibtisch lag ein altes Rehfell ; freilich schien dasselbe in der Mauser zu sein , und die einstmalige blaue Tucheinfassung war nicht mehr zu erkennen . Aber es that seine Dienste , indem es die Füße des alten Herrn wärmte . Auch dem Ofen war etwas vom besseren Verdienste zu gute gekommen , man gab ihm reichlicheres und härteres Holz , und er , dafür dankbar , verbreitete um sich her eine angenehme Wärme . Und dabei sott und prasselte es in ihm ganz behaglich ; es war beinahe Mittagszeit , und Clara , die wegen eines halben Feiertags heute die Tanzstunde nicht zu besuchen gebraucht , hatte Kartoffeln zum Mittagessen eingestellt , und war unterdessen in das Haus der Madame Becker gegangen , wie wir bereits wissen . Die Sorge für Kartoffeln und Suppe war unterdessen dem Papa Staiger übertragen worden , der sich hiezu , als seines Adjutanten , des Bübchens bediente , das er vor den Ofen gestellt und beauftragt hatte , Lärm zu schlagen , sobald Suppe oder Kartoffeln irgend eine außergewöhnliche Bewegung zu machen anfingen . Zuerst hatte Karl einige Einwendungen gemacht , denn er war an dem heutigen Morgen außerordentlich beschäftigt ; die Familie Staiger hatte nämlich , wie wir bereits wissen , einen Zuwachs erhalten und wir brauchen dabei wohl nicht zu bemerken , daß das kleine Mädchen , welches Arthur gebracht , mit herzlicher Liebe aufgenommen worden war . Natürlicherweise hatte der Maler die Bedingung dabei gestellt , daß die Bedürfnisse des armen Wesens ausschließlich ihm zur Last fallen müßten , und in Folge dessen hatte sich der Anzug der Kleinen wesentlich gebessert ; auch erschien sie nicht mehr so scheu und ängstlich , denn ihr Herz schlug freudiger , sobald es die Wärme gespürt hatte , mit der sie von diesen guten Menschen behandelt wurde . Karl hatte sie unter seinen besonderen Schutz genommen , lehrte sie all ' die sinnreichen Spiele , die er zu treiben pflegte , wobei sie ihm bald als Pferd , bald als Armee dienen mußte . Heute war sie sogar seine Prinzessin ; er hatte das Fußbänkchen Clara ' s umgekehrt , das Mädchen hinein gesetzt , die Trümmer eines Pferdes davor gespannt und kutschirte seine Pflegbefohlene nun in Gedanken durch die halbe Welt . Doch mußte dem Befehl des Vaters Folge geleistet werden , weßhalb das Bübchen den Fußschemel wieder umkehrte , das fremde Kind darauf setzte , ihm ein Bilderbuch in die Hand gab , und sich darauf , als er das Pferd ausgespannt hatte , an den Ofen begab . Das Geschäft , welches ihm der Vater übertragen , besorgte übrigens nun der Kleine mit einer so übergroßen Pünktlichkeit , daß er dadurch die Arbeit des Vaters weit öfter unterbrach , als nothwendig gewesen wäre . Jeden Augenblick glaubte er , der große Moment sei gekommen , wo die Suppe Neigung zeige , überzukochen , und dann prallte er mit einem lauten Aufschrei zurück , wobei es bereits zweimal vorgekommen war , daß er über sein kleines kopfloses Pferd stolperte , welches er an einem Bindfaden hinter sich drein schleifte . Das gab dann begreiflicherweise eine große Verwirrung und es kostete den Herrn Staiger mehrere werthvolle Minuten , bis Bübchen , Pferd und Bindfaden wieder aus einander gewickelt waren , bis der alte Herr nach seiner Suppe gesehen und darauf der Lauerposten wieder aufgestellt