hatte , weil er ihr gewesen wie ein Gebilde von Eis . Alles scharf , kantig , schneidend an ihm . Doch fiel ein Sonnenstrahl nach dem andern auf diese Erscheinung und ließ sie immermehr in allerlei Regenbogenfarbenlicht , wenn auch wie aus tausend Eiskrystallen , leuchten . Der Mensch ist ja merkwürdig ! sagte sie sich . Und als sie alles vernommen , was die Welt von Dominicus Nück wußte , als sie ihn vor Gericht den Mörder vertheidigen sah , der ihm selbst schon einmal hatte aus Leben gehen wollen , als sie den Blick beobachtete , mit dem Nück die vielbesprochene Prise verweigerte , erschien ihr seine Häßlichkeit , sein Cynismus , seine Charakterkraft überraschend . Klingsohr ' s Narben im Antlitz hatten sie nie gestört . Wie war sie nicht in düstere Lebenslabyrinthe eingedrungen ! Sie wußte , daß jener in Serlo ' s Papieren erwähnte Advocat , der bei dem Strafgericht des Bruders Hubertus über den Pater Fulgentius nicht zu entfernt gestanden , der hingerichtete Mörder ihrer Hauptmännin war . Schaudernd überliefen sie die Rückerinnerungen an alles , was sie von den Verirrungen des menschlichen Geistes schon in Erfahrung gebracht . Die Leichenschminkerin stand ihr oft mit Blumen wieder vor einer Todten und redete : Bist du nun auch erlöst , armes Weibchen ? Lache , lache , armes Kind , das zu gut war für diese Erde ! ... Diesem Nück konnte sie seit der » Jerichorose « nicht mehr begegnen , ohne daß es ihrem Innersten war , wie dem Knaben im Erlkönig . Sie sah sich fortgerissen in Nacht und Wind und stieß einen Hülferuf aus vor einer Hand , die unsichtbar sie umfing ; ein Leids fühlte sie , das ihr angethan , ein so tiefes Weh , daß nur das einfache Vorüberstreifen des grauen Mannes an ihr , sein Blick zu ihr empor nöthig war , um sie einer Ohnmacht nahe zu bringen . Gespenstisch war schon die Stille , die eintrat , wenn sein magisches Wesen vorübergezogen . Noch mehr ! Schon seit mehreren Tagen war ihr seltsam gewesen , daß eine Frau , die immer höchst elegant gekleidet neben ihr in der Messe auf einem der gemietheten Stühle kniete , sie anredete , am Tage darauf sie sogar verfolgte auf einem Gange , den sie in die Rumpelgasse machen wollte . Eine Jüdin , Namens Veilchen Igelsheimer , hatte in den ehrerbietigsten Ausdrücken an sie geschrieben , sie kenne , wie sie wisse , den Pater Sebastus . Der Aermste säße krank und elend und zwar um ihretwillen in einer Haft , aus der ihn weder die jetzt machtlose geistliche Behörde erlösen könnte , noch die weltliche erlösen wollte ; ob sie nicht ihre einflußreichen Verbindungen , besonders die Fürsprache des Oberprocurators Nück in Anspruch nehmen wollte , um den Unglücklichen vielleicht freizubekommen oder wenigstens ihm die Rückkehr nach dem Kloster Himmelpfort zu ermöglichen , worein die weltliche Behörde der vielen Untersuchungen wegen , in welche auch der Pater verwickelt wäre , nicht willigen wollte , oder ob sie vielleicht sonst etwas Durchgreifenderes zur Erlösung des Armen ersinnen könnte ; sie möchte ihr die Ehre gönnen und sie unter ihrem armen Dache besuchen ... Dieser Brief hatte Lucinden vollends aufgeregt . Klingsohr zurück nach Kloster Himmelpfort ? Zugleich mit dem ihm vielleicht schon lange nahe stehenden Bonaventura ? O daß eine Vergangenheit so furchtbar lastend auf dem Weibe ruht ! ... Sie hatte die Zuschrift der Jüdin mündlich beantworten wollen ... Da war ihr die fremde Dame nachgegangen und ermuthigt durch die verdächtigen Umgebungen der Rumpelgasse , sprach sie Lucinden in einer Weise an , die diese so erschreckte , daß sie ihren Vorsatz , die Jüdin zu besuchen , aufgab . Die Frau sagte ihr Schmeicheleien über ihre Schönheit . Sie lud sie zu sich ein , forderte sie sogar auf , sofort bei ihr Chocolade zu trinken . Lucinde wies die Frau zurück . Wer stellt dir so nach ? Wer verdächtigt dich ? ... Endlich noch mehr ! Heute plauderte Treudchen von der offenbar ganz gleichen Bekanntschaft , die auch sie mit einer sie verfolgenden Frau gemacht hätte ... Treudchen erzählte , daß der fromme Pfarrer Rother , der die Frau vor seinem Hause auf sie warten gesehen , ihr jede Beziehung zu ihr verboten hätte . Auch wäre sie von ihr seitdem unbehelligt geblieben ... Warum gehst du nur so oft zu diesem Pfarrer ? fragte Lucinde sinnend ... Denken Sie sich , das fragte mich neulich jemand anderes auch ! Der Herr Oberprocurator ! ... Die Pfarrei vom Berge Karmel liegt frei auf dem Platz und wie ich oben beim Pfarrer bin , zeigt er mir in der Ferne noch einmal die Frau , wie sie an einer Ecke gerade mit dem Oberprocurator spricht ... Mit Nück - ? Mit Herrn Nück ! Und heute früh begegne ich ihm und da sagt ' ich ihm , daß ich ja so gern auch bei den Damen auf dem Römerwege bin , weil ich meine Geschwister im Waisenhause habe ... Lucinde hörte der Erklärung kaum zu ; denn Nück , Nück im Gespräch mit jener Frau ! Dies Bild weckte ihr eine Vorstellung , die sie eiskalt überlief ... So unwürdig denkt dieser Mann - ? Gehört auch er zu jenen » Bemitleidenswerthen « , denen es eine unheilbare Krankheit geworden , an Frauentugend nicht mehr glauben zu können ? Muß es nicht elend in einer Seele aussehen , die vielleicht ein unwiderstehliches Bedürfniß der Liebe hat und den trügerischen Schein davon nur auf solchem Wege finden kann ? ... Oder stellt man dir Fallen und wiederholt sich der alte Unglaube an das , was du dir doch - » bei alledem « konnte sie selbst hinzufügen - bewahrt hast ? ... Da kam denn Josephine Nück und Lucinde mußte sich sagen : Freilich , ein Mann von Geist und Leidenschaft und ein solches Weib ! Düstere Falten zog die Stirn , die sich nun