Wasserkünsten , ja sogar von dem Aufenthalt der ermordeten Frau von Buschbeck daselbst , von bösen Dienstherrschaften , von leichtsinnigen jungen Commis , von dem dunkeln Geiste , der auf dem Hause Wittekind-Neuhof ruhte , von dem Mönche Sebastus , der noch immer in der Stadt verweilte und das alte Profeßhaus der Jesuiten nicht verlassen durfte , von seinem Vater , dem Deichgrafen , von dem gefangenen Küfer Stephan Lengenich , von einer nahe bevorstehenden Auflösung des Kronsyndikus , von dem Stiefvater des Domherrn von Asselyn , ja von Hamburg , Kiel ; und plauderte selbst der » gemüthliche « Pötzl einmal von einer Schauspielerin namens Konstanze Huber , die die Jungfrau von Orleans nur bis zum dritten Act durchgeführt hatte - was war ihr das alles ! Sie saß - und nähte - oder las dabei - , sie erhob sich auf jeden Wunsch der Commerzienräthin oder Johannens , ließ ihr goldenes Kreuz aus der Brust gleiten und sprach mit leiser und zurückhaltender Stimme von den geistlichen Exercitien und der Wallfahrt , die die Commerzienräthin für die glückliche Entbindung ihrer Tochter Hendrika und die rechtgläubige Taufe ihres Enkelkindes gelobt hatte ... Mit Beredsamkeit sich vertheidigen , gewährt oft ein schönes Schauspiel ; mit Beredsamkeit sich anklagen kann ein schöneres sein . Schweigen aber , schweigen , um sich zu vertheidigen , ist Heldengröße ; und schweigen vollends , schweigen um sich anzuklagen , Märtyrerglorie ... Was sind alle diese Vergehen , lag in Lucindens Mienen , deren ihr mich anklagt , wenn die Seele , wie der Rhein , der unter dem Bodensee hindurchzieht , aus geringen und unbedeutenden Anfängen nach kurzer Läuterung wieder und dann wie groß und majestätisch hervorbricht ! Aus der Fremde that sie wie nur in die Heimat gekommen , aus der Lüge zur Wahrheit , aus dem Irrthum zur Erkenntniß . In der großen Gemeinschaft der Kirche durfte kein Gläubiger zu dem andern sagen : Deine Vergangenheit schändet dich ! Die Tag- und Jahresgebete , die Abendandachten , der Rosenkranz , der englische Gruß , die Anbetung des allerheiligsten Sakraments , das heilige Meßopfer , alles das ist eine Kette , die zu Leibeigenen Gottes und durch das Erlösungswerk zu Kindern seiner Liebe macht . Lucinde kannte diese Formeln . Sie waren an sich für sie todt ; sie belebten sich aber - im Hinblick auf eine Entscheidung , die endlich kommen mußte - kommen sollte . Der Mann , den sie ein Jahr lang in der Stadt , wo sie katholisch geworden , angebetet , den sie zwei Jahre vergebens zu vergessen gesucht hatte , den sie in St.-Wolfgang , in Kocher am Fall , hier mit glühend aufschlagenden Flammen des Herzens wiedersah , wollte jetzt nach Westerhof reisen zu Paula . Sie wußte das seit einigen Tagen und da hatte sie erklärt , zu dieser Gesellschaft , fehle ihr die Stimmung . Gebeten hatte man sie , sich zu überwinden ... Wol stand sie in ihrem kleinen , schon von ihr und Treudchen sofort wieder aufgeräumten Zimmer wie ein Wesen , das nicht schüchtern eintreten konnte bei so auffallender Erscheinung . Es riß und zog auch in der That an ihr , die Wahrheit ihrer Natur zu enthüllen . Wie hob sie ' s , den gesenkten Kopf zurückzuwerfen , zu lachen , die acht schönen Locken im Nacken zu schütteln , die freie , gescheitelte Stirn zu erheben , statt Wehmuth um die Lippe Stolz und Bitterkeit zu zeigen , aus den Augen das Feuer einer unter der Asche drohend glimmenden Leidenschaft hervorbrechen zu lassen ... War sie nicht wie auf der Flucht ? Wie gehetzt von Gespenstern ? Nie , nie liebt ' ich diesen Klingsohr , der jetzt hier vielleicht gegen mich zeugt ! hätte sie in die Welt , in die Messe hinausrufen mögen , wenn sie Bonaventura celebrirte . Im » Kirchenboten « des Beda Hunnius , mit dem sie ihre Correspondenz nach der Katastrophe des Kirchenfürsten hatte abbrechen müssen , las sie die » Stufenbriefe « . Klingsohr schrieb sie allerdings nur für Lucinden . Es waren Empfindungen , wie sie Abälard , nach der ruchlosen That seiner Feinde , an Heloise geschrieben haben konnte ... Aber wenn nun Bonaventura gar nach Westerhof ging ! Nach Schloß Neuhof , Kloster Himmelpfort , wo ihre ganze Vergangenheit mit ihm zusammentreffen konnte ... Täglich mußte sie von der » Seherin von Westerhof « hören ! ... Selbst der kühle Benno konnte nicht in Abrede stellen , daß vernünftige Menschen von Paula ' s Visionen und Heilungen mit Bewunderung sprachen . Jetzt wollte Bonaventura nach St.-Libori reisen und - darüber war kein Zweifel - einen Seelenbund erneuern , der fürs Leben geschlossen wurde , wenn Paula , wie man vermuthete , nach dem Verlust ihres Processes den Schleier nahm ... Lucinde kannte die Glückseligkeit , die den heiligen Franz von Sales mit Frau von Chantal vor und nach der Stiftung des Ordens der Visitandinen verband . Sie wußte , daß Fénélon , der sanfteste der Priester , Seelenbündnisse mit Madame Guyon und Fräulein von Maisonfort hatte . Sie wußte , daß selbst der strenge , so trockene und pedantische Bossuet von einer Frau von Cornuan , deren Geistesbildung etwa der der Commerzienräthin Kattendyk gleichkam , in einer Weise belästigt wurde , die zuletzt trotz alles ihm von dieser Frau verursachten Aergers ihm zum Bedürfniß werden konnte , also , wie Lucinde gelegentlich bitter vor sich hinsprach - ebenso gut wie die Ehe war ... Ein Wort , das der Außerordentliche einmal sprach , nun würde mit dem Domherrn von Asselyn auf Schloß Westerhof der wahre » Doctor ekstaticus « erscheinen , machte sie zittern vor Eifersucht ... Stündlich stand sie auf dem Sprunge zu Bonaventura und ihm zu rufen : Reise , doch erst morde mich ! An demselben Abend war sie damals die » Jerichorose « gewesen . Sie verstand zum ersten mal gewisse durchbohrende Blicke des Oberprocurators , eines Mannes , vor dem sie sich anfangs entsetzt