, ganz gewiß ! - und doch entsank ihr wieder der Muth , als sie allein war ... Nicht der religiöse Grund , den sie seither alle Tage gegen diese Gesellschaft vorgeschützt hatte , fehlte ihr , sie stand an ihren Ofen gelehnt in vollständigster Toilette . Treudchen war eine ganze Stunde bei ihr gewesen und hatte sie geschmückt wie eine Braut - etwa eine Braut , die sich zu einer Zeit vermählt , wo sie um irgendeinen Anverwandten zu trauern hat . Ihr Kleid , bestehend aus einem leichten , wallenden , aschgrauen Stoff mit reichem schwarzen Spitzenbesatz , war ein Geschenk der Commerzienräthin . Das dunkelbräunliche Incarnat der offenen Arme und des Halses wurde durch diese Farbe gemildert , die auch ihre ganze , einer Creolin ähnliche Erscheinung minder scharf heraustreten ließ . Das Haar war nach vorn einfach getheilt , nach hinten sammelte es sich in zwei schweren runden Flechten , die in Kreisform aufgebunden , von einem schwarzen Sammetgewinde bedeckt waren . Unter den beiden Rundungen der Flechten quollen hinter jedem Ohr bis in den Nacken vier Locken hervor . Es war zum ersten mal wieder , daß sich Lucinde wie seit lange nicht gegeben hatte ; sie hatte es in der Gewalt , aufzufallen oder ganz zurückzutreten . Der reiche Spitzenbesatz am obern Rande des Kleides erlaubte in bloßem Halse zu erscheinen . Auch war der obere Arm von einem offenen Spitzengehänge halb verdeckt . Die kleine Juwelenschnalle auf einem schwarzen Sammetband , das den Hals bedeckte , war ein Weihnachtsgeschenk der Frau Oberprocurator . Ein Armband von einem als Schlange ausgearbeiteten blutrothen Korallenzweige , reich mit Goldverzierung , hatte sogar Piter geschenkt . Silbergraue lange Handschuhe lagen auf der Sophalehne . Sie waren schon von ihr anprobirt gewesen und wurden wieder ausgezogen . Treudchen hatte Lucinden schon fast bis an den Eintritt in den Saal begleitet und wieder war sie zurückgegangen . Treudchen durfte oben beim einfachen Thee ihrer Herrschaft nicht fehlen ; sie mußte Schlag acht Uhr von ihrer Gönnerin sich trennen und konnte ihr : Bitte ! Bitte ! Gehen Sie doch ! Ach ! die Menschen werden Augen machen ! nicht öfter wiederholen ... Die Furcht , die Lucinden zurückhielt , unter die Menschen zu treten , beruhte auf dem Gefühl , daß sie sich in einer Weise elektrisirt fühlen würde , die ihrer ganzen bisherigen Haltung und wahren Stimmung widersprach . Nur mit Noth erwehrte sie sich schon lange der Huldigungen , die bei dem regen Verkehr im Kattendyk ' schen Hause nicht fehlen konnten . Im Personal des Bureau gab es Blicke , die sie verfolgten ; unter Piter ' s Freunden , in den Kirchen , auf der Straße erregte sie Aufsehen . Oft auch schon meldete sich in ihrem Blut die Zeit von Hamburg und Kiel . Nicht , daß sie eine gewöhnliche Gefallsucht gehabt hätte , nicht , daß ihre Sinne glühten - ihre Sinne schienen kalt . Ihr erster » Kindskopfwahn « , wie sie ihn nannte , der sie hatte bestimmen können , mit Oskar Binder nach Amerika gehen zu wollen , hatte ihr eine ganze Gattung von Männern verleidet . Wenn sie sich sagen mußte : An welchen Fäden hing schon oft deine Zukunft ! und sie sich gestehen durfte , daß sie in alle diese Lagen fast ohne Bewußtsein und wie nur von einem Instinct der Selbsterhaltung und einer das Höchste anstrebenden Zukunft geführt wurde , bangte ihr vor dem Gedanken , jemals wieder so nahe an Abgründe zu treten ... Klingsohr , dessen dauernde Anwesenheit in dieser Stadt , mögliche Beziehung zu Bonaventura sie oft in Verzweiflung brachte , Klingsohr war ein Phantast gewesen . Die merkwürdige Erscheinung , daß die Verirrung , die diesen beinahe rettungslos dem Trunk zugeführt hätte , mit einer Abneigung gegen Frauen verbunden zu sein pflegt , zeigte sich schon in Kiel , wo er moralisiren konnte . In jener schauerlichen Nacht auf Schloß Neuhof bestanden seine Zärtlichkeiten im Knieen wie vor einem Gnadenbilde , im Küssen der Locken , des Kleides , in Eingebungen einer Phantastik , die seinem Wesen entsprach , dem Leben nicht in der Wirklichkeit , sondern im Erträumten und Schattenhaften . Jérôme von Wittekind berührte Lucinden nicht . Sie war ihm eine Erscheinung aus dem Reiche der Märchen . Klingsohr ' s Entmannung , wie wir seinen Zustand nennen möchten , war nicht die Verrücktheit des tollen Kammerherrn und des Paters Ivo , nicht die Empfindung glühender , nur sich beherrschender Liebe , sondern das Bedürfniß , das er mit seinen hamburger Freunden theilte , sich auf den Trümmern der Unschuld ein letztes » reines Gnadenbild « , eine Madonna , eine Laura , eine Beatrice zu dichten ... Sie fürchtete sich vor der Gesellschaft , weil in ihrem Innern ein Vulkan tobte . Sie glaubte nicht länger sich verleugnen zu können . Unterdrückte sie auch seit Monaten ihren Spott , ihren Humor , selbst ihre Kenntniß des Pianos , nur um nicht in Versuchung zu kommen , ein Allegro zu spielen , so wußte sie , was in ihrer Brust wuchs und ausbrechen mußte und nicht länger zu halten war . Daß man immermehr ihrem vergangenen Leben nachspüren würde , erfüllte sie mit dem Gelüst , sich vertheidigen zu wollen . Halt aber an dich ! Halt an dich ! sagte sie sich oft und das aus Furcht , daß sie plötzlich so nicht mehr fort konnte . So andächtig besuchte niemand die Messe , so für unwürdig der Communion erklärte sich niemand ( freilich mußte sie sich den Genuß versagen , da sie seit der geschilderten Scene nicht wieder beichtete ) , so sittsam blickte niemand auf der Straße nieder , so bescheiden äußerte sich niemand in Gesellschaft , so geringschätzend sprach niemand von seinen Ansprüchen auf Anerkennung , so gelassen gab sich niemand einer etwaigen Anspielung auf sein früheres Leben preis . Sprach man selbst bei Frau Walpurga von jener schönen Stadt mit den Wachparaden und den berühmten