möchte . Sie hob sie zögernd , in ihren Augen lag eine sanfte Bitte . Agathe hörte , wie sie leise zu ihm sprach : “ Auf gute Freundschaft ! ” Er machte ihr eine tiefe steife Verbeugung . Agathe begleitete sie hinaus , ihr beim Umkleiden zu helfen , sie war aufgeregter als die kühle Braut , welche umsichtig die letzten Anordnungen für die Reise traf . Nachdem das junge Paar abgefahren war , zog sich Agathe in Eugenies Schlafzimmer zurück und blieb dort mit dem ausgedienten Hochzeitsstaat , der auf den Stühlen umherlag , allein . Sie schluchzte recht von Herzen . Endlich trocknete sie ihre Augen , wusch sich das Gesicht und ging wieder in die untere Etage hinab . Die Gesellschaft hatte sich zerstreut , die Fremderen waren verschwunden . Im Salon fand Agathe ihre Eltern und den alten Wutrow müde und einsilbig zwischen einem großen Kreise von Verwandten sitzen . Frau Wutrow teilte unter ihre Leute Kuchen aus und begann das Silber fortzuschließen . In dem Erker des Eßsaales hatten sich Cousine Mimi von Bär mit ihrem Bruder , Lisbeth Wendhagen , die dritte Brautjungfer , Onkel Gustav und der Prokurist des Geschäftes um einen Rest Bowle versammelt . Jenseits des langen Korridors , nach dem Garten hinaus lag Eugenies Boudoir . Sie hatte , als sie in den Wagen stieg , Agathe gebeten , dort ihren Schreibtisch zuzuschließen und den Schlüssel in Verwahrung zu nehmen . “ Mama kramt sonst in allen Schubladen herum — Du bist diskreter , das weiß ich . ” Müden , leisen Schrittes ging Agathe , ihr Versprechen zu erfüllen . Sie hob den Vorhang . Da stand Greffinger , dem Eingang den Rücken wendend , neben dem kleinen Sofa , wo er oft mit den beiden Mädchen gesessen und vergnügten Unsinn geschwatzt — er hatte den Kopf in die wollene Fenstergardine gewühlt — seine breiten Schultern zuckten , Agathe hörte sein stoßweises röchelndes Weinen . Bestürzt stand sie vor diesem Schmerz — zum ersten Mal sah sie die Leidenschaft , die ihre eigene Gesundheit still und rastlos untergrub , bei einem kräftigen Manne ausbrechen . Sie machte eine Bewegung — sie hätte ihn gern in den Arm genommen und mit ihm geweint , ihn gestreichelt und getröstet . In ihrer Schwäche fühlte sie sich jetzt stärker als er — ein solches Elend paßte besser zu ihr , als zu dem derben Greffinger . Aber sie wagte nicht , ihrem Wunsche nachzugeben und schlich vorsichtig zurück . Er hatte sie nicht bemerkt . Nach der Hochzeitsreise zogen die jungen Heidlings in die obere Etage des Wutrow ' schen Hauses , die für sie mit modernen Tapeten , altdeutschen Öfen und Parquetfußböden neu hergerichtet worden war . Eugenie spielte nun ein reizendes Hausmütterchen . Walters Kameraden feierten sie als das Muster der deutschen Offiziersfrau . Es bildete sich ein Sport bei den jungen Herren aus : Heidling zum Dienst abzuholen , nur um in der frühen Morgenstunde Eugenie in den neuen Negligés und dem koketten Spitzenhäubchen an der Kaffeemaschine zu sehen und eine von ihren geschickten Händen schnell bereitete Tasse Mokka im Stehen herunterzustürzen . Abends konnte man regelmäßig ein bis zwei Lieutenants , auch wohl einen unverheirateten Hauptmann bei Heidlings finden . Der fröhliche Jugendverkehr zog nach Walters Heirat ganz natürlich zu den jungen Leuten hinüber . Man bekam hier ein eben so gutes Abendessen und durfte sich doch ungenierter gehen lassen , als unter den Augen des Regierungsrates . Agathe war zwar von Eugenie ein für allemal eingeladen , aber sie mochte die Eltern nicht viel allein lassen . Papa hatte es gern , wenn sie vorlas . Manchmal freilich war er auch zum Hören zu angegriffen und saß schweigsam , verstimmt mit seiner Cigarre in der Sofaecke . Oder er mußte auch noch arbeiten und liebte es dann , von seinen Akten aufblickend , durch die geöffnete Thür ihren braunen lockigen Kopf unter dem Lampenlicht zu sehen , wie sie der Mama half Wäsche stopfen . Das waren eintönige Abende . Agathe konnte die Einsamkeit , in der sie früher endlosen , glücklichen Träumereien nachhing , nicht mehr gut ertragen . Die Eltern hatten mit Wutrows und den jungen Leuten zusammen im Theater abonniert . Das Billet kam nur selten an Agathe — es war jedesmal ein aufregendes Ereignis . Früher hatte sie nur Sinn und Begeisterung für Tragödien gezeigt — das hatte sich nun geändert . In den großen Dramen gab es selten Rollen für die Naive . Und nur wenn die Daniel auftrat , war Agathe sicher , Lutz im Theater zu finden . Eugenie wußte das freilich ganz genau , aber sie und ihr Mann zogen auch Lustspiele und Possen vor , und bitten konnte Agathe nicht um ein Billet — nein — es war furchtbar , wie sie sich schämte und fürchtete , um dieser unglückseligen Liebe willen . Lutz stand meist im Hintergrunde der Proszeniumsloge . Agathe konnte seinen Kopf nur sehen , sobald er sich vorbeugte . Auf diese flüchtigen Sekunden wartete sie mit einer bebenden Gespanntheit . Unbegreiflich blieb es ihr , wo Fräulein Daniel bei ihrer fragwürdigen Erziehung diese leichte und anmutige Vornehmheit des Wesens hatte erwerben können . Die anderen Bühnendamen erschienen neben ihr plump und roh . Selbst eine gewisse Affektation verzieh man ihr , sie kleidete sie gut . War ihr Näschen , ihr ausdrucksvoller Mund ganz geistreiche Schelmerei — die Augen blieben immer ernst , sie konnten gemütvoll und traurig blicken . Agathe begriff es nicht , warum Lutz oft nur zu einer Scene kam und bald wieder verschwand . Nein — er liebte die Daniel nicht . . . . Applaudierte er auf eine nachlässige , diskrete Weise , so tauchten seine schmalen , weißen , unruhigen Hände gleichsam körperlos aus dem Dunkel der Loge hervor . Dann hörte Agathe Bemerkungen unter ihren Nachbarn über seine Beziehungen zur Daniel . “ . . . . Er soll ihr schon seit Jahren den Hof machen