„ Durch das seichte Wasser , ohne alle Schwierigkeit , an das Land brachte , “ ergänzte Raven . „ Ja , das weiß ich , und zweifle durchaus nicht , daß er diesen Dienst , den jeder Fischerbube Ihnen hätte leisten können , benutzt hat , um als Lebensretter bei Ihnen zu debütiren , wie es scheint nicht ohne Erfolg . Gabriele gewährt ihm einen Tanz , den sie dem jungen Baron Wilten verweigert hat und der vermuthlich eigens für den Herrn Assessor aufgehoben wurde . Das ist eine Vertraulichkeit , die sich jedenfalls auf die frühere Bekanntschaft stützt , die ich aber im höchsten Grade unpassend finde . Die einmal gegebene Zusage kann allerdings nicht zurückgenommen werden , ich bitte Sie aber , dafür zu sorgen , daß Gabriele nicht öfter mit dem jungen Manne tanzt . Ich wünsche es durchaus nicht ! “ Er sprach in gedämpftem , aber offenbar gereiztem Tone . Die Baronin war etwas überrascht von dieser Gereiztheit , die sie sich nicht zu erklären vermochte , beeilte sich aber , zu versichern , daß sie mit ihrer Tochter sprechen werde , und nahm dann den [ 242 ] Arm des Oberst Wilten , der soeben kam , um sie gleichfalls nach dem Tanzsaal zu führen . Inzwischen schritt der Freiherr durch die anderen Säle , wo die übrige Gesellschaft sich meist in lebhafter Unterhaltung befand . Raven trat zu den einzelnen Gruppen , indem er hier am Gespräch theilnahm , dort nur wenige flüchtige Bemerkungen hinwarf und am dritten Orte wenige Artigkeiten austauschte . Auch mit dem Bürgermeister sprach er in verbindlicher Weise , ohne den schwebenden Conflict auch nur mit einem Worte zu erwähnen . Er war zuvorkommend gegen Einzelne , herablassend gegen Andere , höflich mit Allen , aber mit keinem Einzigen vertraulich . Sein Benehmen zeigte nur die Ruhe und Sicherheit eines Mannes , der gewohnt ist , den ersten Platz einzunehmen , und sich von vornherein über seine Umgebung stellt . Und die Umgebung war es längst gewohnt , ihm diese Stellung unbedingt einzuräumen . „ Man sollte meinen , wir wären bei unserem Landesherrn selbst zu Gaste , nicht bei seinem Vertreter , “ sagte der Bürgermeister zum Polizeidirector , als er mit diesem zusammentraf . „ Die Airs , die sich Excellenz bei solchen Gelegenheiten zu geben liebt , sind wirklich bewundernswürdig , aber sie passen besser für einen Souverain , als für den Gouverneur einer Provinz . Sind Sie auch schon mit einer allergnädigsten Anrede und huldreichen Entlassung beehrt worden ? “ Der Gefragte lächelte in seiner verbindlichen Weise , ohne die Bitterkeit bemerken zu wollen . „ Ich bin wirklich überrascht , Sie hier zu sehen , “ entgegnete er . „ Bei der schroffen Stellung , die Sie und die übrigen Herren von der Stadt jetzt dem Gouverneur gegenüber einnehmen , fürchtete ich , daß Sie die Annahme der Einladung verweigern würden . “ „ Können wir das ? “ fragte der Bürgermeister mit unterdrückter Heftigkeit . „ Das Fest gilt dem Landesherrn ; unser Fernbleiben wäre eine Demonstration , die in gehässigster Weise gedeutet und ausgebeutet werden könnte , und wir möchten gerade nach dieser Seite hin am wenigsten verletzen . Der Freiherr weiß es so gut wie wir , daß nur diese Rücksicht unser Erscheinen veranlaßt . Zu seinen Festen wären wir schwerlich gekommen . “ „ Sie sollten den Conflict Ihrerseits nicht auch noch auf die Spitze treiben , “ mahnte der Andere . „ Sie kennen ja den Freiherrn von Raven ; von ihm ist keine Nachgiebigkeit zu erwarten . “ „ Von uns noch weniger ! Wir halten fest an unseren Rechten , und es wird sich ja zeigen , ob ein Gouverneur , der in solcher Weise uns gegenübersteht , sich auf die Dauer behaupten kann . “ „ Er wird sich behaupten , “ sagte der Polizeidirector mit Bestimmtheit . „ Hoffen Sie nichts in dieser Beziehung ! Noch ist sein Einfluß an maßgebender Stelle ein unumschränkter . “ Der Bürgermeister stutzte und warf einen forschenden Blick auf den Sprechenden . „ Sie scheinen das sehr genau zu wissen . Freilich , Sie kamen ja aus der Residenz zu uns und haben dort jedenfalls Freunde und Verbindungen . “ „ Durchaus nicht , “ lehnte der Director in kühlem Tone ab . „ Ich meine nur , das Auftreten des Freiherrn zeigt zur Genüge , wie sicher er sich in seiner Stellung fühlt , und wie allmächtig sein Einfluß in gewissen Kreisen ist . Sie thäten besser , es nicht zum offenen Bruche zwischen ihm und der Stadt kommen zu lassen ; noch wird eine Katastrophe ja zu vermeiden sein . “ Damit ging er . Der Bürgermeister schaute ihm ärgerlich nach . „ Jawohl , “ murmelte er , „ die Katastrophe soll um jeden Preis vermieden werden , damit es dem Herrn Polizeidirector möglich ist , die schöne Neutralität zu bewahren , die er so offenbar zur Schau trägt . Er hat es wirklich fertig gebracht , zugleich der gehorsame Diener des Freiherrn zu sein und in der ganzen Stadt für den liebenswürdigen , maßvollen Vermittler zu gelten , der nur gezwungen seinem Chef gehorcht . Da ist mir ein offener Gegner wie Raven noch lieber ; ihm gegenüber weiß man doch wenigstens , woran man ist , aber diese Neutralen , die es mit beiden Parteien halten und es mit keiner ehrlich meinen – ich traue ihnen nun einmal nicht . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 16 , S. 255 – 258 Fortsetzungsroman – Teil 8 [ 255 ] Im Ballsaal wurde inzwischen der längst begonnene Tanz mit Lebhaftigkeit fortgesetzt , und die Paare ordneten sich bereits zum zweiten Walzer . Gabriele war von einem Tanz zum andern geflogen ; sie liebte dieses Vergnügen über Alles und