Dorette , und mache mir vor allen Dingen keine solche verzweiflungsvollen Mienen , du sollst sehen , wir behalten den Kopf doch noch oben und führen auch unter den jetzigen Verhältnissen ein gutes und stilles Leben weiter . Was würde meine Johanne sagen , wenn sie bis heute mein Los mit mir geteilt hätte ? Sieh , die Leute können wir denken und reden lassen , was sie wollen . « » Und ich sehe sie schon vor mir , wie sie die Köpfe zusammenstecken ; der Pastor und der Ulebeule , die Herren vom Gestüt , der Amtsrichter und der Doktor . Sie werden sich schöne Historien zusammenphantasieren und uns in einem bunten Lichte an die Wand hinmalen ! « » Laß sie ! Möge es nur dem alten tollen Freunde mit seinem jungen Glück gut gehen ! Ich sage dir , liebe Schwester , schon die Gewißheit , daß niemand es so herzlich mit uns meint als er , wäre mir ein Trost , wenn es mir vielleicht auch noch so kläglich zumute wäre . Jetzt glaubt er , mit vollen Segeln seinem und unserem Glücke entgegenzuschwimmen ; sieh , Alte , und sein Geld hat doch wenigstens zum zweitenmal einem Menschen für eine Stunde Behagen gegeben , was man wahrhaftig nicht von jedem Gelde sagen kann , und wenn es auch wie hier zwölftausend Taler wären . « Die Schwester erwiderte nichts hierauf , sondern zuckte nur die Achseln , welches ihr dann wieder Gewissensbisse machte . Sie stand auf , ging zum Fenster und sah in den nächtlich winterlichen , gleichfalls schwer mit Hypotheken belasteten Garten hinaus und wendete sich nach drei Minuten erst ins Zimmer zurück : » Es schneit tüchtig , Bruder . Weißt du wohl noch , Philipp , welch ein Vergnügen und welche geheime Behaglichkeit wir gerade an diesem Tage am Schnee hatten ? « » Ei gewiß « , rief der Bruder , » wie wären wir sonst wohl dies Menschenalter durch so gut miteinander ausgekommen ? Dorette , heute sind wir doch die richtigen Narren gewesen , daß wir uns zum erstenmal nicht einen Tannenbaum mit Lichtern besteckt haben . Allem zum Trotz hätten wir das tun sollen ! Nun das nächste Mal ! – Im nächsten Jahre – « » Wenn dein Freund vom Blutstuhle das Schiff mit den Fässern voll Gold und Edelsteinen geschickt hat , als Abzahlung – wenigstens für das Rezept zum Kristeller ! Oh , und dafür dreißig Jahre lang da seinen Lehnstuhl freigehalten zu haben ! « Das war echt weiblich und also nichts dagegen zu machen : der alte Herr Philipp hielt sich an sein eigen männlich und treu Gemüt , ließ sich das Wort nicht vor dem Munde abschneiden , sondern schloß seinen Satz : » ... wollen wir das diesmal Versäumte desto herzlicher und herzhafter nachholen . « Der weiblichen Einschaltung wegen fügte er jedoch im stillen noch hinzu : » Wie es auch kommen mag . « Was die Freunde der Umgegend anbetraf , so verwunderten sie sich in der Tat sehr , als im Laufe des Winters und Frühjahrs in der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ sich vieles sehr veränderte – als die Möbel aus den Gemächern abhanden kamen , das Vieh aus den Ställen verschwand , als der Blumengarten sich in einen Gemüseplatz verwandelte , das zierliche Dienstmädchen eine andere gute Herrschaft suchte , dem Knechte gekündigt wurde und es im Kreisblatte zu lesen stand , daß der Apotheker Herr Philipp Kristeller soundso viel Morgen Wiesen und Ackerfeld an die und die Bauern der Gemeinde und Feldmark verkauft habe . Als aber die Auktion in der Apotheke selbst wirklich abgehalten wurde , boten sie kopfschüttelnd mit ; und auf dieser Auktion erstand der Förster des Apothekers Bildergalerie , der Doktor die chinesische Punschschale und der Pastor den Ehrensessel des Obersten in brasilianischen Diensten Dom Agostin Agonista . Ein kahleres Haus gab es nachher nicht im Orte . Nur der Inhalt der Büchsen und Gläser in der Offizin blieb verschont ; die Freunde und Bekannten aber überlegten und mutmaßten nach allen Richtungen hin und kamen zuletzt sämtlich auf die nicht ganz unwahrscheinliche Vermutung , daß ihr Freund , Herr Philipp Kristeller , in schlechten Papieren ganz heimlich spekuliert und sich verspekuliert habe . Natürlich rieten sie ihm dringend , sich doch umgehend an seinen Freund , den brasilianischen Obersten , zu wenden , und begriffen nicht , aus welchem Grunde er das so sehr hartnäckig ablehnte .