und bat das junge Mädchen in warmen Worten , recht oft zu kommen . „ Fräulein Käthe geht ja schon in wenigen Wochen nach Dresden zurück , “ antwortete der Doktor fast hastig an Käthe ’ s Stelle . Sie stutzte . Hatte er Furcht , sie werde bei ihren Besuchen mit der ahnungslosen alten Frau über sein seltsames Verlobungsverhältniß sprechen ? Diese Annahme verdroß sie , aber er that ihr so leid um seiner inneren Leiden willen , die er so streng in seiner Brust verschloß . Und sie konnte ihn nicht einmal beruhigen . „ Ich werde länger bleiben , Herr Doktor , “ versetzte sie ernst . „ Ja , es ist leicht möglich , daß sich mein Aufenthalt in Moritzens Hause über viele Monate ausdehnt . Als Henriettens Arzt werden Sie ja am besten beurtheilen können , wann ich meine kranke Schwester ohne Sorge verlassen und zu meinen Pflegeeltern zurückkehren kann . “ „ Sie wollen Henriette pflegen ? “ „ Wie es sich von selbst versteht , “ ergänzte sie . „ Schlimm genug , daß ihre Pflege bis heute ausschließlich in fremden Händen gewesen ist . Die Arme verbringt ihre Nächte lieber hülflos , als daß sie sich entschließt , Beistand herbeizurufen , weil die sauren , mürrischen Mienen der verschlafenen Gesichter sie beleidigen , weil sie zu stolz und vielleicht auch zu krankhaft reizbar ist , um sich ihre Abhängigkeit von Untergebenen so fühlbar machen zu lassen . Das darf nicht mehr vorkommen – ich bleibe bei ihr . “ „ Sie denken sich die Aufgabe jedenfalls viel zu leicht – Henriette ist sehr krank ; “ er strich sich mit der Hand so langsam über die Stirn , daß die Augen für einen Moment nicht sichtbar waren ; „ es werden schwere , bange Stunden zu überwinden sein . “ „ Ich weiß es , “ sagte sie leise und tiefe Blässe deckte sekundenlang ihr Gesicht . „ Aber ich habe Mut – “ „ Daran zweifle ich nicht , “ unterbrach er sie , „ ich glaube ebenso an Ihre Geduld wie an Ihre ausdauernde Barmherzigkeit , aber es läßt sich nicht ermessen , bis zu welchem Zeitpunkt die Kranke – keine Pflege mehr brauchen wird . Deshalb darf ich nicht zugeben , daß Sie die Sache so energisch in die Hand nehmen . Sie können es physisch nicht durchsetzen . “ „ Ich ? “ Sie hob und streckte unwillkürlich ihre Arme und sah stolzlächelnd auf sie nieder . „ Kommt Ihnen Ihre Befürchtung nicht selbst unmotiviert vor , wenn Sie mich ansehen , Herr Doktor ? “ fragte sie mit einem heiteren Aufblick . „ Ich bin von derbem Schrot und Korn ; ich bin nach meiner Großmutter Sommer geartet ; die war ein Bauernkind , oder vielmehr ein Holzhackerstöchterlein , ist barfuß gelaufen und hat die Axt im Walde besser geschwungen als ihre Brüder – ich weiß es von Suse . “ Er sah von ihr fort zum offenen Fenster hinüber ; da stand die alte Frau Diakonus selbstvergessen hinter ihren Hyacinthen und Narcissen , und ihr Blick hing wie verzaubert an dem Mädchen . – Sein Gesicht verfinsterte sich auffallend . „ Es handelt sich weniger um die Stahlkraft der Muskeln , “ sagte er ausweichend . „ Ein solches Pflegeramt mit seinen Aufregungen und Aengsten richtet sich feindlich gegen das Nervenleben – übrigens , “ unterbrach er sich , „ steht es mir ja gar nicht zu , bestimmend auf Ihre Entschlüsse einzuwirken . Das ist Sache Ihres Vormundes . Moritz soll entscheiden ; er wird voraussichtlich darauf bestehen , daß Sie zur festgesetzten Zeit in das Haus Ihrer Pflegeeltern zurückkehren . “ Der Doktor sprach die letzten Worte , ganz gegen seine gewohnte Milde und Gelassenheit , ziemlich schroff . Die Tante zog sich unwillkürlich tiefer in das Zimmer zurück ; Käthe dagegen blieb ruhig stehen „ Aber warum denn so unbeugsam , Herr Doktor ? Warum wünschen Sie denn , daß Moritz gar so hart mit mir verfährt ? “ fragte sie mädchenhaft sanft . „ Will ich denn Böses ? Und sollte Moritz wirklich die Befugniß zustehen , mich von der Erfüllung meiner schwesterlichen Pflicht abzuhalten ? Ich glaube es nicht . … Nun weiß ich aber einen Ausweg : Veranlassen Sie Henriette , mich nach Dresden zu begleiten ! Dort theile ich mit meiner Doktorin die Pflege der Patientin ; das wird doch meinen Nerven nicht schaden ? “ Sie lächelte ganz leise . „ Gut – ich werde einen Versuch machen , “ sagte er sehr bestimmt . „ Dann gebe ich Ihnen mein Wort , daß ich so bald wie möglich auf- und davonfliegen werde , “ versetzte sie ebenso fest mit einem sprechenden Blick , vor dem er , wie auf einem Unrecht ertappt , die Augen niederschlug . Die Tante bog sich plötzlich aus dem Fenster und sah dem Doktor erstaunt und beweglich in das Gesicht – er war ja merkwürdig schweigsam . Da stand er nun und löste einige verdorrte Weinranken vom Spalier , die der Zugwind hin- und herschaukelte , und sagte keine Silbe mehr . „ Gehen Sie denn so gern ? “ fragte die alte Frau sichtlich verlegen mit liebreichem Vorwurfe . Käthe zog eben den in den Nacken gesunkenen Schleier wieder über den Kopf und knüpfte ihn fest unter dem Kinn . Wie eine Pfirsichblüthe leuchtete ihr Gesicht aus dem dunkeln Gewebe . „ Soll ich aus Höflichkeit ‚ Nein ‘ sagen , Frau Diakonus ? “ fragte sie lächelnd zurück . Sie schüttelte den Kopf . „ Ich glaube , ich bin leidlich vernünftig für die Welt und ihre Dinge , wie sie nun einmal sind , erzogen , aber all ’ und jede Kaprice der Individualität fegt auch die strengste Zucht nicht aus den Seelenwinkeln . Ich stehe z. B. der Großmama meiner Schwestern heute genau so verwunderlich fremd gegenüber , wie damals , wo ich ihr auf Befehl meines Vaters