nieder , daß Mainau überzeugt war , sie gehe im Geiste Leos Vokabeln durch , oder zähle die Seifenstücke , die man in der Waschküche verbraucht habe . Er , der die » deutsche Langeweile « floh , wie tödliches Gift , er hatte sie grundsätzlich mit dieser » stillen , passiven Natur « in sein Haus verpflanzt . Dazu waren alle seine neuen Anlagen im Parke fertig , es blieb ihm , wie er sich ausdrückte , für das nächste halbe Jahr nicht eine einzige Aufgabe in der Heimat zu erfüllen , und so rüstete er sich energisch zur Abreise ... » Das Vagabundenblut der Mainau « siede in ihm , sagte er eines Abends beim Thee lachend zum Hofmarschall . Der alte Herr wurde spitz und verbat sich in seinem und seiner edlen Vorfahren Namen dergleichen Bezeichnungen – es kam zu einem scharfgeführten Wortwechsel , der grelle Schlaglichter auf die Vergangenheit warf ... Während Liane , scheinbar indolent , Stich um Stich weiter stickte , sah sie im Geiste die drei Brüder Mainau , die vor circa fünfunddreißig Jahren viel von sich reden gemacht hatten – sie waren schön , vornehm und gesucht gewesen ... Der Greis dort mit dem tadellos frisierten grauen Kopf , dem fortgesetzt fahlrote Lichter der inneren Erregung über die Wangen flackerten , er hatte recht , wenn er gegen das Vagabundenblut protestierte . Ihm , dem mittleren dieser Brüder , wäre es unmöglich gewesen , in einer anderen , als der Hofatmosphäre seine Lebensluft zu suchen . Er hatte immer nach den höchsten Zielen gestrebt , wie die Gräfin Trachenberg zu sagen pflegte , wenn sie andeuten wollte , daß sie ihm einen Korb gegeben habe ... » Standesgemäß « am Hofe placiert , hatte er sich auch » standesgemäß « eine ebenbürtige Gemahlin durch die damals regierende Herzogin » anbefehlen « lassen und konnte sich mit gutem Gewissen sagen , daß seine feinen Sohlen nie das grobe Pflaster der Alltäglichkeit berührt hatten . Sein ältester Bruder dagegen war frühzeitig ausgeschwärmt ; er war in die Eisregion des Nordpols vorgedrungen und hatte nomadenhaft die Jagdgründe der Indianer durchstreift , und wenn er einmal wieder » das kleine Klatsch- und Hofnest in dem deutschen Erdenwinkel « aufgesucht , dann hatten seine Extravaganzen und Rücksichtslosigkeiten eine Gänsehaut um die andere über den Rücken des brüderlichen Höflings laufen lassen . Einmal aber war es einer schönen , reichen Erbin gelungen , ihn festzuhalten ; er hatte sich mit ihr vermählt und war genau so lange in der Residenz verblieben , um dem jungen lieblichen Geschöpf nach einem schweren Wochenbette die Augen zuzudrücken , seinem verwaisten Kindes bei der Taufe den Namen Raoul zu geben und sein Testament zu machen . Dann hatte er den Staub von den Füßen geschüttelt und es schließlich der deutschen Gesandtschaft in Brasilien überlassen , Nachricht von ihm zu geben – er war am Fieber gestorben . Das alles kam zur Sprache , und Liane fühlte sich einen Augenblick versucht , den ihr angetrauten Mann zu bedauern , der so früh schon allein gestanden – aber wozu denn ? ... Er war reich , schön , voll sprühender Lebenskraft , und in seiner Unabhängigkeit rücksichtslos gegen andere bis zur äußersten Grenze . Die ganze Welt mit ihren Genüssen lag ihm zu Füßen , und über eine strenge Auswahl derselben hatte sich sein Feuerkopf wohl niemals Skrupel gemacht . So saß er dort neben dem keifenden Greis und sah den blauen Dampfringen seiner Zigarre nach , wie sie dem Fenster zuschwebten , um sich mit dem Goldhauch der letzten Abendsonnenstrahlen zu mischen . » Liebliches Schönwerth , « rief er mit lächelndem Pathos , wobei sein ausgestreckter Arm einen weiten Bogen über die draußen sich hinbreitende , unvergleichlich schöne Landschaft beschrieb . » Vielbeneideter Besitz ! Dich verdanken wir einzig diesem verfemten Wandertrieb . Onkel Hofmarschall sähe noch aus den Fenstern seiner Amtswohnung in der Residenz , wenn Gisbert von Mainau hinter dem Ofen sitzen geblieben wäre . « Der Hofprediger hatte neulich recht gehabt mit seiner Behauptung , daß man den dritten und jüngsten Bruder nicht nennen dürfe , ohne den alten Herrn außer Fassung zu bringen . Er fuhr empor ; aber das Ungewitter , das über einen unvorsichtigen Untergebenen sicher losgebrochen wäre , reduzierte sich auf ein Geplänkel von feinen Eissplittern . Während er hastig , als mache er sich reisefertig , sein neben ihm liegendes rotseidenes Taschentuch nebst den verschiedenen Flakons in die Tasche steckte , sagte er : » Pardon , es wird Zeit , daß ich mich zurückziehe – für Abendluft und Kraftgenialität sind meine Nerven nun einmal mimosenhaft empfindlich – wer kann sich robuster und derber machen , als er ist ? ... Ja , das liebe Alter ! Ich habe die französischen Moden immer so gern gehabt , und jetzt bin ich so bärbeißig , oder vielmehr so spottsüchtig , es lächerlich zu finden , wenn der deutsche Nachahmungstrieb auch versucht , in den Fußstapfen großer Onkels zu gehen ... Mein bester Raoul , du hast viel von Onkel Gisbert – wer wollte die Aehnlichkeiten leugnen ? – und da du das schön findest , so mache ich dir mein Kompliment darüber ; ja , ich muß sogar lebhaft wünschen , daß du dich treulich an den Weg hältst , den er gegangen – jener Wandertrieb , er ist ja schließlich doch in dem heißen Sehnen und Trachten nach dem rechten Ziele , nach dem ewigen Heile aufgegangen . « » Mein Gott , ja – wie kläglich ! Der arme Onkel , er war siech und – fromm geworden , « versetzte Mainau kalt lächelnd , während der Hofmarschall mit der silbernen Handklingel förmlich Sturm läutete . Sein Kammerdiener erschien , um ihn in das Schlafzimmer zu fahren . Mainau schob den Dienstfertigen beiseite und rollte den Stuhl eigenhändig bis zur Thür . » Du erlaubst wohl , daß ich Leos Großpapa den schuldigen Respekt erweise « , sagte er höflich , wenn auch