Geheimnisse ablauschen , um nicht mit Schande zu bestehen ! “ „ Ach , was ist das wieder für eine Moralpredigt ! “ seufzte Bertha . „ Na warte nur , an Dir habe ich heute genug gekriegt , — Du bist ein ganz herzloser Mensch , der nur gut mit mir war , so lange er mich brauchte . Ich muß es hinnehmen , wie es kommt , denn ich bin arm und hilflos , seit ich mit dem Vater überworfen bin , aber satt hab ’ ich Dich , das kannst Du glauben . “ Leuthold lächelte . „ Und wenn diese Sättigung eine so nachhaltige wäre , daß sie jede andere überflüssig machte , so würdest Du dich von mir trennen — da dies jedoch leider nicht der Fall ist und Du nebenbei eine Freundin guter Mahlzeiten bist , die Dich an meiner Seite erwarten , so werden diese wohl einen dauerhaften bindenden Kitt zwischen uns abgeben . Ich werde Dich auch großmütig als meine Gemahlin be ­ handeln , so lange Du mir keinen gerichtlichen Grund zur Scheidung gibst , — deshalb sei ganz ruhig , das Los , das Dich erwartet , ist tausendmal glänzender , als Du es je beanspruchtest und zu beanspruchen berechtigt warst . “ Bertha fuhr auf , sie wollte etwas erwidern , doch der Gatte machte ihr ein so gebieterisches Zeichen zu schweigen , daß sie ihren Zorn hinunterschluckte und heftig schluchzend hinaus eilte . Als sie in die Küche trat , nahm eben das Mädchen den Kuchen aus dem Ofen , den sie gebacken . Er war geraten — er war wunderschön ! Das Mädchen stellte ihn zur Abkühlung an das offene Fenster . Bertha trat hinzu und betrachtete ihn wehmütig . Wie viel Mühe hatte sie sich damit gegeben , wie steif war der Schnee gewesen und wie schön war er aufgegangen — aber kein Mensch freute sich nun darüber . Verdiente der böse Gatte , daß sie ihm einen solchen Genuß bereitete — verdiente er es , dieses Meisterwerk zu verzehren ? Aber wie es so da lag , so rund und hoch , so braun und duftig , da trockneten allmälig ihreTränen und es überkam sie eine versöhnlichere Stimmung , ein freudiger Stolz ; dies Rezept besaß in der Gegend Niemand , diesen Kuchen buk ihr Niemand nach ! Sie dachte an das Entzücken aller der Leute , welche ihn künftig an ihrer Tafel verspeisen würden , an die Bedeutung , welche sie wenigstens nach dieser Richtung hin gewinnen werde — und als sie sich eine Zeit lang diesen Betrachtungen überlassen , da war sie wieder ganz wohlgemut und nun faßte sie auch den Entschluß , ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen und den Gemahl nicht mit Entziehung des Leckerbissens zu strafen , sondern ihm vielmehr durch denselben zu imponieren : er sollte nur sehen , gegen welche Frau er sich so eben vergangen hatte ! Wenn er diesen Kuchen kostete , mußte ihn ja seine Härte von vorhin reuen ! Sie ergriff die Platte und trug sie auf einer Hand hoch emporgehalten nach Art der Kellner in das Eßzimmer , sie mit siegreicher Miene vor den Gemahl hinstellend . „ Nun , das ist ja sehr schön ! “ sagte er wohl ­ gefällig , bald auf das runde hübsche Gebäck , bald auf die runde hübsche Bäckerin blickend — und dieser Aus ­ druck der Zufriedenheit hob Bertha auf den Gipfel des Glücks und Ruhmes und sie fühlte sich jetzt mo ­ ralisch berechtigt , ein Glas Champagner zu fordern . Der Gatte löste vorsichtig mit der Serviette den Kork , um das verräterische Knallen zu verhüten , welches nicht wohl in ein Trauerhaus paßte , und goß ihr den kalten perlenden Trank ein . „ Komm , “ sagte sie , ihm das Glas hinhaltend , „ wir wollen anstoßen : ein Vivat dem guten Hartwich , der uns zu so reichen Leuten machte ! “ „ Da er nun tot ist , will ich ihn gern leben lassen , “ sagte Leuthold lächelnd und stieß mit der Gattin leise an . „ Er lebe hoch — oben im Himmel und es sei ihm dort so wohl , als es uns hier unten mit seinem Gelde sein wird ! “ Beide leerten ihre Gläser , wenn auch nicht mit der gleichen Schnelligkeit , bis zur Neige und Bertha , die natürlich zuerst fertig war , stülpte das Glas auf den Tisch und lief in das Nebenzimmer , wo Gretchen Mittagsruhe hielt . Sie riß das schlafende Kind aus dem Bettchen , schüttelte es und schrie : „ He ! wach auf , ’ s gibt Kuchen ! “ Die Kleine , die noch nicht ausgeschlafen hatte , fing heftig erschrocken zu weinen an und war erst zu beruhigen , als der Papa ihr das in den Mund stopfte , was ihr die Mutter so ungestüm verheißen , und sie zärtlich in den Armen wiegte . „ Du verstehst es nicht einmal , mit Deinem eige ­ nen Kinde umzugehen , “ murmelte Leuthold , „ wie soll das werden , wenn unsere Nichte zu uns kommt ? “ „ Was ! “ rief Bertha , „ muß ich denn den Wechselbalg bei mir aufnehmen ? “ „ Bei mir nimmst Du ihn auf — ja ! “ „ Aber ich denke doch , wir geben sie in ein Institut ? Du versprachst es mir ja ! “ „ Wenn Ernestine durchgebracht wird , — was dem alten Praktiker , dem Heim , wohl gelingen könnte , — dann bleibt sie jedenfalls für Monate so schwach , daß wir sie nicht in fremde Hände geben dürfen , ohne uns schwerem Tadel auszusetzen . Du wirst Dich daher darein fügen müssen , den unwillkommenen Gast unter unserem Dache zu beherbergen , bis man ihn anständiger Weise abschütteln kann . Daß dies , so bald nur irgend tunlich , geschieht , dafür bürge ich