allmählich in ihrer Seele gestaltet hatte . Sie war sich bewußt , daß sie ihrer Familie vollständig unbegreiflich sein müsse während dieser schrecklichen Zeit , in der sie der Spielball dieses inneren Kampfes war , und sie wunderte sich , daß die Eltern so viel Geduld mit ihr hatten , sie und Günther . Dieser sah sie zwar fragend und besorgt an , hatte aber niemals ein mißmutiges oder zweifelndes Wort für sie gehabt . Er begriff sie einfach nicht , aber er forschte auch nicht . Freilich , sie sahen sich selten genug ; der Dienst beim Herzog nahm ihn völlig in Anspruch . Den Plan , ihn zu fragen ’ Willst du mich auch ohne Liebe ? ’ hatte sie aufgegeben , sie wollte einfach nur ihre Freiheit von ihm fordern , bedingungslose Freiheit . Seitdem sie die Geschichte der Hochleitner kannte , seitdem sie in das freie und schaffensfreudige Leben der Künstlerin einen Einblick gethan , hatte auch sie nach Freiheit , nach Selbstbestimmung verlangt . Und von dem Tage an , da sie der Sängerin zum erstenmal in die kleine Wohnung gefolgt war , um ihr etwas vorzusingen , womit sie ein ehrliches glänzendes Lob erntete , beherrschte sie der Gedanke , Musik zu studieren . Ueber das , was in ihr vorging , sprach sie zu niemand , auch zu Fräulein Hochleitner nicht , aber aus der lachenden , offenherzigen Aenne war ein verschlossenes , trotziges Mädchen geworden . Sie wußte Fräulein Hochleitner immer wieder im Gespräch auf die Kunst , auf ihren Beruf , auf ihre dadurch erlangte Selbständigkeit zu bringen , und in ihren Augen glänzte es auf , wie wenn ein Durstiger den frischen ersehnten Wasserstrahl erblickt , so oft diese ein Lob auf Aennes Stimme mit denn Worten schloß . „ Und so was will sich vergraben in Breitenfels , in der Ehe mit an Witwer , der drei Kinder hat – so a Stimm ’ , so a Persönlichkeit ! Aber war denn niemand da , der Ihn ’ n gesagt hätte als Sie sich binden wollten gar so früh : bedenken Sie sich doch , Sie arm ’ s Hascherl , ’ s is für immer ! Man kann nimmer los von so einer Kett ’ n – und wann ’ s gelingt , bleibt ein großes Stück Jugendkraft und Frische , bleiben so viel goldene Illusionen d ’ ran hängen ! “ Aenne pflegte auf die wiederholten Bemerkungen nichts weiter zu antworten als : „ Ich habe es so gewollt . “ „ Na , des Menschen Will ist sein Himmelreich ! Aber schaun ’ s , die Reu ’ wird net ausbleib ’ n ! “ Aenne blieb diesmal eine Entgegnung schuldig , aber sie bettelte um ein wenig Unterricht . „ Darf ich singen , liebstes Fräulein Hochleitner ? “ Und sie sang an dem Klavier der Künstlerin und vergaß alles darüber , und allmählich war aus Aenne May eine begeisterte Schülerin geworden , die nun von der über sie immer mehr in Entzücken geratenden Lehrerin regelmäßigen Unterricht erhielt . Und jeden Abend ging das Mädchen mit dem Gedanken zur Ruhe : ’ morgen , morgen schreibe ich ihm ! ’ Sie lag schlaflos und grübelte über die möglichst milde Form ihrer Absage , und jede Nacht kämpfte sie im voraus den schweren unausbleiblichen Kampf durch , der ihr mit den Eltern und deren Vorurteilen bevorstand . Und jedesmal , wenn sie sich zur Ruhe philosophiert hatte , machten ihre Vorstellungen Halt vor der Frage ; Was wird Heinz Kerkow sagen , wenn er erfährt , daß ich entlobt bin ? – ’ Sie kann dich doch nicht vergessen , ’ wird er sagen , ’ sie bringt es nicht fertig , den andern zu nehmen ! ’ Dann fuhr sie empor und fühlte ihr klopfendes Herz und die Schweißperlen auf der Stirn . Ach ja , er mußte es herausfühlen , daß ihre Verlobung eine Verzweiflungstat gewesen war , die zu Ende zu führen ihr die Kraft gebrach . Aber mochte er sagen , was er wollte , nur nicht sehen sollte er sie nach der Entlobung ! Sie wollte weiter ertragen das Leben , das sie jetzt führte , zur Lüge und Komödie verdammt , bis er den Urlaub , den er zu seiner Hochzeitsreise erbeten , angetreten hatte ! War er erst fern , dann würde sie mehr Mut und Ruhe finden zu dem , was sie thun mußte ! In ihrem trotzigen Weh dachte sie nur an das , was sie litt , kein einziger Gedanke flog zu dem Manne , der die Tage zählte bis dahin , wo sie ihm folgen würde in sein Haus . Und so saß sie tagsüber und nähte an ihrer Ausstattung mit zusammengezogenen Brauen und hörte mit finsterem Schweigen an , wenn die Mutter erzählte , daß Günther ungeduldig die Abreise Seiner Hoheit herbeisehne . Neckereien brachten sie zu Thränen und Ermahnungen zu offenem Widerspruch , sie fühlte sich selbst hassenswert , und die befremdeten Gesichter der Ihrigen stachelten sie zu nervöser Gereiztheit . Aufatmen that sie erst , wenn sie am Instrument saß bei Fräulein Hochleitner . Auch heute war sie förmlich geflohen aus dem elterlichen Hause und vor den Tischgesprächen , die sich um weiter nichts drehten als um die binnen acht Tagen bevorstehende Hochzeit des Fräuleins von Ribbeneck mit dem Hofmarschall . Die ganze Stadt sprach von nichts anderem , in jedem Laden wußten die Verkäuferinnen davon zu erzählen , die Näherinnen , die in die Häuser gingen , die Damen , die auf Besuch zu Mays kamen . Aenne mußte erfahren , wie lang die Schleppe am Brautkleid sein werde und welche Farbe die Brautjungfern zu ihrer Toilette gewählt hätten , es war , als habe sich alles verschworen , sie zu quälen . Ganz rot vom eiligen Lauf und vor innerer Bewegung trat sie in das Stübchen der Künstlerin , die am Fenster saß und an einem altdeutschen Kostüm nähte ,