, höre auf ! Du bist aufgeregt heute . Du hast Dich gefürchtet . “ Er hatte geklingelt und führte sie zum Sessel zurück . „ Ein Glas Wasser ! “ befahl er dem eintretenden Heinrich . Die Großmutter aber sah beinahe erstarrt auf die Braut ihres Enkels . Wie ? Dieses kindische Köpfchen warf mit einem Athemzuge all ihre köstlichen Pläne über den Haufen ? Sie sollte nach wie vor hier in dieser Einsamkeit leben ? Der glänzende Reichthum sollte nicht auch ihr zu Gute kommen ? Sie sollte sich nicht sonnen dürfen in den Strahlen , die ein frisches , fröhliches Leben hier verbreiten könnte ? Beinahe fassungslos ließ sie sich in einen Sessel fallen und betrachtete finster die hohe Gestalt des jungen Officiers , der eben das Glas Wasser aus den Händen des Dieners nahm , um es seiner Braut zu reichen . Draußen rauschte jetzt mächtig der Regen hernieder ; noch immer zuckten schwache Blitzesstrahlen , das Rollen des Donners aber verhallte bereits in der Ferne . Plötzlich ertönte ein schwacher Schrei aus dem angrenzenden Zimmer ; „ Nelly ! “ rief die jüngere Baronin erschreckt , und verschwand in der Stubenthür . „ Kind , was fehlt Dir nur ? “ rief sie drüben angsterfüllt , indem sie sich zu der auf dem Sopha liegenden Nelly niederbeugte und die Hand auf ihre heiße Stirn legte . „ Ach , sie ist schrecklich , Mama ; sie ist schrecklich , “ schluchzte die Kleine , „ mein Army , mein lieber , guter Army ! Sie hat ihn nicht lieb , Mama – Du kannst es mir glauben . “ „ Aengstige Dich nicht , liebes Herz ! “ tröstete leise die Mutter , „ sie ist nur ein wenig launisch ; es wird noch Alles gut werden . “ „ Nein nein , Mama ! Ach , wie ich sie sah , da fiel mir die alte Chronik und der Vers von den rothen Haaren ein ; er geht mir nicht aus dem Sinn . Ach , wenn sie doch fortginge , noch heute Abend , und gar nicht wieder käme ! “ Mit tausend Schmeichelworten suchte die Mutter das erregte Mädchen zu beruhigen ; ihr Herz schlug ja selbst so bang ! Die blasse Frau senkte den Kopf und ein Paar große Thränen drängten sich ihr in die Augen . Nelly schlief unter den Liebkosungen der Mutter ein . Es war ein unruhiger , fieberhafter Schlaf , aber die sorgenvolle blasse Frau ließ ihr Töchterchen doch allein ; sie hatte ja noch ein Kind , ihren Army . Vorsichtig spähend bog sie den Kopf um die Thür ; die alte Dame und die schöne Braut waren verschwunden , aber dort in der tiefen Fensternische , da stand er noch , ihr Liebling , [ 740 ] und sah in die finstere Nacht hinaus ; sie trat zu ihm und legte die Hand auf seine Schulter , „ Army , “ sagte sie leise ; er wandte sich und blickte sie fragend an . Sie sprach kein Wort mehr , aber ihre Augen ruhten ängstlich forschend auf dem schönen , stolzen Gesicht , als er ihre Hand an den Mund zog . „ Sei ruhig , Mama ! “ sagte er hastig , und seine Stimme klang nicht ganz so fest wie sonst , „ sie ist ein verzogenes Kind , ein sehr verzogenes Kind , aber sie hat mich lieb – gewiß , ich weiß es , und sie wird sich ändern ; sieh , es that ihr schon wieder leid , daß sie so heftig war . “ Die Mutter unterdrückte die hervorquellenden Thränen und strich leise über seine Stirn . „ Gute Nacht , Army , “ flüsterte sie und wandte sich rasch ab . „ Gute Nacht , Mama , “ gab er zurück und küßte ihr schmeichelnd den Mund , „ hab keine Sorge um mich ! “ – – Wohl vierzehn Tage waren vergangen seit jener Pfingstnacht . Sturm und Regen hatten damals all die Blüthenfülle der Bäume und Sträucher herabgeweht und sie wie frischen Schnee auf die Erde gestreut , aber dafür brachen jetzt in Müllers Garten die Rosen auf in schönster Pracht , und die Linden der alten Allee im Schloßpark standen in vollster Blüthe . Gar oft war Lieschen in der letzten Zeit diesen Weg gegangen , den sie so bald nicht wieder zu betreten gedacht hatte , war doch Nelly ernsthaft erkrankt , und der alte Heinrich hatte auf ihren Wunsch die Freundin an das Lager der Kranken holen müssen . Nun hatte Lieschen stundenlang dagesessen in dem hohen , dämmerigen Gemach und die kleine , fieberheiße Hand in der ihrigen gehalten . Die Botschaft , welche sie auf das Schloß rief , war in der Mühle gerade in den „ Kribbel-Krabbel “ gefallen , von dem die Muhme gesprochen hatte . Pastors mit den Kindern und Oberförsters waren richtig erschienen , und Lieschen hatte alle Sinne zusammen nehmen müssen , um in alter Weise mit den Kindern zu verkehren , und war diesmal froh gewesen , in dem jungen Herrn Selldorf eine Hülfe zu finden . Da war Heinrich mit der beunruhigenden Botschaft eingetreten , und Lieschen hatte nur einen Augenblick gezögert , Urlaub zu erbitten , der ihr sofort gewährt worden war , wie ungern man sie auch gerade heute in dem fröhlichen Kreise vermißte . „ Tante Lieschen , komm bald wieder – adieu Tante Lieschen ! “ hatten ihr die frischen Kinderstimmen der kleinen Trabanten nachgerufen , welche die Näschen platt an die Fensterscheiben gedrückt hatten . Hinter der Gardine aber hatte ein junger Mann mit blondlockigem Haar und zwei ehrlichen hellen Augen gestanden und die schlanke Gestalt verfolgt , die unter dem Regenschirm dort eben in dem Waldwege verschwand und ein unmuthiger Zug hatte sich um seinen Mund gelegt . Was war aus diesem sehnlichst erwarteten zweiten Pfingsttage geworden ! Statt einer Waldpartie – Regenwetter , statt sehnsüchtiger Blicke in