. Und nun komm und sieh dir deine Sachen an , gute Kathrin . « Und mit größter Eile fing ich an auszupacken . Die Alte sprach gar nicht . Sie strich wohl mit der Hand über das warme Kleid und die nette Haube , aber die Verlegenheit ließ sie nicht recht Worte finden . » Ich danke schön ! Ach , es ist alles zu gut . « Dann nahm sie die Leinwand . » Kind , ich habe sie selbst gesponnen und gebleicht , sie ist für deine Aussteuer . « Ich ergriff ihre Hand : » Du gute Kathrin « , und ich drückte einen Kuß auf den alten Mund . » Ich werde das Päckchen aufheben « , sagte sie dann . » Wenn du erst hier bist , wollen wir nähen davon . « Eberhardt hatte unterdessen die ärmliche Umgebung gemustert . Ein weiches Lächeln legte sich um seinen Mund . Da klangen durch den stillen Winterabend die Glocken der Kirche und mahnten zur Andacht . » Leb wohl , Kathrin « , sagte ich , » feiere fröhliche Weihnacht . In den Festtagen komme ich einmal zu dir . « » Behüt dich Gott « , erwiderte sie leise , und ihr Auge war schon wieder auf sein Gesicht gerichtet , als wollte sie die Züge enträtseln und sich für immer einprägen . » Adieu , Kathrin « , sagte auch er und bot ihr die Hand . » Adieu « , murmelte sie und blickte ihm starr ins Gesicht . Die dargebotene Hand wollte sie nicht sehen oder hatte sie nicht bemerkt , und er zog sie wieder zurück . Stumm gingen wir nebeneinander zur Kirche . Hanna und Bergen waren schon voran , wir sahen sie nicht mehr . Die Fenster des kleinen Gotteshauses schienen hell in den Winterabend hinein . Es war so still , so feierlich , keinen Tritt hörte man auf der weichen Schneedecke , und » Euch ist ein Kindlein heut geboren « tönte es uns entgegen , als wir über den kleinen Kirchhof schritten . Dort hinten ragte auch das weiße Kreuz empor von dem Grabhügel meiner Mutter . Ich deutete mit der Hand hinüber : » Meine Mutter ! « » Wir wollen hingehen « , sagte er . Bald standen wir an dem stillen Grabe . Die Tränen drängten sich mir in die Augen : » Meine Mutter tot , mein Vater so weit ! « – Da faßte er meine Hand : » Sieh , Gretchen , das ist die richtige Stunde , um dir mein Weihnachtsgeschenk zu geben . « Ein kleiner , funkelnder Goldreif blinkte mir entgegen . » Der soll dir Vater und Mutter ersetzen « , fügte er leise hinzu . Und an dem kalten Grabsteine meiner Mutter reichten wir uns die Hände zu einem Bunde , der , wie ich wähnte , ewig sein sollte . Der Abendstern blinkte über uns , und aus dem kleinen , erleuchteten Kirchlein tönte ein jubelnder Weihnachtsgesang . Ich aber preßte den Ring an meinen Mund und trat , ein Dankgebet auf den Lippen , zu Hanna und Bergen in den Kirchstuhl . Was sollte mir auch noch Übles begegnen ? Er stand ja hinter mir , der schlanke Mann , der mich an sein Herz genommen , um mich vor allem Sturm zu schützen . Ich war so sicher , so ruhig , als wäre ich schon im Hafen angelangt . Ich dachte an meinen Vater im fernen Rom , ich dachte an eine glückliche , sonnige Zukunft , und dazwischen tönte die klare , weiche Stimme des jungen Pastors : » Und es waren Hirten auf dem Felde , die hüteten des Nachts ihre Herde . – Siehe , ich verkündige euch große Freude . « Im Schlosse war alles erleuchtet , nicht lange brauchten wir mehr im dunklen Zimmer zu warten . Ich hatte kaum Zeit , Eberhard das kleine Päckchen mit meinem Bilde in die Hand zu legen , da öffneten sich die Flügeltüren , und der helle Glanz des Christbaumes strahlte uns entgegen , und unter ihm lagen reiche Geschenke für jeden . Hanna schlug die Hände zusammen vor Freude über die Menge schöner Dinge , mit denen sie ihr eigenes Heim schmücken sollte . Auf meinem Platz lag neben einem schwarzseidenen Kleide eine prachtvolle Bilderbibel . » Ich denke « , flüsterte mir Frau v. Bendeleben zu , » eine Bibel ist ein schöner Schmuck für jedes Haus und für ein Pastorenhaus das allerschönste ! « Ich sah sie erschrocken an , aber aus diesen unbewegten Zügen konnte ich nicht herauslesen , ob sie das Haus meines Vaters meinte , oder ob es ein neuer Hinweis auf seinen jungen Nachfolger sei . Unruhig dachte ich darüber nach , da fiel mir der kleine Ring ein , den ich seit einer Stunde an einer Schnur auf der Brust trug , und die ängstlichen Gedanken schwanden . – Warum sollte nicht die schöne Bibel auch eine Zierde für jeden andern Haushalt bilden ? Nein , ich wollte nicht grübeln , es war ja zu wunderschön heute abend . Die vielen Kerzen des Baumes strahlten zurück aus glücklichen , dankerfüllten Augen , sie vergoldeten mit ihrem Schein Gegenwart und Zukunft – dieser eine köstliche Weihnachtsabend steht in meiner Erinnerung als der Gipfelpunkt des süßesten Glückes , das mir je zuteil geworden , dieser kurzen , und doch so unvergeßlichen Zeit ! Wie rasch verfliegt sie aber , wenn man glücklich ist ! Der schöne Abend war dahingegangen in der fröhlichsten Stimmung . Frau v. Bendeleben allein hatte keine ganz ungetrübte Freude gehabt , sie hatte vergeblich auf ein Lebenszeichen aus Wien gewartet . Nun tröstete sie sich mit der Hoffnung auf morgen – es konnten verschneite Wege an dem glücklichen Eintreffen der Post hinderlich gewesen sein . Es war ja undenkbar , daß ihr Lieblingskind die Eltern am Weihnachtsabend vergaß . So tröstete sie sich , und so trösteten sich