ging eine Weile auf und ab , ehe er die Hülle zerriß . Es war die Kündigung seines Postens . 13 Um jene Zeit wuchs Friedrich Bendas Verstimmung . Er sah , daß er als Privatmann sich der Hilfsmittel begeben mußte , deren er für seinen Forscherberuf bedurfte , und es schien ihm , als sei er verurteilt , seine Fähigkeiten in ewiger Dunkelheit zu begraben . Er brach die meisten seiner bisherigen Beziehungen ab , auch die brieflichen . Wenn ihn Bekannte grüßten , blickte er zur Seite . Sein Ehrgefühl war aufs tiefste verwundet , er war auf dem Weg , auf dem man die Selbstachtung verliert . Daniel war der einzige Mensch , der davon nichts bemerkte . Vielleicht hatte er sich in den Gedanken eingelebt , Bendas Existenz sei eine freundlich geregelte , und es genügte ihm der Anblick , den die bürgerliche Wohlhabenheit des Hausstandes bot , um ihn an ein sorgenloses Dasein des Freundes glauben zu lassen ; jedenfalls fragte er nie , und es fiel ihm nicht auf , wenn der Gefährte so vieler Stunden mit umdüstertem Antlitz vor ihm saß . Benda lächelte über diese Unschuld , denn für etwas Schlimmeres nahm er es nicht . Weit entfernt , bitter darüber zu denken , faßte er den Vorsatz , den so tief in sich selbst webenden Menschen mit seinen Angelegenheiten gänzlich zu verschonen . Er konnte aber nicht hindern , daß sein Schmerz , wie auch das Verlangen , seine unwürdige Lage zu beenden , die Schranken der Zurückhaltung bisweilen durchbrachen . An einem trüben Tag , spätnachmittags , holte Benda den Freund ab , der eben von einer Unterrichtsstunde nach Hause gekommen war . Sie beschlossen , ein wenig spazieren zu gehen und dann bei Benda zu Abend zu essen . Im Flur begegneten ihnen die Schwestern Rüdiger , die von ihrer täglichen Wanderung durch den Garten zurückkehrten . Benda grüßte mit seiner altertümlichen Artigkeit , Daniel berührte mürrisch kaum den Hutrand . Die Schwestern stellten sich in einer Reihe auf wie beim Kotillon und dankten holdselig . Fräulein Jasmine ließ eine verspätete Rose aus der Hand fallen , und als Benda die Rose aufhob , preßte das Fräulein die Hand gegen den kaum der Rede werten Busen und dankte abermals holdselig . Als sie auf der Straße waren , sagte Benda in mitleidigem Ton : » Drei zarte Wesen ; hausen in ihrer Einsamkeit als rechte Vestalinnen und hüten ein heiliges Feuer . « Daniel lachte . » Ein heiliges Feuer gar ? Meinst du die Geschichte mit dem Maler ? « » Ja , die mein ich , und es war kein gewöhnlicher Maler , mußt du wissen . Erst kürzlich hab ich mir die ganze Sache erzählen lassen . Anselm Feuerbach hieß der Maler . « Daniel wußte nichts von Anselm Feuerbach , empfand aber das Inhaltsvolle eines Namens , der kraft einer geheimnisvollen Magie wie eine schöne Glocke an sein Ohr schlug . » Was war es denn mit ihm ? « fragte er . Die Geschichte lautete wie folgt : Als Anselm Feuerbach vier Jahre vor seinem Tod , vor sechs Jahren also , zum letztenmal nach Nürnberg kam , um seine Mutter zu besuchen , da kränkelte er schon an Körper und Gemüt und war der Menschen satt , war von ewiger Plage und Mißkennung verstört . Aber einige Bürger erinnerten sich seines Ruhms , der in der deutschen Luft dunkel und heimatlos schwebte , und die Handelskammer bestellte bei ihm ein Bild für ihren Sitzungssaal im neuen Justizpalast . Er malte das Bild , den Kaiser Ludwig , wie er den Nürnbergern das Privilegium für freies Gewerbe erteilt . Als nun das Bild fertig war , zeigten sich die Herren sehr unzufrieden , denn sie hatten etwas ganz anderes erwartet , irgendeine öde Krelingsche Schilderei , und nicht so ein vornehmes und reines Werk . Zudem war der Raum knapp , eine Handbreit Leinwand mußte in die Mauer gelassen werden , und das Licht war ganz elend . Da machte die Kammer Schwierigkeiten mit der Bezahlung , in dem häßlichen Streit ergriff der Geometer Rüdiger , der längst schon ein leidenschaftlicher Anhänger Feuerbachs war , die Partei des Malers , und es kam so weit , daß er die Stadt mit dem Schwur verließ , nie mehr zurückzukehren . Seine Töchter aber hatten alle drei den Meister Anselm seit ihrer frühesten Jugend geliebt , wo er als Gast im Hause des Vaters geweilt hatte . » Freilich , wenn irgendein Mann liebenswert gewesen ist , so war er es , « endete Benda die Geschichte . » Willst du ihn sehen ? So komm . « Sie befanden sich in der Nähe des Johanniskirchhofs . Das Tor war noch offen , und Daniel folgte dem voranschreitenden Benda . Der wanderte eine Weile auf den schmalen Gräberpfaden , deutete stumm auf einen flachen Stein , auf welchem der Name Albrecht Dürers zu lesen war , und dann standen sie an Feuerbachs Grab . Eine schon geschwärzte Bronzeplatte zeigte den Kopf des Malers im Profil . Ein Lorbeerkranz lag darunter , dessen halb verwelkte Blätter im sachten Wind bebten . » Was für ein Leben hat der Mann geführt ! « sagte Benda leise ; » und was für einen Tod ist er gestorben ! Den Tod eines hinausgejagten Hundes . « Als sie gegen die Stadt gingen , dämmerte es . Daniel hatte den Hut vom Kopf genommen und schritt mit fernhin gerichtetem Blick an Bendas Seite . Dieser aber war aufgewühlt wie selten . » Ein deutsches Leben , ein deutscher Tod , « stieß er hervor . » Er streckt die Hand aus , um zu geben , und es wird ihm hineingespuckt . Er gibt und gibt und gibt , und sie nehmen , nehmen , nehmen , ohne Dank , ja , mit Hohn . Sie achten nur die Vetternschaft , sie verkuppeln das Mikroskop mit dem Katechismus und die Philosophie