. Vielleicht fiel jetzt bei Tag durch Ritzen im Gestein eine Spur von Licht hinab ? Ich kletterte die Leiter hinunter , setzte den Weg , den ich gestern gekommen war , fort - über ganze Halden zerbrochener Ziegelsteine und durch versunkene Keller - erklomm eine Treppenruine und stand plötzlich - - im Hausflur des schwarzen Schulhauses , das ich vorhin wie im Traum gesehen . Sofort stürzte eine Flutwelle von Erinnerungen auf mich ein : Bänke , bespritzt mit Tinte von oben bis unten , Rechenhefte , plärrender Gesang , ein Junge , der Maikäfer in der Klasse losläßt , Lesebücher mit zerquetschten Butterbroten darin und der Geruch nach Orangenschalen . Jetzt wußte ich mit Gewißheit : Ich war einst als Knabe hier gewesen . - Aber ich ließ mir keine Zeit nachzudenken und eilte heim . Der erste Mensch , der mir in der Salnitergasse begegnete , war ein verwachsener alter Jude mit weißen Schläfenlocken . Kaum hatte er mich erblickt , bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und heulte laut hebräische Gebete herunter . Auf den Lärm hin mußten wahrscheinlich viele Leute aus ihren Höhlen gestürzt sein , denn es brach ein unbeschreibliches Gezeter hinter mir los . Ich drehte mich um und sah ein wimmelndes Heer totenblasser , entsetzenverzerrter Gesichter sich mir nachwälzen . Erstaunt blickte ich an mir herunter und verstand : - ich trug noch immer die seltsam mittelalterlichen Kleider von nachts her über meinem Anzug , und die Leute glaubten , den » Golem « vor sich zu haben . Rasch lief ich um die Ecke hinter ein Haustor und riß mir die modrigen Fetzen vom Leibe . Gleich darauf raste die Menge mit geschwungenen Stöcken und geifernden Mäulern schreiend an mir vorüber . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Licht Einige Male im Laufe des Tages hatte ich an Hillels Türe geklopft ; - es ließ mir keine Ruhe : ich mußte ihn sprechen und fragen , was alle diese seltsamen Erlebnisse bedeuteten ; aber immer hieß es , er sei noch nicht zu Hause . Sowie er heimkäme vom jüdischen Rathaus , wollte mich seine Tochter sofort verständigen . - Ein sonderbares Mädchen übrigens , diese Mirjam ! Ein Typus , wie ich ihn noch nie gesehen . Eine Schönheit , so fremdartig , daß man sie im ersten Moment gar nicht fassen kann , - eine Schönheit , die einen stumm macht , wenn man sie ansieht , und ein unerklärliches Gefühl , so etwas , wie leise Mutlosigkeit in einem erweckt . Nach Proportionsgesetzen , die seit Jahrtausenden verloren gegangen sein müssen , ist dieses Gesicht geformt , grübelte ich mir zurecht , wie ich es so im Geiste wieder vor mir sah . Und ich dachte nach , welchen Edelstein ich wählen müßte , um es als Gemme festzuhalten und dabei den künstlerischen Ausdruck richtig zu wahren : Schon an dem rein Äußerlichen ; dem blauschwarzen Glanz des Haares und der Augen , der alles übertraf , worauf ich auch riet , scheiterte es . - Wie erst die unirdische Schmalheit des Gesichtes sinn- und visionsgemäß in eine Kamee bannen , ohne sich in die stumpfsinnige Ähnlichkeitsmacherei der kanonischen » Kunst « richtung festzurennen ! Nur durch ein Mosaik ließ es sich lösen , erkannte ich klar , aber was für Material wählen ? Ein Menschenleben gehörte dazu , das passende zusammen zu finden . - - Wo nur Hillel blieb ! Ich sehnte mich nach ihm wie nach einem lieben , alten Freunde . Merkwürdig , wie er mir in den wenigen Tagen - und ich hatte ihn doch , genaugenommen , nur ein einziges Mal im Leben gesprochen , - ins Herz gewachsen war . Ja , richtig : die Briefe - ihre Briefe wollte ich doch besser verstecken . Zu meiner Beruhigung , falls ich wieder einmal länger von zu Hause fort sein sollte . Ich nahm sie aus der Truhe : - in der Kassette würden sie sicherer aufbewahrt sein . Eine Photographie glitt zwischen den Briefen heraus . Ich wollte nicht hinschauen , aber es war zu spät . Den Brokatstoff um die bloßen Schultern gelegt - so wie ich sie das erste Mal gesehen , als sie in mein Zimmer flüchtete aus Saviolis Atelier - blickte sie mir in die Augen . Ein wahnsinniger Schmerz bohrte sich in mich ein . Ich las die Widmung unter dem Bilde , ohne die Worte zu erfassen , und den Namen : Deine Angelina . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Angelina ! ! ! Wie ich den Namen aussprach , zerriß der Vorhang , der meine Jugendjahre vor mir verbarg , von oben bis unten . Vor Jammer glaubte ich zusammenbrechen zu müssen . Ich krallte die Finger in die Luft und winselte , - biß mich in die Hand : - - nur wieder blind sein , Gott im Himmel , - den Scheintot weiterleben , wie bisher , flehte ich . Das Weh stieg mir in den Mund . - Quoll . - Schmeckte seltsam süß , - wie Blut . - - Angelina ! ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der Name kreiste in meinen Adern und wurde - zu unerträglicher gespenstischer Liebkosung . Mit einem gewaltsamen Ruck riß ich mich zusammen und zwang mich - mit knirschenden Zähnen - das Bild anzustarren , bis ich langsam Herr darüber wurde ! Herr darüber ! Wie heute nacht über das Kartenblatt . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -