- Du leidest - das wissen wir wohl - nicht Dein Kampf ums Brot war Dir hart - nur der Verlust des eigenen Daches - Gott - ja , vielleicht kommt es wieder , « sprach Allert . Sie neigte sich über den runden Tisch noch näher zu den Söhnen und sprach halblaut , voll Leidenschaft : » Und das andere Band , das ist die Nachkommenschaft - Töchter , Söhne , Enkel - oh , welch ein wunderliches Gefühl , feierlich , verantwortlich , schaurig - erhebend . - Ja , es ist Unsterblichkeit - wenn ich mir vorstelle : mein Talent , vielleicht auch meine Fehler - diese Linie meiner Braue - diese Form meiner Wange - eines Tages , nach Generationen , besitzt das ebenso ein Urenkelkind . Und es heißt : Das hast Du von Deiner Ahne , so ist sie gewesen . - Welch ein seltsames Wunder - mein Blut rinnt fort in späten Geschlechtern - ich lebe in ihnen - mein Herz schlägt darin - es ist ein ewiges Wiedergeborenwerden - meine Wesenheit wirkt weiter . - Seht , wenn Mütter oft so eine beharrliche Art haben , den Söhnen zu predigen : Heiratet ! - das sieht manchmal geschmacklos aus , plump vielleicht sogar . Begreift : das ist der geheimnisvolle Instinkt des Menschen , der sich gegen das Vergehen wehrt - die unbewußte Begier nach Unsterblichkeit - das berechtigte Verlangen des Weibes , nicht umsonst geboren und gelitten zu haben - das königliche Stammgefühl der Mutter , die stolz vorausschauen will auf Nachkommenschaft , die durch sie ward . Als Bindeglied fühlt sie sich - ihre Hände reichen den vergangenen und den künftigen Geschlechtern die Hand - und deshalb soll man keine Mutter schelten , wenn es der beherrschende Wunsch ihrer Seele ist , die Kinder zu verheiraten . Das sind nicht die banalen , bespöttelten Begierden der Frauen , zu kuppeln , Ehen zu stiften . Das sind heilige Forderungen « - Die leidenschaftliche Erregung ihrer Mutter wirkte auf die Söhne - sie saßen ernst - von Gedanken bestürmt . Fast zaghaft sprach Raspe : » Dir , Mutter , ist doch eine andere Art Dauer gesichert - sieh mal - Du hast schon mehr als ein Bild malen dürfen , das in einem Schloß , in einer Galerie eine bedeutende Persönlichkeit noch nach Jahrhunderten zeigt . Und der Name der Malerin wird nicht vergessen . Und wenn Du nun , wie Du sagst , daß es möglich ist , auch von Lichtwark aufgefordert wirst , für die Sammlung Hamburger Porträte irgendeinen wichtigen Kopf zu malen , dann hast Du abermals ... « Sie ließ ihn nicht ausreden . » Welche Ueberschätzung ! Was ist das groß . Ach du meine Güte . Vielleicht in Zukunft , bei irgendeiner Gelegenheit schreibt ein Forscher oder ein Feuilletonist etwas über ein Schloß , ein altes Adelsgeschlecht - und stellt da nebenbei fest : Die Malerin dieses Porträts hieß Sophie von Hellbingsdorf . So eine Art Fortleben des Namens ist wie das Aufbewahren von hübschem Gerümpel in den Truhen alter Familien - vielleicht kommt mal jemand darüber , der was draus macht , es ans Licht zerrt - vielleicht zerfällt es und wird ganz vergessen . Nein , so nicht - das Fortleben , das ich meine , darauf ich ein Recht habe , weil ich bin , weil ich atme , weil ich Kinder gebar , das ist durch Nachkommen - oh , tut es mir nicht an - bleibt nicht ledig ! « In ihren Augen standen Tränen . Und die Söhne schwiegen . Sonst , wenn sie von diesem ihrem Wunsch gesprochen , obenhin und bevormundend oder mit genauen Angaben , wie » sie « sein solle , was » sie « auch » haben « müsse - wie eben zärtliche Mütter tun - sonst nahm das Gespräch sofort eine Wendung zum Lustigen und endete mit Lachen und Necken . Aber jetzt schwiegen die Söhne und sahen vor sich hin . Aus diesem Schweigen übertrug sich der Mutter ein Gefühl - wie eine Warnung war es - ein scheues Ahnen . All ihre leidenschaftliche Erregung wallte plötzlich zurück . Sie atmete auf und sagte fest und ernst : » Wir wollen nie mehr davon sprechen . « Allert stand auf , ging zu seiner Mutter und küßte sie auf die Stirn . Lange war es ganz still im Zimmer , wo in der Ecke am grünen Baum friedvoll die kleinen Lichter brannten und nach Wachs rochen . Dieser Geruch und diese flimmernden Flämmchen zwischen den Tannenzweigen hatten Wunderkraft . Sie schoben sacht die Wände fort und zeigten Bilder ... Jedem der drei Menschen ein anderes ... Vor der Mutter stand ein altes Herrenhaus mit Treppengiebeln . Rot und hoch , mehr würdig als stolz ragte es aus dem Schnee , der das Gelände dick belastete und die Aeste der Bäume verbrämte . Die Luft war voll von einer köstlichen Kälte , die auf den Gesichtern brannte und die Körper auffrischte . Der hellgraue Himmel stand still . Eine feierliche , unbegreifliche Lautlosigkeit war über den weiten Feldern . Das machte sogar die halbwüchsigen Knaben andächtig . Ihre Handschlitten hinter sich herziehend , stampften sie durch den weißen Puder heim . Es war ja bald Bescherungszeit , und vorher sollte noch der Nachmittagskaffee mit dem frischen Kuchen verschmaust werden . Die Mutter , in ihr weißes Wolltuch gewickelt , stand schon wartend im Portal . Und hinter der Fensterscheibe der Leutestube zeigte der Vater Meyns , aus seiner Pfeife getrockneten Waldmeister rauchend , sein verrunzeltes Diplomatengesicht und wunderte sich , wo die Junker blieben . - Ach , daß das Schicksal ihr Leben so leite - sie zurückführe in diese friedliche Stille , zu künftigen Weihnachtsfesten , mit Kindern , mit Enkeln , auf dem alten , dem eigenen Besitz ... Vielleicht , so dachte sie in einer Wehmut , die über ihre Seele hinfloß wie Tränen , vielleicht bekomme ich niemals