. « Daran hatte Tschun freilich nicht gedacht . Es fiel ihm immer etwas schwer , zu behalten , daß es gar so verschiedenerlei Christentum gibt . - Tschun hatte den Kaiser nie gesehen , aber der Herr der zehntausend Jahre tat ihm schrecklich leid . Er konnte sich jetzt ja besser als manch anderer vorstellen , wie es einem ergehen mochte , der Tzü Hsis Zorn erregt und sich in ihrer Macht befand ! - Der Vetter Sin schen , der sich nach den jüngsten Ereignissen mehr noch als sonst seiner Verbindungen zum Haus des Obereunuchen rühmte , erzählte : » Gleich nach ihrer Uebersiedlung nach Peking hat die göttliche Mutter den gefangenen Kaiser in der Ozeanterrasse besucht . Nur Li lien ying war dabei . Da hat sie ihm seinen ganzen Verrat vorgehalten . « » Der war aber auch abscheulich ! « rief der alte Lin te i. » Mit seiner Verschwörung gegen die göttliche Mutter hat der Kaiser das höchste Gebot des weisen Konfuzius , die kindliche Ehrerbietung , schwer verletzt . « » Tzü Hsi hat ihm denn auch gesagt , daß er dafür nun immer da eingesperrt bleiben solle , « erzählte Sin schen weiter , » und sie würde ihn so streng hüten lassen , daß jedes seiner Worte ihr hinterbracht werden würde . « » Hat denn niemand gewagt , für ihn einzutreten ? « frug Tschun . » Ja , « antwortete Sin schen , » Chen fai , die Perl-Konkubine , die der Kaiser immer allen anderen vorgezogen hat , soll Tzü Hsi entgegengetreten sein und ihr gesagt haben , Kwang Hsü sei doch der rechtmäßige Herrscher . « » Die göttliche Mutter steht doch immer über ihm , dem Neffen und Adoptivsohn , « warf Lin te i wieder ein . » Na , die Perl-Konkubine ist ja damit auch schlecht genug angekommen , « fuhr Sin schen fort , » Tzü Hsi hat sie sofort in einen anderen Palast verbannt . Jetzt darf nur noch die junge Kaiserin zum Kaiser und die hält ganz zu Tzü Hsi . « » Und was ist aus all seinen vielen Dienern geworden ? « frug Tschun . Sin schen lachte . » Oh , die sind längst umgebracht . Jetzt hüten ihn Li lien yings Leute und Yung Lus Soldaten . Aber « , sagte er dann mit geheimnisvollem Zwinkern der kleinen Augen , » wer weiß , ob sie lange zu hüten haben werden . Ich würde nicht gar zu viel auf die Lebensdauer des Herrn der zehntausend Jahre wetten . « Ja , es gab da viele Leben , auf die nicht hoch zu wetten war ! Eine Anzahl der bekanntesten Reformer , meist Südchinesen , die den Kaiser umgeben und beraten hatten , waren , ehe sie , wie der glücklichere Kang yu wei , Zeit zur Flucht gefunden , in Peking verhaftet worden . Gegen sie schwebte die Untersuchung . Inzwischen hatte das älteste Blatt der Welt , die » Pekinger Zeitung « , viel zu tun . Diese Greisin mußte , wie es sonst nur das Los der Jungen , unüberlegt Vorlauten ist , all das widerrufen , was sie während der vorhergehenden Monate verkündet hatte . Alle Entlassenen wurden wieder mit Ehren eingesetzt , aufgehobene Privilegien von neuem bestätigt . Dagegen mußten die mannigfachen Neuschöpfungen , kaum geboren , schon wieder untergehen . Und alle diese , von Tzü Hsi verfaßten und mit viel Zitaten aus den Klassikern versehenen Edikte ließ sie im Namen des Kaisers erscheinen . Er erklärte darin , von schlimmen Elementen betrogen worden zu sein , die , seinen väterlichen Wunsch , des Volkes Wohl zu heben , mißbrauchend , ihm unter dem Deckmantel weiser Reformen revolutionäre Maßregeln suggeriert hätten . Auch unter das Todesurteil , womit , wie vorauszusehen gewesen , der Prozeß gegen die gefangenen Hauptführer der Reform schloß , setzte Tzü Hsi den Namen des eingekerkerten Kaisers . Durch Enthauptung oder Erdrosselung sollten sie sterben . Lin te i und Sin schen sagten , diese Todesarten seien eine Konzession , die Tzü Hsi den immer weichlicher werdenden neuen Anschauungen mache . Und Tschun glaubte es gern , daß die Göttliche lieber den » langsamen Tod « verhängt hätte , denn bei den Reformern waren ja viele gegen sie persönlich gerichtete Anklageschriften gefunden worden , auch solche mit Randbemerkungen von des Kaisers Hand . - Tzü Hsi ließ diese gegen ihre geheiligte Person gerichteten Anschläge vorsorglich im Volke verbreiten , wobei sie auch des Kaisers nicht schonte , um so gegen all diese Frevler an der Pietät Stimmung zu machen . Sie tat dies um so eifriger , als aus dem Süden des Reiches Stimmen zugunsten der Reformer laut zu werden begannen . Es galt also , sie rasch aus dieser Welt verschwinden zu lassen . Der Platz , wo die Hinrichtungen stattfinden sollten , lag in der Chinesenstadt , am Eingang des Gemüsemarktes . Mit den anderen Boys , die das Schauspiel nicht missen wollten , lief auch Tschun dorthin . Die Läden längs der Straßen mit ihren reich geschnitzten , vergoldeten und bemalten Fassaden , hatten , wie immer bei feierlichen Gelegenheiten , geschlossen werden müssen . Aber auf den flachen Dächern , zwischen den hochaufragenden Aushängeschildern , mit ihren riesigen bunten Schriftzügen , hockten dicht gedrängt eine Menge Zuschauer . Blau gekleidet , mit den gelben Gesichtern und den roten Quasten auf den breiten Hüten , sahen sie da oben am Rande der Dächer wie Reihen seltsamer Vögel aus . Und dieselbe blaue Menge staute sich auch unten auf den Fußsteigen . Aber hier sah man die Gesichter deutlich , gewahrte die Augen , die , im Gegensatz zu gewohnter stierer Stumpfheit , bisweilen zwischen den schmalen Liderschlitzen böse aufblitzten , erkannte die Vorfreude an dem kommenden Grausigen . Der Mittelweg der mit Unrat gefüllten Straßen , in deren tiefen Löchern namenlose Flüssigkeiten unter irisierender Fettschicht standen , wurde von spalierbildenden Mandschubannerleuten freigehalten . Zwischen unzähligen