gliche , meiner Großmutter . Sie soll eine sehr große Dame gewesen sein . Ich habe sie nicht gekannt . Dagegen erinnere ich mich sehr gut an die Mutter meines Vaters , die eigentliche Herrin auf Ulsgaard . Das war sie wohl immer geblieben , wie sehr sie es auch Maman übelnahm , daß sie als des Jägermeisters Frau ins Haus gekommen war . Seither tat sie beständig , als zöge sie sich zurück , und schickte die Dienstleute mit jeder Kleinigkeit weiter zu Maman hinein , während sie in wichtigen Angelegenheiten ruhig entschied und verfügte , ohne irgend jemandem Rechenschaft abzulegen . Maman , glaube ich , wünschte es gar nicht anders . Sie war so wenig gemacht , ein großes Haus zu übersehen , ihr fehlte völlig die Einteilung der Dinge in nebensächliche und wichtige . Alles , wovon man ihr sprach , schien ihr immer das Ganze zu sein , und sie vergaß darüber das andere , das doch auch noch da war . Sie beklagte sich nie über ihre Schwiegermutter . Und bei wem hätte sie sich auch beklagen sollen ? Vater war ein äußerst respektvoller Sohn , und Großvater hatte wenig zu sagen . Frau Margarete Brigge war immer schon , soweit ich denken kann , eine hochgewachsene , unzugängliche Greisin . Ich kann mir nicht anders vorstellen , als daß sie viel älter gewesen sei , als der Kammerherr . Sie lebte mitten unter uns ihr Leben , ohne auf jemanden Rücksicht zu nehmen . Sie war auf keinen von uns angewiesen und hatte immer eine Art Gesellschafterin , eine alternde Komtesse Oxe , um sich , die sie sich durch irgendeine Wohltat unbegrenzt verpflichtet hatte . Dies mußte eine einzelne Ausnahme gewesen sein , denn wohltun war sonst nicht ihre Art. Sie liebte keine Kinder , und Tiere durften nicht in ihre Nähe . Ich weiß nicht , ob sie sonst etwas liebte . Es wurde erzählt , daß sie als ganz junges Mädchen dem schönen Felix Lichnowski verlobt gewesen sei , der dann in Frankfurt so grausam ums Leben kam . Und in der Tat war nach ihrem Tode ein Bildnis des Fürsten da , das , wenn ich nicht irre , an die Familie zurückgegeben worden ist . Vielleicht , denke ich mir jetzt , versäumte sie über diesem eingezogenen ländlichen Leben , das das Leben auf Ulsgaard von Jahr zu Jahr mehr geworden war , ein anderes , glänzendes : ihr natürliches . Es ist schwer zu sagen , ob sie es betrauerte . Vielleicht verachtete sie es dafür , daß es nicht gekommen war , daß es die Gelegenheit verfehlt hatte , mit Geschick und Talent gelebt worden zu sein . Sie hatte alles dies so weit in sich hineingenommen und hatte darüber Schalen angesetzt , viele , spröde , ein wenig metallisch glänzende Schalen , deren jeweilig oberste sich neu und kühl ausnahm . Bisweilen freilich verriet sie sich doch durch eine naive Ungeduld , nicht genügend beachtet zu sein ; zu meiner Zeit konnte sie sich dann bei Tische plötzlich verschlucken auf irgendeine deutliche und komplizierte Art , die ihr die Teilnahme aller sicherte und sie , für einen Augenblick wenigstens , so sensationell und spannend erscheinen ließ , wie sie es im Großen hätte sein mögen . Indessen vermute ich , daß mein Vater der einzige war , der diese viel zu häufigen Zufälle ernst nahm . Er sah ihr , höflich vornübergeneigt , zu , man konnte merken , wie er ihr in Gedanken seine eigene , ordentliche Luftröhre gleichsam anbot und ganz zur Verfügung stellte . Der Kammerherr hatte natürlich gleichfalls zu essen aufgehört ; er nahm einen kleinen Schluck Wein und enthielt sich jeder Meinung . Er hatte bei Tische ein einziges Mal die seinige seiner Gemahlin gegenüber aufrechterhalten . Das war lange her ; aber die Geschichte wurde doch noch boshaft und heimlich weitergegeben ; es gab fast überall jemanden , der sie noch nicht gehört hatte . Es hieß , daß die Kammerherrin zu einer gewissen Zeit sich sehr über Weinflecke ereifern konnte , die durch Ungeschicklichkeit ins Tischzeug gerieten ; daß ein solcher Fleck , bei welchem Anlaß er auch passieren mochte , von ihr bemerkt und unter dem heftigsten Tadel sozusagen bloßgestellt wurde . Dazu wäre es auch einmal gekommen , als man mehrere und namhafte Gäste hatte . Ein paar unschuldige Flecke , die sie übertrieb , wurden der Gegenstand ihrer höhnischen Anschuldigungen , und wie sehr der Großvater sich auch bemühte , sie durch kleine Zeichen und scherzhafte Zurufe zu ermahnen , so wäre sie doch eigensinnig bei ihren Vorwürfen geblieben , die sie dann allerdings mitten im Satze stehen lassen mußte . Es geschah nämlich etwas nie Dagewesenes und völlig Unbegreifliches . Der Kammerherr hatte sich den Rotwein geben lassen , der gerade herumgereicht worden war , und war nun in aller Aufmerksamkeit dabei , sein Glas selber zu füllen . Nur daß er , wunderbarerweise , einzugießen nicht aufhörte , als es längst voll war , sondern unter zunehmender Stille langsam und vorsichtig weitergoß , bis Maman , die nie an sich halten konnte , auflachte und damit die ganze Angelegenheit nach dem Lachen hin in Ordnung brachte . Denn nun stimmten alle erleichtert ein , und der Kammerherr sah auf und reichte dem Diener die Flasche . Später gewann eine andere Eigenheit die Oberhand bei meiner Großmutter . Sie konnte es nicht ertragen , daß jemand im Hause erkrankte . Einmal , als die Köchin sich verletzt hatte und sie sah sie zufällig mit der eingebundenen Hand , behauptete sie , das Jodoform im ganzen Hause zu riechen , und war schwer zu überzeugen , daß man die Person daraufhin nicht entlassen könne . Sie wollte nicht an das Kranksein erinnert werden . Hatte jemand die Unvorsichtigkeit , vor ihr irgendein kleines Unbehagen zu äußern , so war das nichts anderes als eine persönliche Kränkung für sie , und sie trug sie ihm lange