mondbeglänzten Deck des Dampfers , der sie beide von Palermo nach Neapel gebracht hatte . Er wußte kaum , nach welcher Frau er sich am meisten sehnte in diesem Augenblick : nach Marianne , der Verlassenen , nach Grace , der Entschwundenen , oder nach dem anmutigen jungen Geschöpf , mit dem er vor ein paar Stunden in einer dämmrigen Kirche herumspaziert war , wie Hochzeitsreisende in einer fremden Stadt , und das den Himmel hatte anflehen wollen , daß ein großer Künstler aus ihm würde . In der Erinnerung daran verspürte er eine gelinde Rührung . War es nicht beinahe , als läge ihr mehr an seiner künstlerischen Zukunft als ihm selbst ? ... Nein , ... nicht mehr . Sie hatte ja doch nur ausgesprochen , was immer tief im Grunde seiner Seele schlummerte . Er vergaß nur sozusagen manchmal , daß er ein Künstler war . Aber das mußte anders werden . So viel war begonnen und vorbereitet . Nur etwas Fleiß , und es konnte am Erfolg nicht fehlen . Und im nächsten Jahr ging es hinaus in die Welt . Eine Kapellmeisterstelle war bald gefunden , und mit einem kräftigen Sprung stand man mitten in einem Beruf , der Geld und Ehren brachte . Neue Menschen lernte er kennen , ein anderer Himmel glänzte über ihm , und geheimnisvoll wie aus fernem Nebel , streckten unbekannte weiße Arme sich nach ihm aus . Und während die jungen Leute neben ihm sehr ernsthaft die Chancen der Kämpfer bei dem bevorstehenden Turnier erwogen , träumte Georg in seiner Ecke weiter von einer Zukunft voll Arbeit , Ruhm und Liebe . Zur gleichen Stunde lag Anna in ihrem dunkeln Zimmer , ohne zu schlafen , die weit offenen Augen zur Decke gerichtet ; zum erstenmal in ihrem Leben mit dem untrüglichen Gefühl , daß es einen Menschen auf der Welt gab , der aus ihr machen konnte , was ihm beliebte ; mit dem festen Entschluß , alle Seligkeit und alles Leid hinzunehmen , das ihr bevorstehen mochte ; und mit einer leisen Hoffnung , schöner , als alle , die ihr je erschienen waren , auf ein beständiges und ruhevolles Glück . Drittes Kapitel Georg und Heinrich saßen von ihren Rädern ab . Die letzten Villen lagen hinter ihnen , und die breite Straße , allmählich ansteigend , führte in den Wald . Das Laub hing noch ziemlich dicht an den Bäumen , aber jeder leise Windhauch nahm Blätter mit und ließ sie langsam herabsinken . Herbstglanz lag über den gelbrötlichen Hügeln . Die Straße stieg höher an , an einem stattlichen Wirtshausgarten vorbei , zu dem steinerne Stufen hinaufführten . Nur wenige Leute saßen im Freien , die meisten in der Glasveranda , als trauten sie nicht ganz der Wärme dieses schmeichlerischen Spätoktobertags , durch den doch immer wieder eine gefährliche Kühle geweht kam . Georg dachte mit ödem Erinnern des Winterabends , an dem er und Frau Marianne als einzige Gäste hier eingekehrt waren . Gelangweilt war er an ihrer Seite gesessen , hatte ungeduldig ihr plätscherndes Gerede über das Konzert von gestern angehört , in dem Fräulein Bellini seine Lieder gesungen ; und als er auf der Rückfahrt wegen Mariannens Ängstlichkeit schon in einer Vorstadtstraße aus dem Wagen steigen mußte , hatte er wie erlöst aufgeatmet . Ein ähnliches Gefühl der Befreitheit kam freilich beinahe jedesmal über ihn , wenn er , auch nach schönerem Zusammensein , von einer Geliebten Abschied nahm . Selbst als er Anna an ihrem Haustor verlassen hatte , vor drei Tagen , nach dem ersten Abend vollkommenen Glücks , war er sich , früher als jeder anderen Regung , der Freude bewußt geworden , wieder allein zu sein . Und gleich darauf , ehe noch das Gefühl des Danks und die Ahnung einer wirklichen Zusammengehörigkeit mit diesem sanften , sein ganzes Wesen mit so viel Innigkeit umschließenden Geschöpf in seiner Seele emporzudringen vermochte , flog durch sie ein sehnsuchtsvoller Traum von Fahrten über ein schimmerndes Meer , von Küsten , die sich verführerisch nähern , von Spaziergängen an Ufern , die am nächsten Tage wieder verschwinden , von blauen Fernen , Ungebundenheit und Alleinsein . Am andern Morgen , da den Erwachenden der Duft des vergangenen Abends erinnerungs- und verheißungsschwer umfloß , wurde die Reise natürlich aufgeschoben , bis zu einer spätern , vielleicht nicht gar so fernen , doch gelegeneren Zeit . Denn daß auch dieses Abenteuer , so ernst und hold es begonnen , zu einem Ende bestimmt war , wußte Georg selbst in dieser Stunde , nur ohne jeden Schauer . Anna hatte sich ihm gegeben , ohne mit einem Wort , einem Blick , einer Gebärde anzudeuten , daß nun für sie gewissermaßen ein neues Kapitel ihres Lebens anfing . Und so mußte von ihr , das fühlte Georg tief , auch der Abschied ohne Düsterkeit und Schwere sein : ein Händedruck , ein Lächeln und ein stilles » es war schön « . Und leichter noch war ihm zumute geworden , als sie ihm bei der nächsten Begegnung mit einfach innigem Gruß entgegenkam , ohne die befangenen Töne anschmiegender Wehmut , oder erfüllten Schicksals , wie er sie in den Worten mancher andern beben gehört hatte , die zu einem solchen Morgen nicht zum erstenmal erwacht war . Eine mattgezogene Berglinie erschien in der Ferne und verschwand wieder , als die Straße durch dichtern Waldstand in die Höhe führte . Laub- und Nadelholz wuchsen friedlich nebeneinander , und durch die stillere Farbe der Tannen schimmerte das herbstlich gefärbte Blätterwerk von Buchen und Birken . Wanderer zeigten sich , einige mit Rucksack , Bergstock und Nagelschuhen wie zu bedeutenden Gebirgstouren ausgerüstet ; zuweilen , in beglückter Schnelle , sausten Radfahrer die Straße hinab . Heinrich erzählte seinem Gefährten von einer Radfahrt , die er anfangs September unternommen hatte , den Rhein entlang . » Ist es nicht sonderbar « , sagte Georg , » so viel bin ich schon in der Welt herumgekommen , und