gab unter Lachen nicht nur gute , gesunde , reichliche Kost , auch ihre guten , feinen , sinnigen Worte banden manche Gefühle zusammen im Geiste jedes , daß er nun , ohne recht zu wissen , sicherer vorwärts lief . Aber Einhart fand die gedrillte Devotion sich ein wenig zuwider . Er wußte mit diesen Jünglingen nichts Rechtes zu machen . Daß er , wenn er genug gegessen und getrunken hatte , zumeist aus dem Lächeln nicht herauskam , sobald die Seminaristen fade Späße von den Lehrern zu erzählen und ein wenig einfältig zu werden begannen . Er gestand es Fräulein Reseda auch ruhig ein , daß er mit diesen Menschen ohne Träume nichts anfangen könnte . Fräulein Reseda nannte ihn dann hochmütig , sagte , man müßte die Menschen nehmen , wie sie Gott geschaffen , daß ein jeder eine unsterbliche Seele hätte , daß die Seelen vor Gott alle gleich wären und manches freundliche Wort ausgleichender Gerechtigkeit . Worüber Einhart , indes er sich schon etwa in Sakuntala versenkte , nur nebenbei einmal hell auflachte , unter verzeihendem Zulachen von Fräulein Reseda , die den Seminaristen nichts dergleichen zugelassen , aber Einhart all das eigene , selbständige und freie Wesen nachsah . So war es einige Monate hingegangen . Einhart hatte Akademie und Malen einfach in der ganzen Zeit vergessen , hatte sozusagen sich an Hab und Gut von Fräulein Reseda , an Seele und Sinn und alle die Ideen und Schätze und Bücher von Fräulein Reseda angesogen , als er erfuhr , daß seine Mutter ernstlich daheim erkrankt wäre und er kommen sollte . 12 Im Hause von Herrn Selle ging man auf Zehen . Die Kranke war so erregbar und schmerzempfindlich , daß die leiseste Erschütterung sie aus Wachträumen weckte und jammern machte . Geheimrat Selle sah aus wie Kreide so fahl . Die großen Mädchen waren bleich und überwacht , weil sie halbe Nächte , auch wer nicht an der Reihe war , halbausgezogen aufsaßen , mit den Händen oft stillgestellt beim Knöpfen oder Nesteln , oder in sonstigen , achtlosen Hantierungen , wenn sie dem Stöhnen im Krankenzimmer lauschten . Rosa ging kindlich zart um , sehr gütig , sehr tätig . Nur Emma war garnicht still zu machen mit ihren dringlichen Fragen , weil sie immerwährend die Angst fühlte , und bei jedem , der da war , eine Zuflucht oder einen Trost suchte . Frau Selle war unerwartet erkrankt . Man hatte es zuerst , als die empfindlichen Darmschmerzen kamen , nicht recht beachtet . Bis schlimmere Symptome sichtbar geworden . Dann hatte man als letztes Mittel einen operativen Eingriff noch gewagt . Einhart war am Nachmittag angekommen . Niemand aus der Familie erschien in der Bahnhofshalle , ihn abzuholen . Obgleich es zum ersten Male war , daß er die Heimat nach Jahren wiedersah . Er lief gleich auf den Bahnhofsplatz , wo einige ihm bekannte , zerschläterte Droschken mit eingedeckten , müden Pferden harrten . Als er sich allenthalben hier wieder umsah , ging es in Einhart hin , wie wenn wahrlich Lieder klängen . Nun kam es wieder , was er vergessen . Er ging ganz heiteren , erhobenen Hauptes . Der Eindruck der alten Heimat , die ihm jetzt neu wirklich schien , daß er wie einen einstigen Einhart um alle Ecken mit Knabentollheiten in der pfiffigen Seele antreiben und heranstieben sah , war so stark , daß er ganz sonst vergaß , daß keine Schwester ihm auf seinem Wege entgegenkam . Und daß keine Menschenseele ihn hier mehr kannte . Der weiße Schnauzbart des Klassenlehrers leuchtete ihm entgegen , als er um die Ecke bei der Promenade einbog . Einhart , plötzlich erschreckt , hatte seinen Hut ehrerbietig aufgehoben und glitt vom Bürgersteige unversehens herab . Aber der Klassenlehrer grüßte gleichgültig . Er sah sich nicht weiter um . Und Einhart trieb , die Augen wie immer , wenn ihn Erstaunliches lockte , ganz weit und unerwecklich aufgemacht , vorwärts , um die Promenaden rund herum , ohne noch einstweilen an zu Hause zu denken . Kein Wunder . Einhart hatte im Leben nie Krankheit gefühlt . Er hatte höchstens eine dicke Backe bei Rosa oder Mutter drollig angesehen und das vermummende , weiße Battisttuch darüber . Oder so unbestimmt gehört , daß Vater an Gichtschmerzen litte . Nichts wie wirkliche Krankheit war ihm bisher achtsam vorgekommen . Nun gar der Tod ! Einmal im Bilde ging er von ferne an ihm vorüber . Er sah jetzt nur die alte , graue Stadtmauer wieder , die alten Bastionen , den gelben Strom , Dom und Kirchen , die er früher nicht einmal bis zum Kapitäl der Torsäulen oder dem Giebelfelde sich angesehen , daß er jetzt erstaunt war , wie schattig und hoch das alles schon damals mußte gewesen sein . Er schritt auch der Brücke entgegen , dort , wo er seinen Tornister manch liebes Mal heimlich geborgen , und an den Lieblingsplätzen seiner jungenhaften , verträumten Spiele . Bis zu Geheimrat Selles war er noch garnicht durchgedrungen . Aber dann stand Einhart doch in der bekannten , engen Straße davor , vor dem alten , gelben Hause , und hatte plötzlich wie eine Schwäche im Blute rinnen . Als wenn er die Treppen mühsam nur ersteigen könnte . Garnicht etwa ein Gefühl von Ahnung , daß ihn da etwas Furchtbares anfassen würde . Garnicht eine Vorbedeutung von erschrecklichen Dingen . Nur als wenn dieses ganze , große , dreistöckige Haus hart durchsetzt wäre von der steifen , strengen Vatergestalt , an der er nun wie gelähmt aufstieg . Denn das war es , daß er jetzt fühlte , dem Herrn Geheimrat Selle bald gegenüberzustehen , und weil er recht eigentlich plötzlich hart empfand , daß er jetzt noch weniger etwas gelten könnte wie je . Nicht vom Gendarm wie ehedem , von einem heimlichen Einsiedler geführt , wurde hier Einer heimgebracht , der erwachsen war . Zur Besinnung und zur Sehnsucht nach sich und