: » Aber , lieber Herzog , wo ist Donna Giulia ? Trotz aller Lichter hier scheint es dunkel , wenn die Sterne ihrer Augen fehlen . « » Giulia hat recht ; sie sagt immer , daß Eminenz ein Dichter sind , « versetzte der Herzog lächelnd ; » sie war leidend heute abend und da wir morgen früh reisen , wollte sie sich ausruhen . « Es entstand eine Bewegung unter den Gästen , und aller Augen richteten sich nach der Estrade im Grunde des Saales , von der aus man in den Garten gelangt und auf der eben eine zarte Erscheinung in weißem Gewand allein hervortrat . » Ah , sieh da , unsere Improvisatrice ! « rief der Kardinal ; » es kann ja kein Fest mehr in Rom sein , wo das holde Geschöpf fehlt . Man trägt sie förmlich auf den Händen . Ich sehe es noch kommen , daß wir sie auf dem Kapitol werden krönen müssen wie Corilla Olympica im vorigen Jahrhundert , obgleich sie zu mädchenhaft zart und schüchtern für öffentliche Ehren ist . « » Ich will ihr heute ein Thema geben , « sagte der Herzog ; » man gibt ihr immer nur so weichliche Gefühlssachen : heute soll sie mal zeigen , ob sie größere tragische Themen zu behandeln versteht . « Raden kam eben , um den Prinzen von seiten der Hausherrin auf den Ehrenplatz in der vordersten Reihe zu holen ; den beiden anderen Herren wurden gleichfalls dort Ehrenplätze angewiesen . Waldemar konnte nicht umhin , rasch zu Rosa hinzutreten und sie zu begrüßen . Sie erwiderte den Gruß nur mit einer Neigung des Hauptes . » Sind Sie krank , liebe Freundin ? Sie sind so bleich ! « sagte er besorgt . Sie sah in der Tat geisterhaft bleich aus . » Nein , « sagte sie leise , » ich bin nicht krank , aber - « dabei erhob sie den gesenkten Blick zu ihm und dieser Blick traf ihn wie ein brennender Schmerz im Herzen . Doch sie konnte nichts hinzufügen , denn der Herzog trat auf sie zu und sagte , sich vor ihr verneigend : » Sie erlauben mir , Madamigella , Ihnen heute das Thema zu geben ; unsere gütige Wirtin hat mich autorisiert , es zu tun . « Rosa verneigte sich stumm . » Ich gebe Ihnen als Thema : die Erinnyen . Diese , die Ihnen nie werden nahen können , werden uns durch die Allmacht Ihrer Phantasie hier erscheinen und alle schuldbewußten Herzen in Schrecken versetzen . « » Ah , Sie werden es hoffentlich nicht zu grauenvoll machen , holde Muse , « sagte die Fürstin Colonna , die eben herzutrat , lächelnd ; » wenn auch keine schuldbewußten Herzen hier sind , wie ich hoffe , so möchten die unheimlichen Gäste doch den Scherz und die Freude vertreiben , die nach meinem Wunsch hier herrschen sollen . Herzog , Herzog , warum wollen Sie uns so erschrecken ? Möchten Sie nicht noch wechseln und ein lieblicheres Thema wählen ? « » Nein , ich bestehe darauf , « versetzte der Herzog , » ich möchte das Talent der Dichterin gerade in dieser Probe sehen . Sie nehmen mein Thema an , Madamigella ? « fragte er Rosa . » Ja , ich bin bereit , « erwiderte diese , und ihre sonst so sanften Augen hatten einen dunklen Glanz ; » ich bitte um einen Augenblick Nachdenken . « Die Fürstin lud die Herren ein , zu ihren Sitzen zurückzukehren , und Rosa stand einige Augenblicke in sich versunken ; dann richtete sie sich empor ; noch tieferer Ernst wie gewöhnlich lag auf ihrem Angesicht . » Sie sieht aus wie der Erzengel Michael , der kommt , Gericht zu halten , es fehlt ihr nur das Schwert , « flüsterte Raden dem Prinzen zu , hinter dessen Stuhl er stand ; er hatte die Aufgabe des Herzogs gehört . Rosa begann : Die Erinnyen . Immer noch schreiten Zur Nachtzeit Jene Dunkelen Über die Erde , Die ein ehernes Fatum An die Taten sterblicher Menschen Mit rächender Vollmacht gebunden . Aber nicht Schlangenhaar schüttelnd , Furchtbares Grausen erregend , Wie sie des Muttermörders Blutige Spur einst verfolgten , Nahen sie mehr . Traurig gesenkten Hauptes , In graue Schleier gehüllt , Gleitet lautlos ihr Fuß Über die nächtige Welt . Während droben im Äther In heiterer Klarheit Ewige Sterne Freundlich schimmernd glänzen Gleich den seligen Göttern Unbekümmert Um das tränenvolle Leid der Erdgebornen . Auch die Menschen , Die müden , Hören die Wandelnden nicht ; Nur im Schlaf scheint es ihnen Wie ein klagendes Rauschen , Als wenn der Nachtwind Durch Pinienzweige hindurchfährt . Aber dem Wissenden , Der in den Nächten Einsamen Grames Mit Geistern verkehren gelernt hat , Ihm ertönen deutlich vernehmbar Die klagenden Weisen , Die jene singen ; Mischen sich traurig Mit Seufzern der Wehmut , Die aus dem Herzen Selber ihm dringen : » Wehe , « so singen sie , » Weh den Betörten , Die götterentfremdet In dem Vergänglichen Ängstlich sich mühn , Von der wahrhaftigen Ewigen Liebe Tollkühn sich wenden , Um im Taumel der Sinne , Oder in weichlichen , Unklaren Träumen Schatten zu haschen . Wehe dem Dasein , Wo die heimlichen Tränen Verwundeter Neigung Ungesehn fließen ; Wo heilige Opfer Vergeblich sich bringen Und wo am Kreuze , Nicht nur auf Golgatha , Großmüt ' ge Herzen Langsam verbluten ; Wo an eherner Kette Tat und Folge sich halten Und aus schuldigem Tun Schuldige Frucht sich erzeugt . Wehe , wehe der Welt ! Götter starben Vergeblich für sie , Ohnmächtig , sie zu erlösen ; Tempel , von der Begeistrung erschaffen , Stürzten in Trümmer ; Über zerstörte Ideale Schritt die Zeit Achtlos hinweg . Rettung gibt ' s nimmer , Denn der furchtbare Gott , Der sich hier kund gibt , Knüpft an seine Erscheinung Ewig die Schuld