lag halb angezogen auf dem Bett und daneben brannte die Kerze . Jede Stunde hörte sie schlagen , dazwischen schlief sie halb ein und fuhr erschrocken wieder in die Höhe - Mitternacht - eins - halb zwei - Sie kämpfte mit der Versuchung , sich in die Kissen hineinzuwühlen und fest zu schlafen - morgen war ja auch noch ein Tag , warum sollte es durchaus gerade heute sein ? Nachtdunkel und Müdigkeit nahmen ihr den Mut : wenn nun alles fehlschlug , sie eingeholt , festgehalten und mit Gewalt zurückgeschleppt wurde ? Wieder schlief sie eine halbe Stunde und richtete sich erschrocken wieder auf , die Lider wurden immer schwerer - ihre Kerze war halb heruntergebrannt - halb drei Uhr . Wie ein wahnsinniger , undurchführbarer Entschluß kam es ihr plötzlich vor , aufzustehen und fortzulaufen - es war kalt und dunkel , sie dachte an ihre Eltern , ihr schien , als ob die ganze Welt da draußen so sein müßte , wie diese finstere Nacht , und da sollte sie nun allein ihren Weg suchen . - Ah - nur noch etwas schlafen , da schlug die Uhr wieder - , nein , nein , wenn sie sich nicht aufraffte , war es zu spät - jetzt oder nie . So riß sie sich mit Gewalt empor und kleidete sich an - das kalte Wasser verscheuchte den Schlaf und all die zögernden Gedanken . Draußen über den Bäumen schien der Mond , und durch die Zweige fuhr ein rascher Morgenwind . Frühling , dachte sie , und draußen wartet das Leben . Am Tisch vor dem Fenster schrieb sie rasch ein paar Zeilen an den Pfarrer , und bei jedem Wort durchrieselte es sie wie ein Schluck starker Wein . Wie oft hatte sie von dem Augenblick geträumt , wo sie solche Worte sagen konnte : » Ich gehe jetzt . Ihr seid die Besiegten . Macht , was ihr wollt , ich gehe . « Dann machte sie das Fenster auf und ließ ihren Koffer an einem Strick herunter . Mit Schrecken fühlte sie , wie schwer er war , ein paarmal wäre ihr fast der Strick aus der Hand geglitten , und der Koffer schlug gegen die Hauswand . Gerade unter ihr lag das Krankenzimmer , wo jetzt eine Pflegerin bei der langsam Sterbenden wachte . Gott im Himmel , da schlug er wieder an . Wenn nun plötzlich da unten jemand das Fenster aufmachte und fragte - . Und nun konnte sie ihre Schuhe nicht finden . - Alles war wie verhext heute morgen . Natürlich lagen sie unten in der Küche zum Putzen , sie war ja gestern in Hausschuhen heraufgekommen . Sie blies das Licht aus , schloß die Tür hinter sich zu und warf den Schlüssel in eine Ecke - ihr Zimmer lag oben auf dem Speicher . Dann tappte sie die Treppe hinunter , die Stufen knarrten wie noch nie . Und jetzt in der dunklen Küche aus dem Haufen von Stiefeln die ihren heraussuchen . Der große Haushund lag auf dem Flur , er erkannte sie nicht gleich und fing an zu knurren , dann wedelte er und wollte mit , als Ellen zum Küchenfenster hinaussprang . Sie faßte ihn am Halsband und schob ihn zurück , horchte noch einmal , ob alles still wäre , dann schlich sie leise um das Haus und band den Koffer los . Im Krankenzimmer war Licht , und man hörte gedämpfte Stimmen . Auf dem Kirchhof blieb Ellen stehen und sah auf das stille , weiße Haus zurück , und dann strebte sie so rasch wie möglich über die Felder der Stadt zu . Hier und da setzte sie sich auf den Koffer und ruhte aus , er war entsetzlich schwer . Im Notfall laß ich ihn im Stich , dachte sie , aber es war alles darin , was sie besaß - Briefe und Bücher , die sie nicht preisgeben wollte . Endlich kamen die ersten Häuser der Stadt , und dort drunten lag der Bahnhof . Es war höchste Zeit - Ellen warf ihre Last mit einem heftigen Ruck auf die Schulter und fing an , Trab zu laufen , ihre Schritte hallten laut durch die stillen Straßen , und dicke Tropfen rannen ihr von der Stirn . Im letzten Moment kam sie an , konnte gerade noch das Gepäck hineinwerfen und nachspringen , ehe der Zug sich in Bewegung setzte . Über dem weiten Flachland wurde es immer heller . Ellen war allein im Kupee und sang laut in den Morgen hinein . Sie konnte nicht stillsitzen und nicht stillschweigen , ihr war , als ob sie sonst zerspringen müßte : frei bin ich , frei bin ich , frei - frei ! An dem Wort berauschte sie sich , taumelte fast , lief hin und her , von einem Fenster zum andern und sang wieder hinaus : frei bin ich , frei - setzte sich einen Augenblick hin und lachte , daß ihr die Tränen kamen . Als der Schaffner kam , hielt sie ihm ihr Billett hin , als wäre es ein Königreich - und für sie war es auch eines . - Gott , wenn er nur etwas sagte , der erste Mensch , der ihr heute begegnete - er mußte etwas sagen , sich mit ihr freuen , ihr Glück wünschen . Sie gab ihm alles Kleingeld , das sie noch in der Tasche hatte , und nun grinste er endlich , und Ellen lachte . » Na , Sie sind aber vergnügt am frühen Morgen , Fräulein . « Ellen warf sich in die Ecke und lachte - lachte . Es war klar , daß der Mann sie für verrückt hielt . Bei der nächsten Station tat sie eine schwarze Brille und einen dichten Schleier an , es ging ja mitten durch das Land der zahllosen Verwandten , überall konnte sie bekannte Gesichter treffen . Und dann wußte sie nicht , wie ihre Fassung