wohl die Ahnen von die Besitzer ? « » Jotte doch , Mama , « antwortet die höhere Tochter zurechtweisend , » das sind doch allens jriechische Jötter und Jöttinnen . « Wir treten in ein anderes , ganz leeres Zimmer . » Det war det Schlafzimmer von die jnädigen Komtessen , « sagt das führende Bauernmädchen . Ja , man hat es ihr richtig erzählt , det war det Schlafzimmer von die jnädigen Komtessen . Ich sehe noch die kleinen weissen Bettchen - jetzt ist es ganz ausgeräumt . Auf der verschossenen roten Tapete bezeichnen kräftiger gefärbte Stellen die Plätze , an denen einst Bilder hingen . An der einen Wand hängt noch ein vereinzeltes altes Gemälde . Es stellt einen Heiligen dar ; ganz unbekleidet , wie durch langes Fasten abgemagert und verhärmt , sitzt er inmitten einer Felsenlandschaft und hält einen Bogen Papier , auf den er eifrig schreibt . » Der olle Herr dort oben schreibt wohl an Wertheim um ein Hemd , « sagt der Sportjüngling . Und zwischen Tränen muss ich doch lachen , denn genau dieselbe Bemerkung haben wir damals gemacht , als der Heilige die Zielscheibe unseres jugendlichen Witzes war , nur dass es zu jenen Zeiten noch keinen Wertheim gab und wir Hertzog sagten . Beim Fortgehen bin ich einen Augenblick an der einen Tür stehen geblieben . Ja , wahrhaftig , da waren sie noch , ganz verblasst , die Striche , die der Onkel machte , wenn er unser Mass nahm und unser jährliches Wachstum an dieser Tür verzeichnete . - Wo sind die kleinen Mädchen hin , die da vor dem Onkel standen und denen er zurief : » Kinder , nicht auf den Zehen stehen ! nicht mogeln ! « - Sie hatten es so eilig mit dem Wachsen - nun sind sie längst aus der alten Heimat hinausgewachsen . Vergangenheit , Vergangenheit ! - Ich bin dann noch lange im Park gewesen , wo jetzt Butterbrotpapiere und leere Flaschen von Berliner Touristen unter die Büsche geworfen werden , wo das Unkraut in den Wegen und Beeten wächst , wo das Schilf immer mehr den Schlossteich überwuchert und wo es trotz aller Verwahrlosung doch noch immer so frühlingsschön ist - wie einst im Mai ! Mit dem letzten Zuge bin ich erst zurückgefahren . Ich blieb so lange als möglich , denn ich fühlte , dass ich das alles nie wiedersehen werde . Es war schon spät , als ich auf dem Bahnhof Friedrichstrasse ausstieg . Ich ging zu Fuss bis zum Buckingham-Hotel . Viel Hässliches , viel Elend streift man auf solch kurzem Abendweg . Ich drückte das Gesicht in den grossen Strauss Garziner Flieders , den ich mir mitgenommen , und es war mir , als hörte ich leise , durch all den rasselnden , rollenden Strassenlärm hindurch , die alten Worte , die unser aller Grabspruch sein könnten : O Herrgott , richt mit Mild den Mann , Denn niemals er den Wunsch ersann , Des Lebens Fahrt zu treten an ! 30 Berlin , Mai 1900 . Bei einem entfernten Verwandten meiner Mutter , den ich Onkel nenne , bin ich gewesen . Ich glaube , er würde Ihnen gefallen , drum will ich Ihnen von ihm erzählen . Nach äusserlicher menschlicher Klassifikation gehört er zu den deutschen Professoren , aber ich glaube , innerlich und eigentlich ist er ein Wesen aus einer klassischen Periode , vielleicht ein auferstandener alter Grieche , der in einer Tonne hauste und den Dingen zuschaute , oder der einstmalige Abt eines berühmten Klosters der italienischen Renaissance - aber kein Savonarola , der gegen die Verderbnis der Menschen eiferte und die Welt bessern wollte , sondern ein Mönch von der beschaulichen Sorte , der in Chroniken mit schön gemalten Buchstaben seine Beobachtungen niederlegt , der die Schlechtigkeit der Welt wohl erkennt , aber sich nicht zum eingreifenden Reformator berufen fühlt , sondern denkt , dass , wer das eigene Herz nur rein hält , auch schon sein Teil getan hat . Er wohnt nahe am Tiergarten , in einer Strasse , deren eines Ende sich zu einem kleinen Platz erweitert , auf dem zwischen Fliederbüschen eine Kirche steht . Es ist kein sehr alter Teil Berlins , aber doch auch keiner von den ganz neuen , und es ist dort wohltuend geräuschlos . Zu den ernsten , etwas gleichmässigen Häusern denkt man sich unwillkürlich als Bewohner still arbeitende Leute , die ein Menschenalter hindurch in denselben Zimmern gelesen und geschrieben haben und nichts von hastigen Umzügen wissen . - Es ist eine Gelehrtengegend . So lang ich denken kann , wohnt der Onkel im selben Haus im dritten Stock . Sein Arbeitszimmer ist ein nach rückwärts liegender Saal , von dessen Balkon aus man auf Gärten blickt , in denen es jetzt grünt und Frühling wird . Über seinem Schreibtisch hängt ein Marmorrelief an der Wand . Es stellt die längst verstorbene Frau des Onkels dar , und das kühne Profil zeigt eine auffallende Ähnlichkeit mit Achim von Arnim oder Byron . Es ist das ein Menschentypus , dem man in unseren Tagen selten mehr begegnet , und der früher häufiger gewesen zu sein scheint . Vielleicht verschwinden Menschentypen mit den Idealen ihrer Epoche . Wer würde wohl heute wie Byron für die Unabhängigkeit der Griechen kämpfen ? - Wenn man Gesichtszügen vertrauen darf , so muss die verstorbene Tante ein wahrer Gentleman gewesen sein , der nie aus der Not anderer Kapital geschlagen hätte . Der Onkel ist in den Jahren , die ich in der Ferne verlebt , ein ganz alter Mann geworden . Sein langes Haar ist weiss geblichen , die ganze , hohe Gestalt ist so abgemagert , als seien die irdischen Bestandteile , deren wir zum Leben bedürfen , von ihm schon abgefallen . Die Worte » ein verklärter Leib « fielen mir ein , als ich ihn wieder sah . Die klaren , schönen Augen sind dieselben geblieben , nur grösser sind