die Schulter weg mit einer älteren Frau , die ihm ein großes weißes Tuch in die Rocktasche stopfte . Josefine sah gedankenlos zu , wie die geschäftigen Leute unter das kleine geschnitzte , von zwei Holzpfeilern getragene Schutzdach traten , wie sie die gelbe , mit Messingnägeln verzierte Tür zurückschlugen , wie sie langsam , zögernd im dämmerigen Inneren des Kirchleins verschwanden . » Hier bin ich auch getraut worden , « murmelte sie . Josefine liebte dies weiße Kirchlein , die Stelle , wo es liegt , über der Stadt , wie auf einer vorgeschobenen Klippe . Und sie liebte den von drei ländlichen Häusern begrenzten , unregelmäßigen Platz oberhalb der Kirche mit seinem offenen Brunnen und mit dem Blick nach drei Seiten steil abwärts durch dörfliche , gartenreiche Straßen , mit Weinbergen , Obstbäumen , offenen Gartenpförtchen und bewachsenen Mauern . Aber heut war alles trübfarbig , und der Blick weit hinab über den sonst so reizenden Vordergrund auf den blaugrünen See erschien hart , die Silhouetten der Häuser wie ausgeschnitten , der See kaum vom Himmel unterschieden . Der goldene Zeiger auf dem himmelblauen Zifferblatt der kleinen Turmuhr stand auf fünf . Ich muß zurück . Die Kinder warten auf mich . Laure Anaise auch . Und ich habe so viel zu tun ! Aber sie ging langsam aufwärts , nicht zurück . Der Föhn brach plötzlich hervor zwischen den Häusern wie aus einem zusammengepreßten Sack . Er zischte und heulte und drängte sich hinter den Ecken hervor ; er schien aus jeder Richtung zu kommen . Die ziegelroten und rostgelben Blätter der Gebüsche raschelten wie gefegt zu Boden und hüpften wie Frösche . » Da muß ma fescht hinschtehe , daß ma net umkait4 wird , « lachte ein Alter mit einer Pelzmütze und blies Josefine fröhlich seinen Pfeifendampf ins Gesicht . Noch ein paar Schritte , dachte sie , und sie ließ sich weiterdrängen , immer hinauf . Und schon fühlte sie die Wohltat der schnellen Bewegung , und der Kampf mit dem Winde belebte sie . Noch ein Stückchen ! Nur bis zum Waldrand ! Einzelne Häuser nur standen hier zwischen den Gütern , aber sie hatten etwas so traulich Einladendes . An einem langen , niederen Hause mit grünen Läden war ein Fenster offen , und ein lockiger Mädchenkopf drohte und lachte hinaus zu einem Mann in grünem Schurz , mit einer Handsäge , der unten stand und sich eine lange gelbe Hobelspanlocke an dem gestrickten braunen Wams vorn befestigt hatte . Das Mädchen bot ihm einen Fastnachtskuchen für die Locke , aber er wollte sie nicht hergeben , sondern streichelte sie mit den schwärzlichen Fingern und versuchte zugleich mit dem Griff der Handsäge den Kuchen dem Mädchen aus der Hand zu schlagen . Ein leises Lächeln kam die Einsame an , als plötzlich der Kuchen herunterfiel und unter dem Siegesgeschrei des Bewerbers im stacheligen Dorngestrüpp zerbröckelte . Bis zum Waldrande . Die Häuser und Menschen blieben hinter ihr , kein Spaziergänger war zu sehen auf dem schmalen , steilen Wiesenpfad . Ein breitwipfliger Baum an der Halde schüttelte einen blitzenden Regen in das Gras , das im Schatten noch bereift war . Der Meisengesang klang wie eine Glasglocke durch den Sturm . Es wird wieder Frühling , dachte sie und bückte sich zu den ersten Blumen am Rain , ein paar Marienblümchen , die kurzstengelig und groß , mit rotgesäumter Scheibe , sich an den Boden drückten . Und ich bin noch stark , und es wird wieder Frühling . Sie blickte nach der Sonne , die wie eine riesige rote Marienblume auf dem Ütliberg saß . Ein violettroter Dampf füllte das Tal , die Stadt schien im Qualm zu ersticken , aber nun wurden plötzlich die Berge frei , und die Firnen erröteten in ihrem sanften , goldigen Rosenglanz . Der See zu ihren Füßen war eine goldüberflimmerte Schale . Die zerflockten Wolken strahlten in Regenbogenfarben wie das Prachtgefieder eines Riesenvogels . » Ist das der Paradiesvogel ? « hatte Rösli sie neulich gefragt , als die Sonne so schön unterging . Josefine lächelte , vor ihren Augen schwammen rote und grüne Kreise , und eine Art Schwindel ergriff sie von der Blendung . Da kam aus dem glühenden Abendrot jemand den schmalen Pfad , den sie hinan wollte , herabgegangen . Es war ein hochgewachsener , schlanker Mann . Die eigentümlich stolze Haltung , die ihn von allen Menschen unterschied , welche Josefine je gesehen , machte , daß sie ihn von weither erkannte : es war Bernsteins Kamerad . Er trug den Hut in der Hand , die Stirn hoch . Und von dieser breiten , blassen Stirn über den dunklen Augen schien etwas Glänzendes und Beglückendes auszugehen . Er kam heran , und die großen , weitgeöffneten Augen zogen sich zusammen und wurden freundlich : wie ein Sternenregen von guten Wünschen sprühte es aus ihrer Tiefe über die ihm Begegnende . Weit schwenkte er den großen Hut im Bogen zur Begrüßung und ging ein wenig auf den steilen Wiesenbord hinauf , um nicht hart an ihr vorbeizustreifen , denn der eingeschnittene Pfad war für zwei zu schmal . Ohne sich aufzuhalten , ohne den Schritt nur zu verlangsamen , gingen sie grüßend aneinander vorüber . Josefine sah ihn einen Augenblick hoch über sich , wie auf einem Postament ; einen Moment erblickte sie sein scharfes Profil mit dem lockigen Spitzbart wie eine Kamee auf Goldgrund . Dann war er vorbeigegangen . Noch einige Minuten schritt sie vorwärts gegen den schwarzen stummen Wald , aus dem die Krähen ihr entgegenkrächzten . Sie ging , ohne zu wissen , daß sie ging . Vor ihr war noch dieser seltsame dunkle Kopf , ihr vertraut aus alten Zeichnungen und Bildern . Aber dieser fremde Mann war ihr nicht nur aus alten Zeichnungen und Bildern vertraut ... Von den Gedanken dieser Stirn glaubte sie die meisten zu kennen ... Von der hellen überströmenden Güte dieser ernsten Züge hatte sie als junges Mädchen