darauf hinwies , daß Doktor Bland - eine der » Säulen « der liberalen Partei - sich der im österreichischen Parlament neugebildeten » Gruppe für Frieden und Schiedsgericht « angeschlossen habe und als einer ihrer Delegierten zur bevorstehenden Konferenz nach Rom reisen werde , » und in Graf Dotzky , « fügte er hinzu , » sehen Sie den Verfasser des antimilitaristischen Artikels , der - « » Ah , « unterbrach der Hofrat , » sind Sie derselbe Graf Dotzky , der bei den Wahlen - « » Durchgefallen ist ? Ja , der bin ich , Herr Doktor ; habe daher leider keinen Anspruch auf den Titel Kollege ; desto mehr interessiert mich die Gesinnungsgenossenschaft ... Sie beabsichtigen also , bei der Konferenz den Militarismus zu bekämpfen ? « Die drei saßen nun wieder im Erker und Kolnos deutete einladend auf ein nebenstehendes Rauchtischchen . Bland nahm mit dankender Verbeugung eine Zigarette und steckte sie an . Dabei schaute er durch die Gläser seiner goldumrandeten Brille mit intensiver Aufmerksamkeit auf Rudolf und seine ohnehin ernste Miene nahm einen noch strengeren und wichtigeren Ausdruck an . » Hm ... also jenen Artikel haben Sie geschrieben ? ... ich habe ihn nicht mehr recht im Gedächtnis ... doch Ihre Fragestellung von vorhin zeigt mir , daß Sie meine bevorstehende Reise nach Rom etwas irrig auffassen . Gegen den Militarismus , sagten Sie ? ... Nein , das nicht - « » Warum in aller Welt wollen Sie dann an der Konferenz teilnehmen ? « » Mein Gott - wenn ich ganz aufrichtig sein soll , ich hatte schon lange den Wunsch , Rom zu sehen - meine Frau auch ... die Konferenz wird ja auch ganz interessant sein ... Und für den Frieden kann man immer eintreten - freilich unter dem Vorbehalt , daß man an der Wehrhaftigkeit des Vaterlandes festhält ... Natürlich ist ja von ewigem Frieden und derlei Unsinn für einen ernsten Politiker nicht die Rede - « » Was in aller Welt , möchte nun auch ich fragen , « fiel Kolnos ein , » tun Sie dann auf einer Friedenskonferenz ? « » O , man kann da sehr nützlich sein - - besonders muß man darauf achten , daß , wenn etwa gefährliche Fragen , wie die elsaß-lothringische oder irredentistische , aufgeworfen werden , man den etwaigen Ausfällen der politischen Heißsporne rechtzeitig einen Dämpfer aufsetzt . An dem status quo des Territotal-Besitzes der Staaten darf nichts geändert werden . Wer für die Erhaltung des Friedens ist - und das ist ja schließlich fast jeder vernünftige Mensch im allgemeinen und unsere Partei im besondern - der muß wachen , daß an dem Besitzstand der Staaten nicht gerüttelt werde , der muß darauf hinwirken , daß sich die Nationen jeder Eroberungspolitik enthalten und nur darauf sich beschränken , so stark zu sein , um die Agression der anderen siegreich abwehren zu können . Wäre der Dreibund - « » Welche anderen ? « unterbrach Kolnos . » Wenn sich die Nationen der Eroberungspolitik enthalten , welcher Angriff ist dann abzuwehren ? « Aber Bland beachtete den Einwand nicht und beschloß den angefangenen Satz : » Wäre der Dreibund nicht so stark , so würden die Franzosen gleich Krieg anfangen , und gegen kosakische Einfallsgelüste muß man auch sein Pulver trocken halten . « » Und mit diesen Ansichten « - rief Rudolf - » sind Sie Mitglied der interparlamentarischen Union für Frieden und Abrüstung ? « » Für Frieden und Schiedsgericht - nicht Abrüstung . Das Wort Abrüstung dürfen wir gar nicht in den Mund nehmen . Es ist unpatriotisch , unloyal und unvernünftig . « » Erlauben Sie , « mischte sich Kolnos ein , » wenn Schiedsgerichtsverträge abgeschlossen werden , wozu braucht man dann die übertriebenen Rüstungen ? Sind diese nicht eher unvernünftig und vertragen die sich mit den sogenannten liberalen Ideen ? « Bland war um Antwort nicht verlegen . » Einmal liegen die Schiedsgerichte noch in weiter Ferne - würden doch auch nur für Fälle in Anwendung kommen , bei welchen die Ehre und die Lebensinteressen der Staaten nicht tangiert werden - und was die übertriebenen Rüstungen betrifft , ja da haben Sie vollkommen recht , meine Herren , die ruinieren die Nationen - gegen die muß man sich verwahren . Da sind wir Liberalen immer auf Posten , die bekämpfen wir standhaft . Wir verlangen Rechenschaft für jede Verwendung und streichen ab so viel als tunlich , um die Finanzkräfte zu schonen . Und alljährlich bei der Budgetdebatte erhebt einer von uns die Stimme , um das ungesunde Wachstum des Militarismus zu verdammen . Das Wort Militarismus ist ja eben - im Gegensatz zu Militär - die Bezeichnung eines Auswuchses , eines ungebührlichen Übergewichts ... gerade so wie Klerikalismus im Verhältnis zu Kirche oder Religion . So bekämpft unsere Partei auch den Klerikalismus - nicht aber die Kirche und die Religion . Diese muß dem Volke erhalten werden , ebenso wie das Militär dem Staat erhalten bleiben muß . « Kolnos unterdrückte die Bemerkung » besonders wenn man einen Sohn in der Wiener-Neustädter und den anderen in der Weißkirchener Militärschule hat . « Diese Ideenverbindung äußerte sich nur in der Frage : » Wie geht ' s Ihren beiden Buben , Herr Hofrat ? « » Ich danke - es geht ihnen gut . Die Bengel freuen sich allerdings schon riesig auf ihr Porte-Epée ... die wollten von Antimilitarismus nichts hören ! Der älteste wird schon künftigen Sommer ausgemustert - das wird ein Stolz sein , namentlich für seine Mama . « Rudolf stand auf . » Lieber Freund , « sagte er zum Hausherrn , » ich muß jetzt leider mich empfehlen . « Aber Kolnos ließ den jungen Mann nicht fort . Und nachdem man noch eine weitere Viertelstunde über verschiedene Dinge gesprochen , wobei Rudolf äußerst zurückhaltend und wortkarg blieb , was es der Hofrat , der sich zum Gehen erhob und Kolnos versuchte nicht , ihn zurückzuhalten .